Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-12-20 · Heft 51 (20.12.1923) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 51 (20.12.1923)
Date
1923-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450284--70928-2528199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Der Israelit 20. Dezember 1923_ ehrlich meint, der sorge dafür, daß die vorhandene Organisation das Instrument der Gemeinsamkeit bis zum äußersten Ausmaße der praktischen Möglichkeit bleibe. Deutsche Not und Auslandshilfe. Wir empfangen zu unsrem Leitartikel von voriger Woche u. a. die nachfolgende Zuschrift: Der Leitartikel in Ihrem geschätzten Blatte hat nach Aeußerungen aus sozial tätigen Kreisen ungewollt eine gewisse Beunruhigung veranlaßt. Man befürchtet, daß bei der zum ersten Mal erfreulicherweise nahezu vom Gesamtausland sich zeigenden Hilfsbereitschaft hinsichtlich der in Betracht kommenden jüdischen Stellen eine gewisse Hemmung hervorgerufen werden könnte. Gewiß werden die jüdisch-ethischen Gedanken des Verfassers Verständnis finden, wenn er dem Sinne nach ausführt, daß die deutsche Judenheit Gottlob nicht in Bausch und Bogen am Hungertuche nagt, sondern daß innerhalb unserer Gemeinschaft noch Möglichkeit vorhanden ist, die wahrhaft jüdische Gemiluth-Ehesed-Pslicht für Bedrängte und Hilfsbedürftige bis zu einem gewissen Grade selbst erfüllen zu können. Das ist richtig. Und doch! Gestehen wir es offen ein: Wem die bedauerlichen Verhältnisse der letzten Jahre in ihrem ganzen Ausmaß stetig vor Augen waren, der konnte feststellen, daß der mit der Papiermark notdürftig immer wieder gepflasterte Boden durch und durch morsch war, sodaß jetzt, wo diese papierne Grundlage fehlt, sich die trostlosen Zustände erst zeigen. Es ist leider eine Tatsache, daß nach der Einstellung auf Goldmark, abgesehen von den verschiedenen Institutionen, unzählige Familien, die eben nicht ein Eoldmarkvermögen besitzen, in größte Bedrängnis geraten sind. Die Sorgen und Lasten dieser Gruppen sind schon bei normalen Verhältnissen weit größer, als man ahnt. Sie ergeben eine häusliche. Katastrophe bei den gerade jetzt sich zuspihenden Zuständen im Krankheitsfall. Da zeigt sich beinahe die Unmöglichkeit der Erhaltung des Familienkörpers. Aus Ersparnisgründen wird der Arzt erst gerufen, wenn die Krankheit schon vorgeschritten ist, und Einweisungen in ein jüdisches Krankenhaus gelten heute schon als nahezu unmöglich. Der Hinweis des Verfassers hierauf trifft leider nicht mehr vereinzelte Fälle. Deshalb allein wäre es bedauerlich, wenn die so sorgsam sich entwickelnden Fäden tätiger Hilfeleistung vom Ausland her eine Beeinträchtigung erfahren würden. Wo eine freie Liebestätigkeit sich angebahnt hat, sollte man daher sich dessen freuen, selbst wenn unter zehn Fällen auch nur ein besonders dringender das Los erleichtert bekommt und sich und seine Familie unauffällig vor dem Zusammenbruch schützen rann. Hier kann auf das vorbildliche Vorgehen der ausländischen Agudoh hingewissen werden, die es dem Empfänger überläßt, die Sendung evtl. Bedürftigen zukommen zu lassen. Wir leben in einem Zeitalter des Mechanismus. Auch der vom Verfasser vorgeschlagene Weg kann natürlicherweise nur vereinheitlicht „aktenmäßig" helfend eingreifen. Ist es daher aus traditionell jüdischen Kreisen notwendig,, eine prinzipielle Festlegung der Zedokohform zu erstreben? Zwi ben Mordochai. zum Wiederabdruck gelangender Vortrag: „Die Palästinafrage und ihre Geschichte", der den ersten Versuch einer Zusammenstellung der auf die Geschichte des jüdischen Palästina sich beziehenden historischen Daten bedeuten dürfte. Für eine andere Eharakterseite Hildesheimers, sein unermüdliches Anregen zur Wohltätigkeitsübung, finden sich naturgemäß in wissenschaftlichen Aufsätzen kaum irgendwelche Anzeichen. Aber hin und wieder zeigen auch sie sich, wie er z. V. als einen der Gründe für die Anrufung eines jüdischen Beth-Din anstelle der Staatsgerichte die Möglichkeit ansieht, daß dadurch „die eigene beleidigte Ehre durch ein anderen zu Gute kommendes Werk ihre Sühne findet". In dem erwähnten Vortrage über Palästina sind Erweise seiner Fürsorge für Arme und Notleidende umso häufiger zu finden. Wir werden auf den wertvollen wissenschastlichen Inhalt des Werkes, dessen Eeneralvertrieb vom Hermon der Buchhandlung A. M. W a h r m a n n in Frankfurt a. M. übergeben worden ist, noch eingehend zurückkommen. Gute Wörtchen. Kaiser und Weiser. Die deutschen Gelehrten gründeten einmal eine Gesellschaft hervorragender Männer Europas und wählten auch Moses Mendelssohn hinein. König Friedrich, dem die Liste vorgelegt wurde, beanstandete jedoch den Namen Mendelssohn, weil die Wahl des Juden als Herausforderung des russischen Zaren aufgefaßt werden könnte, der der Gesellschaft ebenfalls angehörte und die Juden nicht mochte. Moses Meüdelssohn lachte, als er den Bescheid hörte, in philosophischer Ueberlegenheit und meinte: „Es ist gut, daß mich die Weisen wollen Nichts lag uns ferner, als der freien, d. h. privaten Liebestätigkeit aus dem Auslande irgendwelche Hemmungen bereiten zuwollen. Allein wir hatten, uns davon überzeugt, daß denkende kreise des Auslandes dringend nach einem Wegweiser verlangten, um die organisierte Hilfeleistung auf die wichtigsten Punkte konzentrieren zu können. Diesem Wunsche sollten unsre Ausführungen entgegenkommen, zugleich aber auch verhüten, daß im Uebermaß der Zentralisierungstendenz solche Gebiete unbesehen in ein großes, einheitliches Hilfswerk einbezogen würden, die sich dazu nicht eignen. Nun erwähnt der Herr Einsenderin der Tat ein wichtiges Sondergebiet, das der Krankenhilfe. Wir sind sicher, daß manches wertvolle Menschenleben in Deutschland heute der Furcht vor den Kosten einer ärztlichen Konsultation und der tatsächlichen finanziellen Unmöglichkeit der Krankenhausbehandlung zum Opfer fällt. Sollte es zum mindesten den größeren und mittleren Gemeinden nicht möglich sein, dieses Unglück durch eine Art gemeindlicher Krankenversicherung zu mildern? Rein versicherungstechnisch wahrscheinlich undurchführbar, würde ein solches Unternehmen, wenn ihm der Geist wahrhaften nvn rn^m die Möglichkeit bietet, billige Prämien und hohe Leistungen zu vereinen, unendlichen Segen fttften können, und die hoffentlich als dauerhaft sich erweisende Stabilisierung der Währung dürfte jetzt zum ersten Male nach langer Zeit auch die Möglichkeit bieten, eine rechnerische Unterlage für solche Mittelstands-Krankenversicherungskassen aufzustellen. Wenn eine Zentralstelle es unternähme, den Gemeinden die nötigen Fingerzeige zu geben, wie man die Kassen einrichtet, wäre das sehr verdienstlich. Die „Weisen von Zion". Das blöde Märchen von den „Weisen Zions" spukt immer noch in den Köpfen vieler „Toren Deutschlands" und beschäftigt sogar zuweilen ernste Männer im Talar in feierlichen Gerichtssitzungen. Einer dieser deutschen Märchenerzähler, Hauptmann a. D. Müller v. Haussem, hatte den Mut, den Herausgeber der „Mitteilungen" des Abwehrvereines, die den Unsinn als Unsinn und Verleumdung zugleich bezeichnet hatten, zu verklagen und dabei den „Wahrheitsbeweis" antteten zu wollen. Eine Rolle spielten in diesem Prozeß auch die bekannten „abgeschnittenen Fürstenhäupter an dem Fries des Rathenauhauses". Die Sache mit diesen Fürstenköpfen schien uns seinerzeit zu dumm, als daß wir uns damit befaßt hätten. Das Schöffen- und die Kaiser ablehnen. Schlimm wäre es um mich bestellt, wenn mich die Kaiser wollten und die Weisen ablehnte n." Gut gesagt. Ein russischer Rabbi mußte sich wiederholt beim Minister um eine jüdische Angelegenheit bemühen, ohne zu einem Resultat zu gelangen. Dem Minister fiel es auf, daß der Rabbiner den ihm angebotenen Stuhl nur teilweise benutzte und halb darauf saß. „Warum machen Sie es sich nicht bequem, lieber Rabbi?" fragte der Minister in geheuchelter Freundschaft. „Ich muß den Stuhl schonen", gab der Rabbi schlagfertig zurück. „Wie mir scheint werden auch noch meine Kinder und Kindeskinder daraus sitzen müssen..." Das wirkte und das Anliegen wurde noch am gleichen Tage erledigt. . Wolf und Hund. In Brody machte ein Frechling Namens Wolf dem Oberrabbiner Rabbi Meir Broder viel zu schaffen. In der Schewuausnacht behauptete er einmal, gegen die Ansicht des Rabbiners, es fei schon Tag und man dürste schon das Morgengebet verrichten, und er leistete sich dabei Unverschämtheiten gegen den Rabbiner und die Gelehrten der Versammlung. Der Rabbi sagte beruhigend: „Es ist bei uns in Brody schwer, die Grenze zwischen Tag und Nacht sestzustellen. Nach dem Talmud gilt als Kennzeichen des angebrochenen Tages, wenn man unterscheiden kann zwischen Wolf und H u n d. Bei uns ist es leider unmöglich, zwischen dem „Wolf" und einem Hund zu unterscheiden...." Das schwache Gedächtnis. In einer Rabbinerdeputation, die in Petersburg vor dem Minister erschienen war, befand sich ein ehrwürdiger Greis, dessen Schausäden aus seinem Kaftan hervorschauten. „Warum nmßt Du dich anders kleiden wie die andern, ist dieses nicht der beste Beweis, daß ihr Euch über _Nr. 51 Seite 3 gericht zu Schönberg, vor dem die Beleidigungsklage am 13. dieses zum Austrage kam, mußte auch diese Ausgeburt einer krankhaften Phantasie anhören und abwägen. Natürlich war von der klagenden Seite Graf Reventlov als Sachverständiger bestellt worden. Es fiel dem Verteidiger der „Mitteilungen" nicht schwer, nachzuweisen, welche plumpe Fälschung das Dokument, ein Plagiat der Schrift eines gewissen Jolly, die in den 60 er Jahren gegen Napoleon gerichtet war, darstellt. Der Kläger dagegen belegte die „Echtheit" des Dokumentes mit großen Namen, die er aus politischen Gründen nicht nennen dürfe, das Ganze rühre vom ersten Zionistenkongresse her. Das Gericht kam zu einer Vertagung des Prozesses, da die Sachverständigen in der Zwischenzeit die Iollysche Schrift näher prüfen müssen. Es ist schade um die Summe von Arbeit, die ernste gebildete Mensch n an eine solche blöde Sache vergeuden müssen. Trotzdem kann man froh sein, daß der gefährliche Unsinn nun auf seine trübe Quelle geprüft und sein Ausgangspunkt endlich restlos aufgeklärt wird. Rasputin und die Juden. Der dämonische Einfluß des Bauernmönches Rasputin auf Zarenhaus und russische Politik des letzten Jahrzehntes vor deril Zufammenbruch ist bekannt. Zur Zeit veröffentlicht Rasputins (er selbst konnte kaum lesen und schreiben) Sekretär Aron Simonowitsch (ein Jude) in amerikanischen Zeitungen seine „Erinnerungen", aus denen auch Rasputins Stellung zur Judenfrage deutlich ersichtlich ist. Rasputtn hatte im Grunde gar keine Beziehungen zu den jüdischen Angelegenheiten und er verhielt sich, wie Simonowitsch erzählt, ihnen gegenüber völlig gleichgültig. Er vermied es geradezu, sich in die russische Judenfrage zu mengen. Als in Rußland der berüchtigte „Verband der echtrussischen Leute" gegründet wurde, dem Nikolaus der Zweite sofort als Mitglied beitrat, wur.den allerhand Bemühungen gemacht, um auch Rasputin als Mitglied dieses Verbandes zu gewinnen, welcher den Pogrom als die Lösung der russischen Äudenfrage auf seine Fahne geschrieben hatte. Rasputin trat jedoch diesem Verbände nicht bei. Es muß als Grundzug seiner politischen Anschauungen oder, besser gesagt, Instinkte festgehalten werden, daß er ein ausgeprägtes Mitgefühl für alle unterdrückten Völkerschaften des Zarenreiches besaß. So kam es auch, daß er sich allmählich für die Iudenftage in Rußland mehr zu interessieren begann. eure Sitten und Vorschriften selbst nicht einig seid?" fragte der Minister. „Oh nein!" antwortete der Rabbi, „die Schaufäden sind ein Erinnerungszeichen, daß „wir sie ansehen und gedenken aller Gebote Gottes." Meine Kollegen sind jünger und haben gutes Gedächtnis, so können sie ihre Schaufäden hinter ihren Kleidern versteckt halten. Ich dagegen bin ein alter Mann mit geschwächtem Gedächtnis und muß die Erinnerungszeichen immer vor Augen haben." Die Hälfte. Rabbr Chaim Woloschiner sagte zu seinen Schülern: „Die eine Hälfte des Talmuds beherrsche ich auswendig. Ihr könnt ruhig fragen!" „Welche Hälfte?" erkundigten sich die Schüler. „ Die Wahl der Hälfte überlasse ich Euch..." Zurückgegeben. In einem Badeorte fragte ein Berliner Arzt von den Aufgeklärten einen polnischen Rabbi, wie es komme, daß unter den heutigen Rabbinern sich keiner in der Arzeneikunde auskenne wie seinerzeit Maimonides. „Mich beschäftigte die Frage," gab der Rabbiner zurück, „warum unter den heutigen Aerzten keiner in der Lehre sich auskennt, wie seinerzeit Maimonides." Das s ein Lbensretter. Wenn man in das Wort ms den Buchstaben y einschaltet, so wird daraus vivo Geld, womit der Arnle am Leben erhalten werden kann. Daher, im n ]■>» nan vk'tv die Frommen haben das y.zur Hand ovva vivo i»2nb die Armen vom Hungertode zu erretten. Klugheit. „Und jeder Kluge des Herzens, sie kommen und tun, wie es Gott befohlen hat," so lehrt die Schrift. Klug ist es, sich nicht auf feine Klugheit zu verlassen, sondern so zu tun, wie Gott besohlen hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.