Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1923)
- Date
- 1923-12-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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20. Dezember 1923__ drohen infolgedessen große Gefahren. Sie werden sich mischen unter die Völker und deren Taten lernen. Die Beobachtung der Sabbatruhe, der Speisevorschriften und der Ehegesetze wird dadurch gefährdet werden. Der Druck und die Verfolgungen, die Anfeindung der Amaletiter, haben auch ihr Gutes für Israel gehabt. Sie haben uns immer gezeigt, daß wir keinen andern Helfer haben, als unfern Vater im Himmel." (Fortsetzung folgt.) Anti-Antisemitisches aus der Schrift. Von A. Mannheimer in Dettelbach. 1. Ominöse Deklarierung. Nomen sunt omen! Jeder Name deät einen Begriff, ist ein terminus technicus. Adams erste geistige Tätigkeit war, die Namengebung für alles Lebende. Die Namen der Patriarchen, der 12 Stämme, des Moses, 'Josuas, Samuels etc. sind bedeutsame Bezeichnungen. Als 1378 der alte Judenhaß in Deutschland neu auflebte, schämte er sich ein wenig des alten Gewandes und suchte ein modernes Mäntelchen. Da taufte er sich „Antisemitismus", Gegnerschaft der Nachkommen Sems. Leider ist von letzterem wenig bekannt, nur das eine, daß er die Blöße, welche sich sein Vater in einer schwachen Stunde gab, mit dem Mantel der kinderliche.i Liebe und Ehrftlrcht zudeckte: Die Elternehre ist die Grundlage aller Sittlichkeit, aller Kultur, ja alles reinen Glaubens. Man muß sagen, daß die Antisemiten, als Gegner solcher Begriffe und Ideen, trefflich gewählt haben: Feinde Sems und seiner Gedankengänge, Freunde nackter Roheit nach der Berauschung an giftigen Ideen. 2. Abraham, der Internationale. Sodom und Amora sind weltbekannte Musterbeispiele für Sündhaftigkeit und Laster. Der erste Jude auf Erden ringt in heißem Gebete für sie um Gnade und findet Töne, als handle es sich um nächste Verwandte, und der „Gott der Rache" geht wirklich bis an die äußerste Grenze der Milde. Nie erfuhren die Sünder von dieser Fürbitte des ersten Juden.— Er führt wildfremde Wanderer in seine gastliche Hütte, bietet das Beste, Schönste, setzt sein ganzes Heim in Bewegung, um andere zu erfreuen, die er nie gekannt, die ihm nie einen Gefallen erzeugt und vielleicht ihm nie mehr im Leben begegnen. 1923 würde man Abraham vielleicht als Landesverräter . unschädlich zu machen suchen. 3. Warum er Streit anfing. Israel bekam Kenaan nur als Pfand der sittlichreligiösen Reinheit und Stärke. Es wird euch bei gegenteiligem Verhalten ausspeien wie alle die Völker, die als Ureinwohner es besaßen (3. B. M.). Und keine Stunde früher soll Israel das Land erhalten, als bis das „Sündenmaß des Emori voll ist." (1. B. M. Kap. 16). Als Lots Kameele von den Feldern anderer Leute fraßen, gab es Streit mit Abrahams Hirten, die ihre Herden mit Maulkörben ausmarschieren ließen? Denn der „Kenaani und Perisi waren damals nocki als Eigentümer im Lande." Also wegen eines Maul voll Futters im Lande von Heiden Streit mit dem eigenen Neffen. In welch idealer Höhe bewegen sich doch solche Lebensgrundsätze! Und wie winzig klein müssen sich die „Kolonienerwerber" späterer Jahrtausende erscheinen, wo man oft mit Bibel und Flinte vorging. Dabei war die Argumentation der Hirten Lots nicht einmal so leicht von der Hand zu weisen: Abraham : hat keinen Leibesnachkommen, Lot wird ihn beerben, unser Verhalten also nicht illegal. Umso höher ist Abrahams Vorgehen zu bewerten: Jetzt ist noch nicht der Zeitpunkt hiefür da; denn der ums und 'irnv find noch im Lande. 4. Er kennt „sie". Mit äußerster Anstrengung und mit Lebensgefahr befreit Abraham die Leute Sodoms von grausamen Feinden. Freudig bietet man ihm die Habe der ganzen Stadt zur Belohnung. Abraham lehnt ab, nimmt weder Faden noch Schuhriemen. Er weiß es, hintenach heißt es: „Wir haben den Juden reich gemacht." 5. Fortgeekelt und ausgewiesen. Jakob plagt sich Tag und Nacht bei Laban. Seine Herden, sein Hab und Gut mehrt sich durch Gottes Segen. Der Neid Labans Söhne aber spricht: Jakob nahm alles, was unserem Vater gehörte und bereicherte sich daran. Als Jsak mit Elücksgütern gesegnet wurde, sagen die Philister ihm ganz unverblümt ins Gesicht: uns uan n»xy m mm gehe weg von uns, denn du bist weit mächtiger geworden als wir. — Auch im Deutschland von 1923 versteht man mit derlei Begründungen „lästige Ausländer" und Schädlinge fortzuweisen. 6. Streitig gemachte Quellen. Das Wunderbare am Antisemitismus ist und bleibt, daß, obwohl wir der Welt das Buch der Bücher geschenkt, die zehn Gebote gereicht,die Grundlage aller Zivilisation, das Fundament jeder positiven Religion. Aber wir wissen ja seit des Patriarchen Jsaks Tagen, daß man brutal uns die Brunnen streitig macht, die wir gegraben und sie mit Kot bewirft: man i£, Uns ist das Wasser! Der Israelit 7. In öffentlicher Vertrauensstellung. Joseph war der erste Jude in gewaltiger Staatsstellung. Von ihm wird bezeugt, daß er jeden Pfennig „ins Haus Pharaos" brachte. Aus dem Munde der Massen tönt ihm in schwerer Zeit das schmeichelhafte Wort entgegen: wnn du hast uns am Leben erhalten. Dennoch weiß er kluge Selbstbescheidung zu üben. Den' Brüdern lehrt er als Schafhirten jede Reizung und Reibung im Aegyptenlande zu vermeiden. In der Audienz, die der greise Patriarch Jakob bei Pharao hatte, ist jedes Wort bemessen. Kein Hinweis auf des eigenen Sohnes Größe oder Verdienste; dagegen Betonung der Leiden seines reichbewegten Lebens. Und mit einem Segen für den König, nimmt die kurze, aber denkwürdige Unterredung ein Ende.— Es ist bezeichnend, daß Joseph den Pharao erst bitten mußte, des Vaters Leiche nach Kenaan zu begleiten. Ausdrücklich beruft er sich auf den diesbezüglich geleisteten Eid, und Pharao würdigt diese Sachlage: ivr», sowie er dich schwören ließ. Dies wirft ein Streiflicht auf die Unabkömmlichkeit Josephs, andererseits aber auch auf den Scharf- und Weitblick des Greisenalters. Jakob begnügte sich nicht mit Josephs Versprechen; er ließ ihn schwören und das' war gut so. Die hohe Stellung des Josephs blendete ihn nicht. D’wa N»2N. 8. „Anführungszeiche n." Esau küßte den Jakob: inpv'i die Buchstaben des Wortes sind punktiert, gleichsam in Gänsefüßchen gesetzt. Es war eben ein Esauskuß, dem die wahre Innigkeit und Herzlichkeit fehlte. Desgleichen denken wir uns bei den Worten: tpr nrr rp nem, der den Joseph „nicht kannte." Könnte man einen Joseph in Aegypten überhaupt vergessen? Man stellte sich so, meint der cm» Was Juden Großes leisten, wird stets schnell vergessen sein oder absichtlich vertuscht werden. Uinderecke. Lichter. tos Don Heinrich Einstädter. In der Fensterecke eines Wagenabteils sitzt seit vier Stunden der kleine Junge und schaut fast ohne Unterbrechung durch die Scheiben in die winterliche Landschaft, die der Eisenbahnzug durcheilt. Er fährt mit der Mutter zu den Großeltern, um bei ihnen einen Teil der Winterferien zu verbleiben. Schon seit vielen Wochen hat er sich darauf gefreut, so stark, wie eben nur ein glückliches Rinb sich freuen kann. Er hat sich schon ganz unsagbar auf die Eisenbahnfahrt gefreut, die manchem Erwachsenen wie eine Marter deucht, und ganz beglückt ist er gewesen, als sich gar ein Fensterplatz für ihn gefunden hat. Ungern wendet er den Blick, wenn einer der Mitfahrenden eine Frage an ihn richtet. Fürchtet er doch, inzwischen etwas zu versäumen! Die beschneiten Felder, die kahlen Bäume, die einsamen Dörfer mit ihren rauchenden Schornsteinen, die Fuhrwerke auf den Landstraßen. das scheue Wild am Waldessaum, die Raben auf den Wiesen — alles zieht ihn an und gibt ihm zu denken. Und als endlich die Tageshelle in Dämmerung und bald darauf der Dämmer in Dunkelheit übergeht, da schaut der Knabe nicht weniger aufmerksam hinaus, und was sein Auge nicht sieht, das sucht seine Einbildungskraft zu ergänzen. Der Zug schlängelt sich den Abhang eines Berges hinan. Links unten läßt er ein Dörfchen zurück, dessen Gassen sich wie Helle Streifen zwischen den dunklen Hauswänden und Dächern abheben. In einem Häuschen erglänzt gerade ein Lichtpünktchen am Fenster. „Ein Chanukalicht!" denkt der Knabe. Er sieht einen Schatten dahinter vorbeistreifen. „Das ist der Vater!" denkt er sich. „Der tritt jetzt zurück, und nun entzünden die Kinder. Die Mutter steht unter ihnen. Sie lächelt so glücklich, weil der Kleine die Vrocho so schön sprechen kann. Jetzt singen alle Moaus zur." Und die Räder und Achsen stimmen mit ein, und nimmer enden will das Lied Moaus zur jeschuosi. _Nr. 51 Seite 11 Das Dunkel nimmt zu. Selten kann man noch ein Haus erkennen. Nur die Gebäude, die nahe der Bahn stehen, gleiten gleich Schatten vorüber. Oberlichter tauchen auf, bald nah, bald weit, bald hoch oben, bald tief unten in der Nähe des Bodens. Dort erglänzt eines ganz fern, dadurch bleibt es auch länger sichtbar. Es bleibt allein; gewiß brennt es in einem einsam stehenden Hause. Da wohnt eine Familie fern von der Welt, Vater, Mutter und Kind. Das Kind kann im Winter oft nicht zur Schule. Der Weg ist zu weit, der Schnee zu tief. Auch heute hat es zu Hause bleiben müssen. Den ganzen Tag über ist es mit der Mutter allein gewesen und hat ihr geholfen. Vor einer halben Stunde ist endlich der Vater nach Hause gekommen. Jetzt sitzt er am Tische und lernt mit seinem Jungen. Sie haben hebräische Bücher vor sich. Die Mutter sitzt mit einer Handarbeit dabei und hört zu. Sie sagt, daß man beim Thoralernen immer etwas Neues höre. Bei einer Bahnkurve entschwindet das Licht. Eine Zeitlang bleibt es ganz finster da draußen. Der Zug rattert weiter. Eintönig rollen die Räder im gleichen Tempo, als wollten sie dem fleißigen Jungen helfen, seine Auffgabe auswendig zu lernen. Da erscheinen auf einmal drei Lichter ganz nahe beisammen. Sie brennen im Oberstock eines Hauses. Das Erdgeschoß liegt ganz finster. Dort ist ein Kaufladen. Der ist jetzt geschlossen, weil der Schabbos begonnen hat. Der Vater und die Großen sind in der Synagoge. Die Mutter hat indessen entzündet. So feierstill ist es im Zimmer. Alles ist bereitgestellt für den Schabbos. Alles wartet. Der Lehnstuhl oben an der Stirnseite des Tisches wartet auf den Vater. Das Sofa dort hinten auch: es hat aber noch ein paar Stunden länger zu warten. Die große Schüssel auf dem Tisch wartet auf die Suppe, der silberne Becher auf den Wein. Die Schabbosbrote gucken neugierig unter dem Deckchen hervor; der Geruch des Mohns und der knusperigen Rinde ist schon etwas weiter gekrochen. Warum soll er auch länger warten, nachdem sich aus dem großen Ofen schon längst andre Gerüche hervorgewagt haben, die den munteren Knaben bereits am Nachmittag die ihnen bevorstehenden Genüsse vorgezaubert haben? Ja, ja. Dort im Ofen wartet Vieles. Wenn man genau hinhorcht, kann man hören, wie es sich leis miteinander bespricht, sprudelnd, knurrend, brummend. Und doch alles in allem ein munteres Geplauder. Die Mutter betet. Der Lehnstuhl breitet die Arme: „Komme in Frieden". Der Zug hält aus einer Station. Der Knabe erwacht aus seinem Traum. Er schaut gegen den Himmel und sieht die vielen Sterne, mit denen der besäet ist. Und jeder Stern ist eine Welt, so groß, so fern. O, wenn man da hineinschauen könnte! O, da könnte man erst begreifen, wie groß Gott ist, der mit seinein bloßen Wort die Abende dämmern läßt und all die vielen Tore am Himmel öffnet, aus denen Licht sich ergießt durch das unendliche Dunkel. Und Licht bereitet er auch durch die Worte seiner Lehre, ohne die wir ja das Leben nicht begreifen können. Woher auch das Licht strömt, ob von dem Leuchter der Weihe, ob aus dem einsamen Hause, in dem Thora gelernt wird, ob aus dem sabbatlichen Zimmer, ob von den weltfernen Himmelskörpern, es kommt von Gott und bringt Freude am Leben, an den Geboten und Lehren. Und ein Lichtstrahl ergießt sich bei diesem Gedanken über die Züge des klugen Knaben. Erstaunt bemertt es die Mutter. „Woran denkst du denn, mein Kind? Du siehst ja ganz verklärt aus!" Da reckt der Knabe die Arme, und mit einem nochmaligen Blick in die Winternacht lispelt er die Worte des Abendgebetes: „Wir wollen uns freuen mit den Worten deiner Lehre und mit deinen Geboten immer und ewig."