Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1923)
- Date
- 1923-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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feuillelsn Beilage Der Israelit Br. 47 >«r Der Schmied. Aus dem Ungarischem (Schluß.) Noch bevor die Patrouille zurückkam, setzte Artilleriefeuer ein von beiden Seiten, sodaß unser t.rmer Unterstand bis ins innerste erbebte. Als unsere Abteilung hinaufklomm, mit Panzerhelm, Gasmaske und aufgepflanztem Bajonett, wackelte die Erde unter uns wie bei einem Erdbeben. Und von Ferne sahen wir schon die Schatten in Windeseile daherhuschen. Gewehrknattern löste das Geschützfeuer ab. Die darauffolgenden zehn Minuten zu schildern, wäre eine Dante'sche Feder nicht imstande. Schießen und Stechen und Höllenlärm, Hurra und Todesröcheln. Alle Dämonen der Nacht hatten sich eingefunden und zum Totentänze den Takt geschlagen. Wie die Flocken im heulenden Sturmwinde flogen die Menschenleiber durcheinander. Es kam Verstärkung. Die Geschütze oberhalb unseres Standes setzten wieder ein, mit einem Epiludium, das das Ganze würdig ' abschloß. Die Reste der feindlichen Stürmer verkrochen sich irgendwo in den schwarzen Tiefen der Nacht. Stöhnende und röchelnde Menschen lagen uns zu Füßen. Wo die Brustlampe abgedunkelt hinleuchtete, nichts wie Blut. Eine Weile später kam die Patrouille an. Es waren ihrer nur noch sieben. Drei waren jenseits liegen geblieben. Juda Kraft war da und hatte versonnene Augen, aber wertvolle Aufzeichnungen bei sich. Ohne nur eine Minute auszuruhen, ging er an die Arbeit. Fast auf eigene Faust hatte er für die schwersten Fälle ein eigenes kleines Feldlazarett errichtet. Noch nie habe ich einen Sanitäter mit solchem Geschicke, solcher Ruhe und Sorgfalt verbinden gesehen. Er verband Freund und Feind, ohne Ausnahme, mit gleicher Liebe und Hingabe. In einer knappen Stunde war die Urbeil getan. Alles, was noch Lebensodem zeigte, war geborgen, leichtere Fälle wurden in das nächste größere Lazarett abtransportiert, und im Graben wurde ein großer Tee gebraut, zu dem es auch Rum, aber keine Lieder mehr gab. Einer sagte: „Morgen gibt es Orden und Kreuze". Alles lachte. Es war das einzige Lachen und es klang sehr verächtlich. Wie in einem Gefühle tiefsten Ekels zog sich jeder in sich zurück. Keiner wußte, war es ein Sieg, eine Niederlage oder sonst ein nutzloses Gemetzel, das sie hier Nachtangriff nannten. Ich merkte jetzt in Juda Kraft eine gewisse Unruhe, die ich an ihm nicht gewöhnt war und! bie mich selbst beunruhigte. „Was hast du, Kraft?" „Ich muß noch einmal hinüber!" „Bist wohl von Sinnen, jetzt in der Nacht?" „Ich muß!" „Wohin?" „Ueber den Graben ins Stoppelfeld". „Kraft, du bleibst, da drüben lauert der Tod! ..." „Ich muß!" „Du mußt? Befehl des Oberst?" „Befehl eines noch Höheren!" „Noch Höheren?" „Gottes Befehl, Herr Leutnant." „Verstehe nichts . . ." „Drüben liegt einer, den ich begraben mutz." „Einer der unsrigen?" „Nein, ein Russe." „Und du mußt ihn begraben? Die Russen schaufeln,' wie wir, ihre Massengräber selbst." „Er bat mich darum, ihn ins Einzelgrab ru betten." „Und du versprachst es ihm?" „Ja, ich mußte es." In der Rührung über diesen menschlichen Akt mitten in den Grauen dieser Nacht blieb mir weder Zeit noch Sinn übrig, über die gesetzliche Zulässigkeit seines Vorhabens nachzudenken. Ich sagte nur: „Jetzt ist finstere Nacht, warte bis morgen." „Ich darf nicht. Vis morgen haben sie ihn ins Massengrab gesteckt, oder der Kampf ist dort neu entbrannt. Heute Nacht wagt sich keiner mehr hin." „Dann mögen zwei mit dir gehen." Kraft sah mich verlegen, ganz hilflos an. „Ich kann^ sie nicht brauchen, Herr Leutnant." „Warum nicht?" Er trat ganz vertraut an mich heran und sah mir treu ins Gesicht. „Darf ich reden, Herr Leutnant?" „Rede. Kraft!" „Wenn ich mich nicht täusche, ist Herr Leutnant auch unseres Glaubens." „Ja, jüdischen Glaubens, warum denn?" „Der Tote dort ebenfalls, und er bat mich, ja beschwor mich, als ich die letzten Gebete mit ihm sprach, ihn ins Einzelgrab zu legen. In seinem Tornister lag sein Gebetmantel und ein Säckchen Erde, ich nahm sie gleich zu mir. Und nun . . ." Er sah mich verlegen und erwartungsvoll an. „Und nun?" „Die Anderen kann ich dabei nicht brauchen. Höchstens, wenn Herr Leutnant selbst mitginge." Und ich ging mit, noch in dieser Nacht . . . Als am zweiten Tage Juda Kraft von uns ging, hätte ich ihn mit einem Kusse wie ein Kind oder einen jüngeren Bruder entlassen können. Aber er stand stramm, und ich mutzte scharf und hart sagen: „Rapport Herrn Oberst, alles wohl behalten. Letzter Angriff abgeschlagen. Von uns zwanzig Tote und vierzehne Verwundete . . ." „Zu Befehl, Herr Leutnant!" Uinderecke. Klang und Dunst. Eine arabische Geschichte. Vor Jahr und Tag gab es innerhalb der Stadtmauer von Jerusalem eine Sarazenerkolonie. Es sind dies Nachkommen des Mohammed, die sich in Sitte, Lebensart und Glaubenslehren von allen andern unterscheiden. Sie errichteten sich ihre Hütten, in deren Mitte eine kleine Moschee stand. Ihren Erwerb zogen sie von Backwerk und allerlei Leckerspeisen, die sie gut zuzubereiten wußten und an die Bewohner- Jerusalems verkauften. Die Straße der Sarazener bekam daher den Namen „Küchenstraße". Alltäglich, morgens, mittags und abends zogen die Bürgersfrauen der Stadt nach dieser Küchenstraße, um ihren Bedarf an Eßwaren einzukaufen. Die Käufer waren befriedigt und die Verkäufer hatten guten Verdienst, und es herrschte eitel Friede und Freundschaft zwischen den Sarazenern und den andern Bewohnern. Und es geschah eines Tages, als Aba Mansur, einer der sarazenischen Küche, vor seinem Stande in der Sonne saß und auf die Kunden wartete, die heute nicht kommen wollten, indeß große Schwärme von Fliegen, Käfern und Mücken aller Art die ausgelegten Speisen umflatterten und umsummten, da nahte ein armer Greis, schwach und gebrechlich, und er bat sich Schutz aus unter dem Zelldache Aba Mansurs. Der Arme hatte nichts bei sich als ein Stück trockenes, verschimmeltes Brot, das er mit seinem zahnlosen Munde nicht bewältigen konnte. Da der Hunger ihn drückte, so tat er sein Brot in eine Pfanne und hielt diese über die Ausdünstung der warmen Speisen des Aba Mansurs. Nachdem das Brot in der warmen Luft erweicht war, aß er sein kärgliches Mahl, sprach ein Dankgebet für Gott und erhob sich, um seines Wegs weiter zu gehen. Aba Manfur war an diesem Tage sehr übler Laune. Er hatte nämlich noch nichts verkauft und große Ausgaben gemacht. Ein großer Schaden drohte ihm für den Fall, daß die Kunden noch weiter ausblieben und seine Speisen verdarben. Da suchte er seine Wut an dem armen Wanderer zu kühlen. Er eilte ihm nach, packte ihn wütend am Gewände und schrie: „Zahlen sollst du mir für das, was du bei mir genossen hast. Ich will nicht umsonst gekocht und hier gewartet haben." Der Arme antwortete bescheiden: „Ich habe dir nichts genommen, es sei denn Raum für eine Weile und warme Luft, die ohnedies dahinströmte. Es war. dein Schaden nicht." „Eben den Preis für die warme Luft zahlst du mir, sie entströmte ja meinen Speisen," donnerte ihm Aba Mansur entgegen. Da sich ein großer Wortstreit zwischen Aba Mansur und dem Fremden entwickelte, sammelte sich viel Volk an, das ergötzt und gespannt der erregten Auseinandersetzung zuhörte. Aba Mansur behauptete, für gebotenen Genuß Bezahlung verlangen zu dürfen, während der Fremde geltend machte, er habe nichts von ihm genommen. Als der Streit in Tätlichkeiten auszuarten drohte, wurde ihnen vorgeschlagen, ihre Sache vor den Kadi zu bringen, und beide Parteien erklärten sich damit einverstanden. Der Oberkadi in Jerusalem war ein Mann von großer Klugheit und weiser Erfahrung in allen Rechtssachen. Doch dieses Mal geriet er in Verwirrung, denn es war das erste Mal, daß ein solcher Streithandel vor seine Schranken gebracht wurde. Sieben Tage und sieben Nächte dachte er über den Kasus nach und konnte kein Urteil finden. Da rief der Kadi die sieben größten Weisen Jerusalems zusammen und legte ihnen den Fall vor. Auch die Weisen Jerusalems saßen sieben Tage und sieben Nächte, dachten und grübelten, ohne zu einem Schlüsse zu kommen und ein Urteil fällen zu können. Wie die Parteien, so waren auch die Richter geteilter Meinung. Die einen sagten, Dunst könne nicht als Privateigentum betrachtet werden, er verraucht und verfliegt ja, ohne daß ihn der Besitzer halten kann. Die Andern aber meinten, der Dunst sei Bestandteil der Speise und werde mit dieser mitverkauft. Wer ihn genießt, muß bezahlen." So konnten die Richter zu keinem einheitlichen Urteil kommen. Da erhob sich der Weiseste von ihnen, bückte sich zur Erde und sprach: „Hört mich an, ihr weisen Räte, daß euch Gott erhöre. Nachdem wir zwei Parteien vor uns haben, einen Verkäufer und einen Käufer, so ist es recht und billig, daß der Verkäufer auf seinen Lohn komme, freilich nach Wert und Güte des abgegebenen Gegenstands. Verkaufte Aba Mansur dem Fremden etwas von Wesen und Nutzen, so bekäme er dafür von ihm eine Münze zum Lohne, die ebenfalls wesentlich ist und Nutzen bringt. Jetzt aber, da der Käufer nur Dunst, fliegende Luft, erhalten hatte, so zahle er dafür mit dem Klang einer Münze, der ebensowenig wie der Dunst von Wesen und Nutzen ist . . ." Das gefiel den weisen Richtern und sie fällten ihr Urteil demgemäß. Seitdem gibt es ein Sprichwort in Jerusalem: „Der Dunst ist den Klang des Geldes wert."