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Der Israelit · 1924-01-10 · Heft 2 (10.1.1924) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 2 (10.1.1924)
Date
1924-01-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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a 1924 Beilage Nach Berlin. Ein Kuliurbild aus dem vorigen Jahrhundert von M. £. (Fortsetzung.) Rabbi Daniel, in seiner Herzensgüte, wollte dem Manne keinen Kummer verursachen und trat bei ihm ein. War er es doch gewesen, der dem Manne die große und einträgliche Stelle in Berlin verschafft hatte. Einst hatte er Geschäfte mit dem Fürstbischof von Bamberg. In der Nähe von Bamberg brach ein Rad an seinem Wagen; es war an einem Freitage, und Rabbi Daniel mutzte über Sabbat in dem Dorfe Zeckendorf bleiben. Dort wohnten damals ca. 70 jüdische Familien. Als Rabbi Daniel die Synagoge besuchte und den Chasan hörte, war er entzückt von dessen Stimme und dessen Vortrag. Nach Berlin zurückgekehrt, setzte Rabbi Daniel es durch, datz der Kantor jenes fränkischen Dorfes in gleicher Stellung nach Berlin berufen wurde. Rabbi Aaron Bär war, wie damals alle Juden der Bamberger Gegend, in der Thora nicht unerfahren; er aber überschätzte sein Wissen ganz ungemein und hielt sich für einen größeren Lamdon als seinen großen Hausgenossen. „Ich wollte eigentlich nicht zu Euch," sagte Rabbi Daniel, „ich wollte den Rabbi aufsuchen, ich habe eine Schaaloh bei-^ihm zu machen." „Nun," entgegnete Rabbi Bär schmunzelnd, „wenn Ihr mir die Frage vorlegen wolltet . . auch ich habe etwas gelernt." Rabbi Daniel lächelte. Er war sin Ungelehrter; aber soviel verstand er doch, daß zwischen dem Wissen Rabbi Hirschels und dem Rabbi Aaron Bärs ein himmelweiter Unterschied war. „Mein lieber Freund," sagte er, „ein Jeder in seinem Fach. Ihr seid ein unübertrefflicher Sänger und der Rabbi ist ein unübertrefflicher Lamdon." Rabbi Aaron Bär wurde über und über rot. Es waren seine eigenen Worte, die Rabbi Daniel Jzig zitierte, und die einst das Gelächter von ganz Berlin hervorgerufen hatten. Wir wollen das ausführlich im nächsten Kapitel erzählen. VI. Es war am Rüsttage zum Neujahrsfeste gewesen; Rabbi Hirschel bereitete sich für die Predigt vor. Da erschollen aus dem Erdgeschosse die schönsten und ergreifendsten Melodien; Rabbi Aaron Bär übte neue Gesänge für den Mussaf- Getteedienst ein. So schön der Gesang war, sr störte er doch den Rabbiner im Nachdenken. Er schickte seinen Diener hinunter und ließ Rabbi Aaron Bär höflich ersuchen, mit seinem Gesänge so lange einzuhallen, bis der Rabbiner mit der Vorbereitung für die Predigt fertig sei. Rabbi Aaron Bär ließ aber zurücksagen: Ein Jeder in seinem Fach; der Rabbi kann warten, bis ich fertig bin. Was wollte Rabbi Hirschel tun? Er schloß die vor ihm aufgeschlagenen Bücher und horte ruhig zu, wie Rabbi Aaron Bär die neuen Melodien einübte. Am Neujahrstage betete der Rabbiner Schachriß vor. Da bekam die Gemeinde Rabbi Aaron Bärs neue Melodien zu hören, sodaß dieselben, als sie vom Chasan zu Mussaf vorgetragen wurden, den Reiz der Neuheit, verloren hatten. Natürlich erregte das allgemeines Aufsehen. Die Entstehungsgeschichte dieses Melodienplagiats wurde bald ruchbar zum Ergötzen der ganzen Gemeinde, und Rabbi Aaron Bär mußte die Worte: „Jeder in seinem Fache," oft genug hören. Nun Zitierte sie sogar sein Freund und Gönner, Rabbi Daniel Jzig! Man kann sich vorstellen, in welche Verlegenheit der Kantor darauf geriet! Für Rabbi Daniel hatte dieses Intermezzo das Gute, daß es zu seiner Beruhigung beitrug. Sein Herz hatte ihm laut geschlagen, als sein Wagen vor dem Hause des Nabbinen hielt. Hing doch von der Entscheidung Rabbi Hirschels die Gestaltung seiner Zukunft ab. Jetzt stieg er, nachdem er sich von Rabbi Aron Bär verabschiedet hatte, lächelnd die Treppe hinauf. Mit großer Freude empfing der Rabbiner den allgemein geehrten und geachteten Mann. „Seid mir herzlich willkommen, Rabbi Daniel", rief er ihm entgegen. Dann führte er ihn nach dem Sofa und bat ihn, Platz zu nehmen. Und nun stand Rabbi Daniel vor der Entscheidung. Die ganze Wucht des Momentes kam über ihn. Er konnte nicht sprechen; Tränen entstürzten seinen Augen; Rabbi Hirschel erschrak. „Rabbi Daniel," rief er, „was ist Euch, was ist passiert?" „Ich stehe im Begriffe," entgegnete Rabbi Daniel schluchzend, „mein ganzes Vermögen hergeben zu müssen!" „Und wenn dem so ist," fragte der Rabbiner, „ist das der Mühe wert, daß ein Mann, wie Ihr seid, deshalb weint? und wenn Ihr keinen Heller mehr besitzt, so seid Ihr dennoch der gute, brave, fromme Rabbi Daniel Itzig, ein Mann, wie es Wenige gibt auf Erden! Euer ganzes Vermögen, sagt Ihr? Ihr irrt Euch, das ist nicht möglich. Hört mir zu; ich will Euch eine Geschichte erzählen: Rabbi Samuel Hannagid war ein tüchtiger, gelehrter Mann und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schreiber. Da wurde der König auf ihn aufmerksam, er-? kannte seine Tüchtigkeit, seine Gelehrsamkeit, alle seine guten und großen Eigenschaften, machte ihn zu seinem ersten Minister und überhäufte ihn mit Reichtümern. Die Großen des Hofes beneideten und befeindeten den zu so hoher Stellung emporgestiegenen Juden, sie verleumdeten ihn beim Könige, indem sie behaupteten, Rabbi Samuel habe einen großen Teil der Einkünfte des Staates unterschlagen und für sich behalten. Da forderte der König eines Tages seinen Minister auf, datz er ihm ein genaues Verzeichnis seiner Besitztümer überreiche. Rabbi Samuel brachte ein solches. Der König sah es an und rief zornig: Wie kannst Du es wagen, so geringe Summen als alle De'ne Besitztümer zu bezeichnen? Habe ich selbst Dir doch mehr geschenkt als in dem Verzeichnisse steht! Jetzt sehe ich, daß deine Feinde recht haben, da du mir die Wahrheit verhehlst. — „Mein Herr und König," antwortete Rabbi Samuel, „du hast ein Verzeichnis meiner Besitztümer verlangt; alle die Schätze, die deine Gnade mir verliehen, die Schlösser und Landhäuser, die Felder und Weinberge, besitze ich sie denn wirklich? Können sie mir nicht in jedem Augenblicke genommen werden? Die Summen aber, die auf dieser Liste stehen, die habe ich zu lauter wohltätigen Zwecken verwendet, dafür habe ich Synagogen und Lehrhäuser gebaut, damit habe ich arme Gelehrte unterstützt und die Wissenschaften gefördert, dadurch habe ich Witwen und Waisen, Arme und Kranke vor Not und Elend geschützt, damit habe ich arme Bräute ausgestattet und armen Kindern Unterricht und Kleidung verschafft, dadurch habe ich Sinkende gestützt, damit sie nicht gänzlich in Verfall geraten; deshalb sind diese Summen mein wirkliches Besitztum, das ich nicht verliere und das mir niemand nehmen kann." — Und der König umarmte seinen Minister, der noch höher in seiner Gunst stieg, wie je zuvor. — In derselben Lage seid auch Ihr, Rabbi Daniel, Ihr könnt niemals arm werden. Was Ihr gutes getan, das bleibt Euer unveräußerliches Eigentum. Und nun erzählt mir, um was es sich handelt und in welcher Beziehung ich Euch dabei dienen kann." Rabbi Daniel erzählte ausführlich mit allen Umständen.. Als er fertig war, atmetete der Rabbiner erleichtert auf. „Mein, lieber Freund," sagte er, „Ihr könnt Euch vollständig beruhigen; David Weschner hat nicht einen Pfennig von Euch zu beanspruchen." „Er beansprucht auch nichts," entgegnete Rabbi Daniel zaghaft: „aber ich fühle mich verpflichtet, mein Wort zu halten, und ihm zu geben, was ihm von Rechts wegen zukommt." „So will ich mein Urteil anders fassen: Ihr seid nicht verpflichtet, dem David Weschner auch nur einen einzigen Pfennig zu verabfolgen. Nicht allein nach den Grundsätzen des Rechts, sondern auch nach denen der Billigkeit, gebührt», dem Manne nicht das Geringste, und Ihr seid dem Manne nichts schuldig. Der Talmud handelt an vielen Stellen darüber ab, ob jemand etwas kaufen oder verkaufen kann, was noch gar nicht existiert. Selbst diejenigen Gesetzeslehrer, welche der Ansicht sind, daß ein solcher Kauf oder Verkauf abgeschlossen werden kann, behaupten dies doch nur bei solchen Gegenständen, die mit Wahrscheinlichkeit zu Existenz gelangen werden. So z. B., wenn jemand die Früchte des Baumes verkauft, noch ehe diselben gewachsen sind; denn es ist anzunehmen, daß der Baum im kommenden Jahre Früchte tragen wird, wie er in den vergangenen Jahren Früchte getragen hat. In Eurem Falle konntet Ihr aber nicht einen Kaufpreis bestimmen, von dem es mehr als zweifelhaft war, daß Ihr niemals darüber verfügen werdet. Dazu kommt noch ein anderes Moment. Der Kauf des Federmessers war kein wirklicher Kauf. Er war das, was unsere Weisen Asmachtha nennen: wenn nämlich jemand etwas verspricht in der festen Meinung und in der sicheren Ueberzeugung, daß die Bedingung, an welche er das Versprechen knüpft, nicht eintreten wird, wenn es ferner nicht in seiner Hand liegt, diese Bedingung zu ermöglichen, sondern das Eintreten derselben hängt von Umständen ab, die er nicht herbeiführen kann, so ist das Versprechen als ungeschehen zu betrachten. Als Ihr vor vierzig Jahren Eurem Kameraden jenen Kaufpreis für Federmesser botet, da waren Euch, wie ihm, zehntausend Taler eine unermeßliche, unerschwingliche Summe. Weder er noch Ihr glaubtet, daß Ihr jemals so großen Reichtum, wie Euch damals zehntausend Taler erschienen, erlangen könntet. Euer damaliger Kamerad hat Euch das Federmesser geschenkt, trotzdem er scherzweise auf Euren Kaufpreis einging. Und selbst wenn Ihr und er behaupten würdet, Ihr hättet beide es damals ernst gemeint, so liegt die Entscheidung doch nicht in der damaligen kindischen Meinung, sondern in der vernünftiger Männer, die einen solchen törichten Handel nicht gelten lassen, die da übereinstimmend sagen, daß in einem solchen Falle der Grundsatz gilt: En odom makneh dowor schelau bo leaulom." „Ihr meint also, Rabbi..." „Ich meine, und es steht unumstößlich fest, daß Ihr dem David Weschner nicht einen Pfennig schuldet. Wenn Ihr ihm etwas schenken wollt, so ist das natürlich bei Euch." (Fortsetzung folgt.)

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