Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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"Die Mesfiasbrant. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Von S. Schachnowltz. (Fortsetzung.) 18. Das Wunder von Livorno. In Livorno hatte Jachinis Anwesenheit alle! Gemüter aufgerüttelt. Mit beredter Zunge schilderte er in öffentlichen Vorträgen das Leid und!die Sehnsucht allüberall, daß alles zu Tränen gerührt war; vom Erlösungsdrang erzählte er, der I alle ergriffen, vom jüdischen Lastträger in Saloniki bis zum jüdischen Fürsten Rafael Josef! Chelebi in Kairo, der Amt und Stellung abzulegen bereit fei, um dem Messias ins heilige Land zu folgen. JachiNi hatte eine große Gemeinde der Unglücklichen und Harrenden um sich. lieber Mähren, Böhmen, Oesterreich und Ungarn strömten Juden in Italien ein; elend und abgerissen, Verzweiflung im Auge, so kamen die polnischen Flüchtlinge, die dem Blutbade, den Feuersbrünsten, dem Hunger und der Seuche in der vom kosakisch-polnischen Kriege durchtobten Heimat mit knapper Not entronnen waren, j Livorno, die blühende jüdische Gemeindewar zumeist das Ziel der Flüchtlinge, wo sie auch von ihren Brüdern mit aller Herzlichkeit und Liebe ausgenommen, verpflegt, bekleidet und unterstützt wurden. Nach Rabbinats- und Vorstandsbeschluß mußte jeder Erwerbsfähige in Livorno ein V i e r t e l s e sn e s -E i n k o m m e n s für die Kaffe abgeben, die zur Auslösung der in tatarische »der k 0 s a k i s ch e Gefangenschaft geratenen polnischen Juden und deren Unterstützung diente. Alle Höllenqualen der Vormessiaszeit hatten die Unglücklichen hinter sich, wenn es ihnen gelang, den sonnigen italienischen Boden zu betreten. Und bei ihnen, fand Iachini mit seiner Verkündung zuerst Glauben und begeisterten Widerhall. Bei ihrer Wanderung von Land zu Land und ihren Beziehungen zu den in alle Lande des Erdenrundes versprengten Familienglieder trugen sie mit ihrer Not und ihrer Hoffnung, den Namen S a b b a t a i s wie in Windeseile durch die Welt. ' Die italienischen und spaniolischen Juden, gleiches Leid und gleiches Sehnen im Blute — ihre bessere Lage war kaum ein halbes Jahrhundert alt — wurden rasch mitgerissen. Man hatte^ vorherschon soviel in Livorno von Sarah gesprochen, daß, als sie mit den Voten ankam, ihr alle Herzen entgegenschlugen. Bezaubert von ihrer Gestalt und ihrem Auftreten, jubelten sie ihr mit der Begeisterung der Südländer zu: „Unsere Königin, führe uns! . . ." Sie teilte ihre königliche Huld nach Wert, Stelleung und noch mehr nach Laune und Neigung aus. Es gab bald wie überall rauschende Feste, Tanz und Taumel bei Fackellicht, wobei Männer in Ekstase ihre Kleider vom Leibe rissen und junge Frauen ihre Haare entblößten und kostbaren Schmuck ins Freudenfeuer warfen, und zwischen Gebet und Kasteiung sangen Wohllust und Begierde ihr häßlich schrilles Lied und feierten Orgein bis zum flammenden Wahnsinn. Denen, die bedenklich den Kopf schüttelten, rief man^im Rausche befangen, zu, sie seien kleine Seelen, die nicht, merkten, daß die Zeit gekommen fei der neuen Lösungen und Bindungen Und sie seien der Erlösung nicht würdig . . . Flüchtlinge erhielten Briefe, daß in Ungarn Juden ihre Häuser abtrugen, in Deutschland, besonders in Bayern in der Gegend von Fürth und Nürnberg ganze Judendörfer ihre Sachen auf Planwagen verpackten und sich zur Auswanderung anschickten, daß in Hamburg und Amsterdam Juden ihre verwickelten Handelsgeschäfte einstellten, daß in Polen und in der Ukraine Kinder im zartesten Alter der Ehe zugefürt werden, um die Geburten der neuen Seelen so zu steigern, daß dem Messias kein Hindernis mehr im Wege stände. All diese Gerüchte die, wenn noch so Phatastisch geglaubt wurden, wirkten zündend auf die erregten Gemüter unter dem warmen italinischen Himmel. Livorno hatte den Messias selbst nicht in seinen Toren, aber es wurde seines Schattens würdig. Livorno und Italien huldigten der Messiasbraut! ... So vergingen Wochen, Monate, in Rausch und Braus. Aber der Tag rückte heran, da Iachini aufbrechen mußte, um sich mit Sarah nach Aegppten einzuschiffen, denn der Messias wartete ihrer in Kairo. Man war unglücklich in Livorno und zugleich entzückt und hochbeglückt — daß es nun dem Ende entgegenging. Der Abschiedsabend entfesselte alle letzten noch irgend an Vernunft oder Sitte gebundenen Leidenschaften und riß auch viele der Abseitsstehenden mit, während er in gleichem Maße die Nachdenklichen, die aber nicht zu reden wagten, vollends abstieß und mit wehem Schmerz erfüllte über dieses enge Beisammenwohnen von Inbrunst und heilgier Empfindung mit wilder Gier und Ausschweifung. Im Garten M a s s o l i s, wo Iachini sein Quartier hatte, brannten unzählige bunte Lampions und fidelten die Spielleute zum Tanze auf, daß es rundherum im weiten Umkreise dröhnte von Lust und Freude . . . > Am gleichen Tage hatten sie in Livorno auch draußen außerhalb des Ghetto ein größeres Fest gefeiert. Morgens läuteten alle Kirchenglocken und mittags bewegte sich eine feierliche Prozession von P o r t o M e d i c c o , dem alten Hafen, an Kathedrale und Kirchen vorbei durch die mit Fahnen und Girlanden geschmückten und blumengestreuten Straßen bis zum Montonero. Geistliche in vollem Ornate zogen hinter den Kirchensahnen, die ein großes Heiligenbild umflatterten. Hinter ihnen die Augustiner, Dominikaner, Franziskaner und Kapuziner in ihren dunklen Trachten. Das Volk in langer Reihe, die Männer mit entblößtem Haupte, die Frauen mit brennenden Wachskerzen in der Hand, Gebete murmelnd hinterher? Glöcklein erklangen und Kapellen spielten Choräle . Aus den Fenstern wehten Banner und bunte Wimpel und flogen Blumen auf die Köpfe der frommen Beter. Die alte Wallfahrtskirche in Montonero hatte ein neues Bild erworben, die keusche Susan na, ein Kunstwerk, wie ihn Livorno noch nicht gesehen, ein Symbol der „duldenden, vielverkannten Kirche". Und dieses Heiligenbild wurde heute eingeweiht. Auf dem Markte am Portus Liburni im Vororte Montonero tobten sich nun abends, nachdem die Kirchenfeiern des Tages die Gemüter etwas bedrückt hatten, die. Freude und der Volkshumor aus. Farbige Lichter beleuchteten den weiten Platz bis zu den Plantagen und Alleen, die ihn von allen Seiten buschartig umsäumten. In den Teichen zwischen märchenhaftem Gesträuch zogen die Kähne, besetzt von buntgekleideten Burschen und Jungfrauen, die zur Mandoline und Laute ihrer Romanzen sangen.Karusselle bewegten sich beim Klange von Drehorgeln in die Runde und auf einem taghell beleuchteten Viereck wiegten sich Paare im Tanze. Aus langen Tischen wurden Leckereien und Konfetti feilgeboten. Gaukler sorgten für allerlei Belustigungen und aus Schaubuden kam schrille Musik und lautes Lachen. Zuweilen verirrten sich einzelne harte Töne vom Markte nach dem Garten von Maffoli in der Judengasse und liehen die von anderen Gefühlen durchglühten Juden wie in Angst aufhorchen. Aber dann winkte jemand mit der Hand nach der Richtung des Marktes, als wollte er sagen: Laßt sie doch. Sie werden nicht mehr lange jubeln, die Feinde und Verfolger. Es naht der Tag . . . Und man gab sich wieder der eigenen Freude, dem Tanze und dem Taumel hin. Immerhin mahnte jemand: „Nicht zu laut, Freunde, die Leute draußen sind von den Prozessionen und Gebeten des Tages in frommem Eifer befangen und von der Lust des Abends in wilden Rausch versetzt. Wir sollten nicht durch allzu lautes Benehmen ihre Aufmerksamkeit auf uns lenken ..." Es war Mendel Minkower, der so sprach, ein polnischer Flüchtling, der noch alle Schrecken der Heimat in den Knochen sitzen hatte, alles mit furchtsamen Augen ansah und keinem traute. Man siel über ihn her, wie über einen Feigling, der nicht mit ganzem Herzen bei der Sache sei. Und Baruch Mulko, ein Spaniole mit verzückten Augen schrie: „Haorninu Gojim amo —Singet Wolker, mit Seinem Volke — denn Seiner Diener Blut rächt er ..." Sofort formte sich ein Reigen um Iachini und Sarah, die in der Mitte auf teppichbelegtem Sitze wie eine wahre Königin thronte, und in allen Wariatinen und hundert Wiederholungen und zuletzt in wortlosen Melodien nur, sangen, weinten und jubelten sie das „Harninu Gojim amo . . ." „Laß sie hören drüben und laß sie kommen!" schrie Baruch Mulko und ballte die dürren Fäuste. „Sie sind viel und stark," sagte jemand und drückte sich abseits, um den feindlichen Blicken zu entgehen. „Das'Wunder beginnt sich zu vollziehen. Wir fürchten keinen. .Has Wunder, das Wunder . . ." schrien viele im Chore. „Wo ist das Wunder?" unterbrachen welche, die abseits standen. Es bedurfte der Warnung Jachinis und des abwehrenden Zeichens Sarahs, daß sich die Menge nicht mit geballten, Fäusten auf die Zweifler stürzte. „Wunder! Wunder wollen sie," schrien mehrere durcheinander auf Sarah hinweisend, die strahlend und majestätisch dasaß, „hier ist das Wunder, die Messiasbraut ..." Aber das Wort Wunder hatte sich doch festgekeilt im Gehirn der Menschen, daß es auch die Gläbigen nach einem sichtbaren Wunder verlangte. „Sarah, Königin, führe uns im Namen Deines Gemahls, des Messias und Herrn, durch Gefahr und Wunder . . ." „Die hören uns drüben und lassen uns ge- ' währen, am Tage ihres heiligen Festes, das ist schon Wunder genug ..." Wir gehen zu ihnen hinüber," rief jemand plötzlich. „Zu ihnen, zu ihnen . . .!" schrie es wie im Echo zurück aus hundert Kehlen. „Sarah, unsere Königin, führe uns! Dir nach zu ihnen!" „Ihr seid vollends wahnsinnig, Leute. Ihr wißt ja, daß sich an ihrem Prozessionstage kein Jude in der Nähe ihrer Kirche zeigen darf. Sie werden uns in Stücke zerreißen ..." Die Warnung konnte von Mendel Minkower gekommen sein, vielleicht auch von einem anderen. Sie wurde laut überschrien.