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Der Israelit · 1923-11-01 · Heft 44 (1.11.1923) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 44 (1.11.1923)
Date
1923-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ßr. 44 l-rr h£T‘ Der Israelit Der Schmied. Nus dem Ungarischer:. Die tapferste aller Divisionen War die fünfzehnte. In ihr war das erste Bataillon zu hohem Ruhme gekommen, und der beste Soldat dieses Bataillons war unstreitlich Iuda Kraft. In den Militärpapieren Krafts konnte man lesen: Iuda Kraft, Infanterist» Freiwilliger, Religion: israelitisch, Alter 13 Iahre, Grad: Unteroffizier, Auszeichnung: Goldene Medaille erster Klasse,- zweimal verwundeteingezogen 1914,- bürgerlicher Beruf: Schmied. Es ist schwer zu sagen, welcher dieser Punkte uns am meisten überraschen mutzte. Ein Soldat und gar Unteroffizier mit hoher Auszeichnung und dreizehn Iahre alt. Dazu noch Freiwilliger. Worauf aber Iuda Kraft am meisten stolz war, und was ihn im Regimente besonders beliebt machte, das war sein bürgerlicher Beruf. Ein Schmied ist für die harte Kriegsarbeit gut zu gebrauchen, und Iuda Kraft machte seinem Namen alle Ehre. Ich selbst war Kompagnieführer und ich machte die Bekanntschaft Krafts in einer erregten Stunde von ganz besonderer Bedeutung, an einem Vorabend großer, schwerer Ereignisse. Die „Rüstung zum Feste" nennen die Honveds (ungarische Soldaten) in einem Gemisch von Resignation und Galgenhumor diese letzten Vorbereitungsstunden vor dem Sturmangriff. Die Vorbereitung erfordert keine tatsächliche Arbeit. Es ist alles von früher her bestens gerichtet, es ist mehr eine seelische Vorbereitung. Tief im Schützengelasse sitzen die angehenden Stürmer, schwatzen und lachen, singen und musizieren, andere schlafen oder dösen dahin. Aber über dem Bewußtsein aller steht es wie mit schwarzer Schrift: Noch wenige Minuten und der Tod braust heran. Eilt es mir, oder gilt es dir? ... Es klingelt das Telefon. Ich springe auf, um den Befehl entgegenzunehmen und weiß merkwürdigerweise ganz genau, was die Schallwellen bringen werden. „Zu Befehl, Herr Oberst!" „Heute Nacht um drei und ein Viertel, fünf Minuten und drei Sekunden. Gehört?" Ich spreche den Zeitpunkt genau nach. „Angriffspunkt der Turm Liniatz. Ziel Hügel Nr. 304. Von da ab neuen Befehl abwarten. Alles verstanden?" Ich wiederhole Wort für Wort. „Uhren genau richten!" „Zu Befehl! . . ." „Eine ordentliche Iause für die Leute vorher. Verstanden? . . ." „Zu Befehl. Herr Oberst!" Natürlich hatte ich alles verstanden, auch das mit der Iause. Der Schmaus gehört dazu, ist die natürliche Einleitung. Satansspiel und Herentanz mit Champagner und Gejohle und Spirituosen ohne Zahl. Es ist die nötige Narkose, für die reichlich gesorgt ist. Und es ist schon einmal so, daß, wenn der einfache Soldat, Bauernsohn oder Jude, etwas von der „Jause" hört, bis auf das innerste Mark erschauert und sich seine Stirn mit Notschweitz bedeckt. Er kennt schon den innersten Sinn dieses Wortes, der Einladung zum Henkermahle. Der Oberst hatte noch was zu sagen: „Artillerievorbereitungen zwei Stunden! Ersatz und Ablösung im Anzuge! Position mutz gehalten werden! Tapfer ausharren! Abzeichen und Kreuze so viel ihr Leute habt. Schluß!" Als ich mich umwandte, hing die ganze Kompagnie mit fragendem Auge an mir, obwohl jeder wußte, was los war. Die Instrumente verstummten, Gesang und Unterhaltungen brachen ab. „Wann und wo?" hieß die stumme Frage auf aller Lippen. Ich hantierte mit meiner Taschenuhr, um meine innere Aufregung zu verbergen. Ich darf nicht zittern, ich mutz hart und gleichmütig bleiben . . . Das ist Dienstvorschrift. „Na also, Kameraden!" sagte ich mit einem Lächeln größter Ruhe, „wir wollen bereit sein." Ein leises Erbeben im Kreise, aber keiner sprach ein Wort. Ich scherzte: „Ist nicht schlimm. Ungebetene Gäste wollen uns beehren . . . Werden sie würdig empfangen . . . Mut, Kameraden, wir schicken sie schon heim» mit einem Denkzettel, daß sie genug haben für alle Zeiten." Ohne ein Wort zu erwidern, erhoben sich die Leute wie schlaftrunken und fingen an, ihre Tornister zu packen. Mit diesem Tornisterpacken beginnt schon die Hölle in ihren ersten Schrecken. Außer den unentbehrlichsten Dingen, wie Ration, Koch- und Etzgeschirr usw. gibt es noch unwichtigere, kleine, aber liebgewordene Gegenstände, von denen-man sich sehr ungern trennt, die einen einfach nicht in den Tod entlassen wollen ... Da ist ein vertrautes Bild, dort ein von lieber Hand geschriebener Brief, hier eine Liebesgabe, ein allerliebstes Schächtelchen, eine gepreßte Blume, ein Taschentüchlein mit eingenähter Glücksmünze ... An all diesen Albernheiten haften so viele heilige Erinnerungen, so viel Liebe» so viele Tränen, Küsse, Aengste, daß man förmlich ihre flehende Bitte hört: „Nimm mich mit in den Tod. Unser Leben stirbt mit dem Deinigen . . ." Ich fühlte ein Schlottern in den Knieen. Angst ist ansteckend. Wird einer von ihr gepackt, so geht sie von Mann zu Mann, alle Grenzen und alle Dämme überschreitend. Einer der Honveds erhob sich, warf seine Pfeife weit von sich und spuckte wütend und fluchend aus: „Herr und Heiliger im Himmel, wievielmal im Leben stirbt denn eigentlich der Mensch?" Und wieder dumpfe Stille. Ieder war mit sich und seinem Tornister beschäftigt. Dreimal wird jeder Gegenstand beguckt und geprüft, weggeworfen und wieder aufgehoben. Einer betrachtete lange eine Photographie und sah sich verstohlen um. Er hätte sie wohl gerne an den Mund geführt, schämte sich aber seiner unmännlichen Anwandlung, und schob sie rasch in den Ranzen. Ein baumlanger Kerl packte rasch und lebhaft und voller Zorn, ordnete und schnürte und warf einen Gegenstand nach dem andern zu Boden. „Zum Teufel mit all dem Zeug! Kein Leben und keine Liebe, keine Gefühle und keine Erinnerungen! Wie die Hunde verenden, ohne Bekenntnis und unbeweint! . . ." Ein kleiner Soldat neben ihm arbeitete dagegen in aller Ruhe, ohne Uebereilung, ohne Zorn und fast ohne Empfindung. Ein Alleinstehender, hatte keinen Vater noch Mutter, noch sonst jemand im Leben, auch nannte er nichts eigen in seinem Heimalsdorf. Nicht einmal eine treue Mädchenseele wartete dort seiner. Er hatte auch demgemäß keine Liebeszeichen zu verstauen oder wegzuwerfen . . . Seinen ganzen Besitz bildete die vorschriftsmäßige Verpackung. Was hatte er zu fürchten? Es starben hier so viele, auf den einen kam es garnicht an. Und wüßte er es ganz gewiß, daß er dort jenseits des Lebens seine Mutter zu sehen bekäme, er ginge dann wie zu einem Feste . . . Ich sah mir die Gesellschaft an und ein Schreck durchfuhr meine Glieder. Das soll die erste Kompagnie des besten Regimentes sein. Mit denen soll ich Sturmangriff abschlagen und selbst stürmen. Und nirgends eine Spur von Mut und Kraft. Verzweiflung und dumpfe Resignation auf allen Gesichtern. Ich horchte in die Nacht hinaus. Eine schwarze Stille rings umher, dumpf und angstbrütend. „Trr!" Das Telefon klingelte. „Halloh, wer dort?" Nichts, es war Irrtum. Und wieder atemraubende Stille. Noch einige Sekunden. Und plötzlich ein Krach, ohrenbetäubend und lufterschütternd, ein Schuß in unseren Graben hinein durch den Eingang, ein Revolverschuß. Ich griff nach meiner Waffe. „Wer, Teufel und Hölle, hat hier geschossen?" Da ging die Türe auf und auf der Schwelle stand ein kleiner Soldat, ein Knabe fast, der sich ganz sonderlich in der Uniform mit den Bändern und Abzeichen ausnahm, und er lachte noch laut und hell, der kleine Frechling. „Melde gehorsamst, Herr Leutnant, daß ich es war!" Er stand militärisch stramm, ganz nach Vorschrift, mit klarem, freiem Blick nach mir gerichtet, und wartete der Anrede. Ich maß ihn mit prüfendem Blick von oben bis unten. Alles genau und korrekt nach Vorschrift. Nur das bübische Lächeln auf dem Kindergesichte war noch nicht ganz gewichen. Er hatte uns erschreckt und machte sich jetzt noch obendrein über uns lustig. Auf seinem Kragen blinkten aber drei Sterne und auf der Brust die goldene Medaille. Sein Glück, ich hätte ihn sonst in Stücke zerrissen. „Wer bist du?" „Melde gehorsamst, Herr Leutnant, Unteroffizier Iuda Kraft aus der Abteilung der Frontsanitäter. Herr Oberst schickte mich her." Also mußte ich ihn empfangen. Befehl des Oberst. (Fortsezung folgt.) (Der ohne Mild.) Wie litauische Zeitungen berichten, hatte es der Chofez Ehajim durchgesetzt, daß er aus der Fahrt zur Kenessio Gedaulo alle Grenzen mit einem Passe ohne Bild passieren durste. Wie viele andere große Rabbiner früherer Zeiten weigerte er sich beharrlich, sich im Lichtbild festhalten zu lassen, und die Behörden wie Konsulate trugen in Berücksichtigung der Bedeutung des Rabbi seinen Wünschen Rechnung. Es dürste dies in dieser Zeit der Visen und Grenzkontrollen ein einzig dastehender Fall sein, daß jemand mit bildlosem Paß eine Auslandsreise antreten konnte. Briefkasten. Rabb. Dr. B. K. Wir bedauern, die Bemerkung übersehen zu haben. Wir haben Ihre Bedenken an den Autor weiter gegeben und wird er sich mit Ihnen direkt in Verbindung setzen. R. R. M. 20 Frs. eingegangen. Lehrer R. A. in Mittelsinn. Sie schulden für Abonnement Mk. 2 600 000 000. M. H. B. Man nimmt besser süßen Tee; jedenfalls auch das nur im Notfall. L. N. in Danzig. Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. S. L. in Lemberg. 50 000 Polenmark, sowie Gedichte erhalten.

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