Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1924-01-24 · Heft 4 (24.1.1924) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 4 (24.1.1924)
Date
1924-01-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450286-2450290--70998-2528273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Israelit Dr. 4 1924 Dgs Feuer der Liebe. Non Heinrich Einstädter. Was gut ist, geht nie verloren; es wächst und mehrt sich. Wenn eines Menschen Herz eine besonders edle Tat entspringt, dann sprühen von dem Altar, der im höchsten Himmel schwebt, drei Fünkchen zur Erde und entzünden in drei Menschenherzen den Vorsatz zu neuen edlen Handlungen. Im Jahre 1918 fiel in einem Gefecht an der italienischen Grenze ein Jude und hinterlieh drei arme mutterlose Binder. Sie kamen zu einer Tante, die eine kleine Schenke in Mahren betrieb, aber selbst unbemittelt und zur Erziehung der Binder nicht geeignet war. Da hielt eines Abends ein Wagen vor dem Hause, weil die Pferde gewechselt werden sollten, und eine vornehme Dame trat in das Schenkzimmer, um sich dort zu' erwärmen; denn es war eine kalte Winternacht. Da sah sie in der Ecke ein kleines Mädchen, bläh Und schmächtig und dürftig bekleidet. Hunger und Schlaf schauten ihm aus den Augen. Die Frau empfand sogleich Mitleid mit dem zarten Geschöpf und zog es in ein Gespräch. Da erfuhr sie denn, dah das Kind Vater und Mutter verloren hatte und hier in Armut mit seinen Geschwistern lebte. Es konnte trotz seiner Müdigkeit noch nicht zu Bette gehen, da es noch in der Schenke — tanzen muhte. Das rührte das Herz der gütigen Fremden, Sie sprach mit der Wirtin, notierte sich alle Angaben, die ihr gemacht wurden, und veranlahte alsbald nach ihrer Heimkunft, dah das Mädchen durch das Rote Kreuz einem gröheren Transport von Kindern einverleibt wurde, die zu ihrer Erholung auf zwei Monate nach Schweden gesandt werden sollten. Die Kinder kamen nach der langen Reise in dem fernen Lande an, und sie erregten durch ihr elendes Aussehen grohes Mitleid. Unter den Leuten, die für ihre Unterkunft sorgten, war auch eine gar wohltätige jüdische Dame. In ihr Herz war eines der Fünkchen gefallen, das sich vom Altar der Höhe gelöst hatte, und sie sprach daher zu ihrem Bruder: „Siegel Unter den armen österreichischen Kindern ist auch ein liebes jüdisches Mädchen. Es hat keine Eltern mehr und kann sich hier auch nicht erholen; denn es fürchtet schon jetzt wieder das Leid und das Elend, zu dem es wieder zurückkehren muh. Wenn du ihm Vater sein möchtest, ich wollte ihm gerne, sehr gerne Mutter sein." Da drückte der Mann seiner Schwester di? Hand, und — das Kind hatte ein Heim für alle Zeiten. — (Schluh folgt.) Eine Schweizerreise nach Jahren. H. Baden. In Baden, auf der Bahnstrecke Basel-Zürich, sprudeln die warmen Quellen von unten herauf . . . Wenn man, vom Endinger Walde kommend, den Berg heruntersteigt und sich unten im Kessel zu beiden Seiten der hellgrünen Limat die Hänge voller Reben, die prächtig umrankten Häuschen mit den blumigen Veranden und dem grünen Giebelwerke dem Auge auftun, fühlt man sich nach Genua oder sonst irgendwo an die Riviera versetzt. Weiter unten in Ennet-Baden erheben sich am Flußbett der Limat, die Quellen in großen Bassins fassend, die großen Hotels. Am Rande der Stadt singen Fabriken das harte Lied der Arbeit und in den Gassen raunen alte Bauten und Schlösser von Konferenzen, Religionsgesprächen und Treubündnissen, von Krieg und Frieden alter, verklungener Zeiten. Das Städtchen an der Limat birgt auch ein Stückchen m einer Geschichte. Auf dem Wege vom kleinen Bahnhose zur Innenstadt vor dem großen Bogentore erhebt sich seitwärts der S ch I o ß b e r g. Hier bleibe ich eine Weile in beschaulichem Rückdenken stehen. Es war im Frühjahre 1901, als ich hier sozusagen zuerst festen Schweizerboden betrat. Der Schnee schmolz und rann dem Schloßberg hinunter, der Tag ging zur Neige.. Da oben fand ich aber ein Dutzend Menschen in einer Art Deshamidrasch, zu dem man durch einen dunklen Korridor von der Synagoge aus gelangte. bei der Gemoro versammelt. An der Spitze des Kreises der etwas gedrungene Mann mit dem Jugendfeuer im Auge, aus dem unendliche Güte strahlte. Ich bat ihn, mir ein Hotel für die Nacht zu empfehlen. Er sagte: „Ich bringe Sie selbst hin. Aber dieses Hotel sieht sehr darauf, daß die Gäste dort auch was verzehren. Mso werden Sie dort heute Ihr Abendessen und morgen Ihr Frühstück nehmen." Und er brachte mich ins Hotel, wo ich zu Abend und zu Morgen aß. Ts war sein eigenes Haus . . . Oefters begab ich auch seitdem von meinem stillen Dorfe nach diesem Hause auf dem Schloßberg. And eines Tages stand ich klopfenden Herzens vor dem freundlichen Manne mit meinem ersten Opus — es hieß „Ehajim Molchiach" —. das ich ihm zur Prüfung vorlegte. Sein Auge lachte noch mehr, der Mund auch, und er gab das Schriftstück nichtaus der Hand. Acht Tage später las ich die Sache im- Mainzer „Israelit", sah ich mich gedruckt, zum ersten Male. Dieser Gang zum Schloßberg war entscheidend für mein späteres Leben ... Heute liegt der Schloßberg, das einstmalige Zentrum starken jüdischen Lebens, verödet. Gebet-, Lehr- und Rabbinerhaus, in dem die herrlichste der Frauen waltete, sind geschlossen. Ein verwunschenes Schloß, in dessen dunklen Räumen und Ecken es von einstiger Größe nur raunt und flüstert wie aus den Tiefen einer versunkenen Welt. Aber der Geist ist nicht gewichen, er hat sich nur anderswohin ve^ogen. Anten auf dem Wege zu den Heilquellen erhebt sich ein neuer, schöner, moderner Sunaqogenbau nach allen Gesehen der Technik und Vorschriften der Tradition, und drinnen am Vorbeterpulte und am Katheder wirkt ein Lehrer, der weit mehr ist als das. was man gemeiniglich darunter versteht, ein wahrer Führer seiner Gemeinde und Mehrer ihrer geistigen Substanz, ein kundiger Wegweiser für Väter und Söhne. Baden hat neben schönem Gottesdienste mit allwöchentlicher religiöser Belehrung vortrefflichen Religionsunterricht, gutverwaltete Institutionen, und im „Zentralhofe" versammelt sich in den Winterabenden Jung und Alt. um Vorträgen aus allen denkbaren Gebieten des jüdischen Wissens zu lauschen. Zu all dem wirkt im engeren Kreise ein Rabbi, der in althergebrachter Meise die Jugend im Talmud unterrichtet. Alle jüdischen Lcbcnsmöalichkeiten sind bestens gegeben. Die Wärme sprudelt von unten heraus, in diesem schönen aargauischen Städtchen, heute noch wie vor dreiundzwanzig Jahren . . . Diesen „ Z e n t r a l h o f" , ein mit allem Komfort ausgestattctes und peinlich rituell geführtes jüdisches Hotel, sollten sich jüdische Reisende, insbesondere aber auch kurbedürftige jüdische Familien, denen Wiesbaden verschlossen und andere Bäder zu teuer, zu geräuschvoll sind, oder in jüdischer Beziehung zu wenig bieten, heute, da die Brücke zwischen Mark und Franken wieder geschlagen ist, merken! In der alten Kehilloh. Als ich damals das Dorf mit der Post kutsche verließ, lag der Schnee kniehoch auf der welligen Straße, und mein Freund Morihle saß rocklos in der braunen Flanellwestc auf der ..Kunst" — Backofenbank — und sandte mir ein „Grüßgott" nach. Wie ich jetzt, nach sechszehn Jahren, mit dem Post a u t o ins Dorf einfuhr, lag der Schnee kniehoch wie damals und mein Freund Moritzle saß aus der „Kunst" rocklos in der braunen Flanellweste und ries mir „Grüßgott" zu. Cs hatte sich äußerlich nichts geändert. Aber auf dem Wege von Post kutsche zum Posta u to hat eine alte Gemeinde ihre reine Seele ausgehaucht . . . Das Auto setzt mich an der Post ab. Der Posthalter grüßt mich, als käme ich von einem Tagesausflug zurück. Die Menschen, soweit sie noch da sind, sind hier, frisch und bartlos, nicht älter geworden. Gegenüber der Post hätte aber der „S z a n a l e", der stsinalte, zugeknöpfte Gemeindedefpot der mit festem Willen und unerbittlich über ein halbes Jahrhundert das ganze herrlich zusammenhielt, winken müssen,' es geht dort kein Fenster mehr auf . . . Und ein paar Häuser weiter „Menkele", mit den lachenden Augen und offener Hand, dessen Kosenamen schlecht zu der Hünengestalt stand, und seine „Teile", die würdige Matrone der Gemeinde, die als Präsidentin des Frouenvcrcins alljährlich eine „schöne Red" hielt und danach ins „Wochenblättle" kam; das schöne Haus ist zugesperrt . . . Und hinter der Surb der „Bachgetsch", der mit seinen kurzsichtigen Augen die Gemeindeakten las und hinterher noch im „Kizzur"; das Haus ist abgebrochen . . . Und weiter oben in der Hirschgasse der „Mendele", der als Aktuar der Gemeinde dreißig Jahre wohl mit blauer Tinte und eigener Orthographie m eurem schönen Gemisch von Aargauer Swizerdütsch und Endinger Jüdischdeutsch die Sitzungen „protokollierte" und die Akten und Eingaben abfaßte, alles beharrlich mit dem Satze beginnend: „In Anbetracht der Umständeauch er ist gegangen „in Anbetracht der Umstände . . Und unten der Jakoble, der sangffohe, der dem neuen Chasan die alten Endinger Melodien beibrachte; er hat ausgesungen . . . Und auch Lewi Hersch, der kleine Mann mit dem Löwenbaß, der Neiilochasen; . seine Sonne hat sich längst gesenkt . . . Und der Simchele, und der Schmule und viele, viele andere . . . Die schmale Surb rauscht und raunt zwischen den verschneiten Straßendämmen, das Dorf mittendrin durchschneidend, und sagt: Alles fließt ... Hinunter, hinunter, wo auf halbem Wege zwischen Endingen und Lengnau sich die riesige Totenstadt der beiden ältesten Gemeinden der Schweiz ausbreitet . . . Vom Schneider Samuel jenseits des Surb wurde mir vor Jahren überbracht, er sei ebenfalls den Weg alles Fleisches gegangen, was ich — er war, wie ich ihn verließ, bald ein Siebziger — ganz in Ordnung fand. Wie er jetzt langsam über das Brücklein getrottet kommt, den geteilten langen Kaiserbart schneeweiß, Wams und Hausvaterkappe ebenfalls weiß — es schneite die Augen in eine andere Welt versunken, erschreckeich nicht wenig. Die Toten entsteigen ihren Gräbern, mich zu grüßen . . . Bald werden auch „Szanale" und „Menkele" und der „Bachgetsch" wieder da sein. Und auch „Mendele", der Aktuar, „in Anbetracht der Umstände . . ." Der Irrtum klärt sich bald auf. Es traf nicht ihn, sondern seinen jüngeren Bruder, den Eduard — „Edelwart" nannten wir ihn —. Also auch er, der ein Menschenalter im gleichen Rock und in der gleichen Kappe etwas wackelig zuweilen, besonders wenn Fremde im Dorfe waren und zu viel vom „Surbthaler" spendierten, aber immer treu und ergeben seinen Schammesdienst in Synagoge und Gemeinde tat . . . Samuel lebt und beabsichtigt, wie er mir sagt, sich noch lange seines Lebens zu erfreuen. Cs gäbe ja sonst am Schabbos kein Minjan . . . In anderen Häusern gibt es große Augen, da ich so urplötzlich, ein Stück ihrer Vergangenheit, in ihren Kreis hineinschneie. Hannchen, heute noch eine stattliche, schlanke Frau mit tiefliegenden, dunklen Augen, in einer Dachbude mit goldgesauber gescheuertem Fußboden, weint. Ich wage nicht, nach dem Manne zu fragen. Der Sessel am oberen Tischende steht leer . . . Aber der Sohn? Auch er, der Stolz und Ernährer der Familie, ist dahin. Es war Grippe in der Schweiz, und er hatte sein Geschäft in Zürich. Hannchen weint . . . Und auch andere weinen, alle weinen. Kein« und keine von den wenigen, die noch da find, die mir nicht ein paar Tränen von der Zwischenzeit her schuldig wären ... Sie waren es von jeher gewöhnt, all ihr Leid und ihre Freude im Lehrerhause hinter der Synagoge auszuweinen ... Dieses Häuschen — es steht noch da, als hätte ich es gestern erst verlassen, eingeklemmt von der Synagogenmauer vorne und dem Spritzenhaus mit der quer überhängenden großen Feuerwehrleiter an der Seite. Links auch das kleine Gärtchen, das ich treulich gepflegt, mit dem Zwetschgenbaum, den ich noch eine Woche vor meinen: Weggang gepflanzt ... Cs ist stämmig und breitastig geworden, das schmale, dünne Bäumchen von damals und trägt im Sommer Früchte. Der brave Mann, der seit sechszehn Jahren hier seines Amtch waltet, pflegt Baum und Gärtchen mit Liebe und Treue wie all meine anderen hier gestreuten Saaten. Den Niedergang konnte er nicht aufhalten . . . Und mitten aus dem wirren Haufen der Häuser und Häuschen mit den grünen Läden und sauber blinkenden Giebelaufgängen ragt der große barocke Synagogenbau, ein Denkmal alter Herrlichkeit, hervor. Hier auf dem Rasen pflegten schon um diese Zeit alle Männejr der Gemeinde versammelt zu sein, in Abwartung der Minchozeit und Besprechung der Gemeindeangelegenheiten. Der Platz ist verödet, die Synagoge geschlossen, oft auch am Freitagabend. Ich lasse mir den Schlüssel geben und verrichte just an der Stätte, wo ich sieben Jahre, oft vor vollem Hause, gelehrt und gebetet, mein stilles, einsames Gebet. Und all die prächtigen Gestalten, der „Szanele" und der „Menkele" und der „Bachgetsch" und der „Mendele" und der „Jakoble" kommen die Surb hinauf, füllen das Haus und beten nnt: „Hüter Israels, hüte Israels Rest ..." Und der „Edelwart" sagt sein Kaddisch bazu . . . Noch am gleichen Abend fahre ich mit dem letzten Postauto zur Station und von dort nach Baden zurück. Jur guten Bette des „Zentralhofes" finde ich um die Mitternacht noch keinen Schlaf, höre immer noch das Gebet der Alten, Schlummernden, das Sterbegebet einer alten Gemeinde. Draußen vor dem Fenster spielt eine gute Kapelle: „Heil dir, Helvetia!" und aus kräftigen Männerkehlen .erschallen Grußworte. Es ist Sylvssternacht . . . (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.