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Der Israelit · 1924-02-14 · Heft 7 (14.2.1924) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 7 (14.2.1924)
Date
1924-02-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Tcuillcion Beilage Der Israelit nr. 7 Der Herr ftibt. Skizze aus dem amerikan schen Lebe« der Gegenw^. Von Anzia Deziersla. (Uebersetzung aus dem Englischen des Menorah-Iournals von A. M. E'n Blick auf die zusammengekniffenen Lippen seiner Frau warnte Rabbi Ravinsky vor dem S'.urm der 2Bu+, der über ihn au-zubrechen drohte. „Nun, mem Ernährer? Hast du mir den M'etzins gebr-ch'?" schleuderte sie ihm zwischen den gevreh en Zähnen entgegen. Rabbi Ravinsky hat'e versvrcchen. Geld zu boraen, um d'e wegen unbezahlter Miete bevorstehende Räumung abzuwenden: aber kaum hatte er se'n Haus verlassen, a^s ihm jeder Gedanke daran entschwand. Instinktmätz'g wandte er sch nach dem Besbamidrasch, wo er den ganzen Tag blieb, vertieft in der heiligen Schrift. Es war le'chter zu beten und sich durch die Propheten se'nes S'ammes aufzuschwingen, als mit gemeinen irdischen Sorgen zu kämpfen. „Heiliger Jude! Warum b iebst du nicht etwas länger fort?" In ihrer Wut ritz sie an ihrem Scheitel. „B st du ein Mann wie d'e andern Männer? Denkst du überhaupt an Frau und Kind? Wenn du zu essen b'kommst, dann itzt du, wenn du nicht zu essen bekommst, b st du nicht hungr'g. Du nährst dich mi: hoben Gedanken, du hältst dich nur an Gott! Weib und Kind mögen auf die S ratze geworfen werden, zur Schande, zum Gelächter. Was kümmert's d'ch? Du lebst--nur für die nächste Welt, denkst nur an den H'mmel! Deine Fami.ie kann in der Hölle verkommen!" Rcbbi Ravinsky stand stumm und hilflos unter dem Schwall ihrer Zunge. Aber a's sie den Vorrat ihrer Beschimpfungen erschöpft hatte, r'chiete er auf sie einen Blick der Entrüstung und Verurteilung. „Ischoh rah! böse Frau!" wandte er sich gegen s e, die Gottlosigkeit anklagend, wie ein^r der alten Propheten. „2scho rah", w'ederholte er. Seine Stimme voll eisiger Leidenschaft sandte Schauer über ihren Rücken. „2scho rah!" kam zum dritten Male in der myst scheu Feierlichkeit, die sie sofort zu verehrender Unterwerfung breche. „Denen Mann Gott entz ehen! Ihn der heiligen Thora entziehen! Das einzig Köstliche in Leben verlieren, das Einzige, das den Juden über alle Nationen erhöht, das Einz'ge, das weder des Zaren Pogrome, noch all die Leiden, Erniedrigungen. Iudenmorde nicht im Juden er ölen konnte — die Hoffnung auf die nächste Wel!" Wie der Geist der Gerech igkeit erschien er ihr, erheben, entbrannt vom Gotteswort. „Ich frage dich auf dein Eew.ssen, soll ich das wrk.iche, das wahre Leben aufgeben für gu es Essen, gutes Schlafen, ein Leben für den Körper, wie die Amhorazim hier in Amerika? — Soll ich aus der Thora eine Hacke machen, um dir die Miete herauszugraben?" — Das Samtkäppchen, das letzte Ueberbleibsel seiner rabbinischen Tage zurückschiebend, traf ihn der anbetende Blick seiner Frau. Erinnerungen überkamen ihn an feine entschwunden Würde in Ruhland. Von fern und nah sah er sein Volk zu ihm eilen, um Weisheit von seinen Lippen zu lernen. Sich zu seiner vollen Höhe aufr ch end, sch iit er durchs Zimmer und stellte s ch i.,r gegenüber. „Warum hast du n'cht einen Schneider, e'nen Schuhmacher, einen Geldmacher, einen Mann des Fle sches gsheira et? — einen Rabbiner, der seine Religion über den Ladentisch verkaufen kann, wie der Fleischer Fleisch verkauft." Voll Zerkn'rschung b'ick'e Frau Rav'nsky auf ihres Galten göttlich strah endes Ges cht. Weil er nicht ein Mann dieser Welt war, liabte sie ihn. Ihre dunkelstm Augenblicke wurden erhellt durch den Soz auf ihn, durch die Hoffnung, datz in der nächsten Welt der Glanz seiner Frömmigkeit auf sie z arückstrahlen und sie erhöhen möchte. D e U berzeugung, datz sie gegen hr besseres Wollen ihn durch ihr stetes Verlangen nach Brot und Miete quälte, tat ihr im tiefsten Herzen weh. Ach, das Geld, das schreckliche Uebe! Warum mutz e sie ihren Mann mit irdischen Dingen quälen, da doch all ihr Sehnen dahin zielte, ihm beizustehen, einen höheren Platz im Himmel zu erlangen. Tränen fielen aus ihren ma' en Augen. Er hät'e mit ihr weinen mögen, es schmerzte ihn, sie le den zu sehen. Aber einmal für a le, er mutzte hrem Gezanke ein Ende setzen, er mutzte den bcstn Ee st der Quälerei, der sie beherrsch e, austre.ben, damit er sich nicht wende und ihn zerre tze. „Warum tötest du deine Seele dieses Lebens wegen? Sieh, schon steht der Tod über d'r. Ein Futz ist bereits im Grabe. Weitzt du, was d ch erwartet, weil du die Thora gering cch est? D e Feuer der Hölle waren auf dich. Ich warne dich!" Und als ob er das Uebel abwehren wollte, das sein Haus bedrohte, eilte er zu seinem Schrein voll hei.iger Bücher und zog einen Band seines gelicb en Talmud heraus. Mit Verehrung l ebkcste er dessen abgenutzte und verg lb e B.ä tcr, als er gierig die geistvollen Worte verschlang. Für ku.ze gesegnete Augenbl.cke war er allen irdischen S.ürmen enthoben. In Schnipishok war Rabbi Ravinsky ein Porusch gewesen, ein pensionierter Gelehrter. Die Juden des Dorfes schätzten sein Lernen und seine Frömmigkeit so hoch, datz sie sizm ein Gehalt bewil.ig en, um dem Manne Gottes jede .rdische Sorge fern zu halten. In der neuen Welt angekommen, fühlte er bald, datz dort keine derar.ige, ehrenvolle S ellung zu finden war, ihn von der Welt des Fle sches zu befreien. Während einiger Zeit gelang es ihm mir Mühe durch Privatunterricht im Hebräischen einen knappen Lebensun.erhalr zu erwerben. Aber d e Eröffnung der freien hebrä schen Schule en zog iym die meisten stiuer Schüler. Er war von Gott erwählt worden, das L'cht der Thora zu oerbrei.en, und irgendwie, irgendwo mutzte ein Lebensunterhalt kommen, wenn er nur getreulich diene. Wie ruhmsvoll, inzwischen zu hungern, zu darben, Schmähung, Spott zu erleiden, aus allem wie Hiob hervorzugehen und der Welr verkünden: „Ich we.tz, mein Helfer, mein Retrer leb.!" Das laute Seufzen seiner Frau eniritz Rabbi Ravinsky seiner Begeisterung. Aus dem Schutzwall der Thora gedrängt, schlotz er das Buch und begann, auf und ab zu schienen. „Können Wasser und Feuer vereint sein? Ebenso wenig können es Gottseligkeit und leichtes Leben. Wenn du nur Augen des Fle,sches hast und blind bist, sollte ich in deine Blindheit verfallen? Du sorgst, nur für das, was du in den Mund stecken oder auf dem Rücken tragen kannst, ich kämpfe für das wahre Leben, für das Leben in Gott!" -- „Mein Mietzins — habt Ihr meinen M'etzins? Ich warnte Euch!" Der Hauswirt stürz e durch die halb geöffne.e Tür ins Zimmer, den Räumungsbefehl unter Rabbi Ravinskys Nase haltend. „Ich gab Befehl, Euch hinauszuweisen", schrie er und wänd e sich an seine Leute, mit der Räumung zu beginnen. „Oi, Oi, schwarz ist mir, b.tter ist mir," stöhnte sein We b, sich matt an die Wand lehnend. Wochenlang hatte sie in steter Angst vor d'eser Katastrophe gelebt und nun, als die rauhen Männer w.rklich in ihr Heim einbrachen, überleb sie sich dem Weh vol.ständigen Zusammenbruchs. Sie überwachte, wie sie den rostigen Ofen niederrifsen und ihn auf die Siratze setz en.i Sie nahmen das Bett, das Pesach-Geschirr, das sorgsam verpackt war, um jede Berührung mit Gesäuertem zu vermeiden. Sie nahmen den Samowar, sie nahmen die Sabbat-Leuch er. Und sie stand dabei, stumm, wehrlos, ohnmächtig. „Was sünd gte ich?" entrang sich ihr. „Gott, Gott! Ist ein Gott über uns, und all btesj sieht Er!" Die Männer und die Sachen, die sie bei rührten, waren in Rabbi Ravinskys weitsehenden Augen gle'ch Schatten eines wesenlosen Trau-I mes des Lebens im Fleische. Sein Wesen, ge-! wurzelt im Brennpunkt der andern We.t, sah! er nur in trüber Undeutlichkeit die irdischen Er > eignisse. In Scherben ging das geheiligte Sab«! bat-Weinglas zu Boden. Rabbi Ravinsky! wandte sich scharf um, gerade Zeitig, um zu sehen! wie ein Mann rücksichtslos die hei.igen, jüdisches Bücher auf die Erde warf. Ene Flamme heiiiger Wut sprang aus des! alten Mannes Augen. Sein Aiem ging krankhaft schwer, als er mit abgezehrten Fingern nach dem Herzen griff. Die Roheit diese! Lümmel! Rasch bückte er sich, die Bücher auf-! zuheben, jeden Band in frommer Verehrunz! fsend. Als er sie in seinen zitternden Armen! h'elt, schaute er sich verwirrt nach einem sichern! Versteck um. In der Angst um die Sicherheit! seines heiligen Schatzes vergatz er sein Weib! und lief nach dem Beshamidrasch, wie man aus! einem brennenden Hause läuft. So überreizt (fassungslos) war er, datz er beinahe über feine] kleine Tochter fiel, welche die Treppe empor-! sprang. „Mörder!" schmollte ihm seine Frau nach! lauf, lauf nach der Synagoge! Heiliger Jude!! Sieh, wohin Deine Religion uns gebracht hat! Lauf, fordere Gott auf, unsere M.ete zu be-> zahlen!" Sie wandte sich zu ihrer kleinen Rachel, dir] erschreckt ins Zimmer stürzte. „Sieh, mein Her;! sieh, was sie uns angetan haben! Und bcinl Vater e lte, sich im Beshamidrasch zu verbergeiu Du hast keinen Vater, niemand, dir Brot geben, bist eine verlassene Waise!" (Fortsetzung folgt.) Uinderecke. •»nnw: •»min -'wn psn ’naix *iaw •in1? ‘ma •»min .'h>rrig ’ddid?2'pi *roa •*inb nna '•»npa ■»nun ,'11X» 2v'v 'inv rm •Trö nna TIJ&3P -1 'T’l

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