Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr.rr i-rr fnrili OAe Ktost«§es«ßichte a«s »<n «. Gchser. - (Schluß.) V. , ' „Höre Bruder Mienaffe! Wir dürfen nicht länger hierbleiben, denn die Wolken ziehen sich über uns immer dichter zusammen. Die Häscher und Horcher des Ulphonso sind emsig un der Arbeit. Er beschleunigt sein Werk, darum muh .ich auch das meinige beschleunigen. Uebermorgen feiert das Kloster s«in Fest, und wir in der Hohle unser P es fachfest. Am Vorabend gibt es große Kirchenfeier im Kloster. Wir aber im Gelasse werden Siederabend hätten, zum letzten M!al hier . . . Enrika wird bei euch am Seder sein. Ich werde möglicherweise diesesmal schien ... Sorget euch nicht um mich, aber seid auf der Hutl Jahrzehnte gehegte Pläne reifen und nahen sich der Verwirklichung . . . Ein Schauer überkommt mich und ich weiß nicht, ob es nicht für einen Juden sündhaft ist, Racheschauer zu empfinden . . . Vielleicht habe ich zu lange unter ihnen gelebt und dort diese Gefühle erlernt. Man wandelt nicht ungestraft unter ihnen . . . Gleichwohl, ich kann nicht anders. Enrika ist jung und gjart und soll lucht -geopfert werden, eher! ich selbst... Ich sage nicht, was geschieht, es kann auch gleich sein. Wenn ihr die Zeichen am Himmel sehet, denket 'an mich, ich bin vielleicht schon ober: und gebe Rechenschaft auch für diese Tat ab . . . - Damals, du weißt es noch Mienasse, war es ebenfalls erster Sederabend. 'Tu und ich saßen im Hause des Vaters Dbadja am reichgedeckten Sedertisch, standen mit dem Decher in der Hand und sagten das Gebet vom Gattes!-, zorn „Schefoch chamoßcho", da rissen sie die Türe auf, stürzten sich wie die wilden Tiere über uns. Wie durch ein Wunder -wurden wir zwei gerettet, aber der arme Vater .... . Sarahs Mann und Kind . . . Seitdem ließ mich der Gedanke nicht Los, daß es an gleicher Macht bei der gleichen Gebetstelle auch sie treffe, daß sie fühlen, was es heiße, in den Frieden festgestimmter Menschen einzudringen, sie zu martern und zu vernichten . . . Dieinem Schutze wertraue ich die beiden Kinder än. Juda — Enrika und Mirjam, sei ihäen Vater und Schützer!" Ambrosius, der diese Wdrte sprach, kämpfte mit einem Tränenstrom, der ihin fast die Kehle zuschnürte, aber er überwand sich und sagte werter: „Bis zum Morgengrauen könnt ihr meiner warten. Komme ich bis dahin nicht, klopfe nicht an die Türe und gebe nicht das! bekannte Zeichen, so. wisset, daß ich bereits nicht mehä unter den Lebenden weile, vielleicht schon — gäbs Gott — int Kreis der Reinen und Heiligen, die auf dieser spanischen Erde, durch FeuerflaMmen gelästert, ihre Seele aushauchten . . . Mer meine Seele ist belastet, für die Jahre des Klosters und vielleicht auch die letzte Tat ... Gleichwohl sorgt euch nicht um mich Und trauert nicht. Und noch eines: Seht ihr Zeichen, dann besteiget den Felsen mit dem vollgeftrllten Sederbecher jn "der Hund und stimmet das „Schefoch chamoßcho" an. Dlann . . . Im Hafen steht ein Schiff, das den Weg nach Holland nimmt. Ter Kapitän ist einer der unsrigen und einge-, weiht, uNd der Schiffslohn ist für euch alle bezahlt. Als Losungswort gilt „Schefoch chamoßcho!" Ihr seid dort geborgen unter holländischer Flagge und segelt einem ft eien Lande, einer besseren jüdischen Zukunft entgegen." Wortlos umarmten sich die beiden alten Brüder. Ambrosius huschte dahin wie rin Schatten, während Mienasse sich zu seinen Brüdern begab. VI. i Es war erster Siederabend/ Unten im Gelasse, wo sich das geheime jüdische Bethaus befand, war die ganze jüdische Gesellschaft am Sedertisch versammelt. Mn der Stelle des fehlenden Ambrosius saß an der Spitze der Tafel fein Bruder Menasse. Stilles^ Beben ging durch den dunklen Raum, und bei jedem Worte des Gebetes war das Auge in ängstlicher Erwartung nach der Türe gerichtet. . Man war nie sicher. Verräter, Häscher lauerten in allen Ecken. Trauervvll ruhte Vieler Blick aus dem leergewordenen Platz der Frau Sarah, die man erst vor wenigen Tagen hinausgetragen hatte. Dias Fehlen 'des Ambrosius flößte allen Angst und Sorge ein. Mur Menasse ahnte was und suchte, so gut er konnte, die Anwesenden zu beruhigen und zu erheitern. An der Seite Menasses saß Enrika mit großen staunenden Augen. Es war alles! fremd und neu, was' er da sah. Aber bereits hatte die jüdische Liebe von seinem Herzen ganz Besitz genommen und in seinen Augen schillerten Tränen 'der stillen Freude. Menasse trug im Flüstertöne die vorgeschriebenen Gebete aus der Hagada vor. Und er wußte in die alten Erzählungen auch die eigene Hagada, die Hagada der spanischen Juden. die Hagada seiner Familie mrd des Eltern- Hauses Enrikas einzuflechten. Besonders unterstrich er, was Ambrosius alles zur Seelenrettung des Enrika getan hatte, wie er vor der Selbstverleugnung und von der äußeren Verleugnung seines Glaubens' nicht zurückschrak, um ihn als Juden zrt erziehen. Schlecht Hatten es' die Spanier, so sagte Menasse, den Jüden vergolten, was sie zum Ruhme, zum Glücke und 'zum Gedeihen des spanischen Landes geleistet hatten. Dias Mahl war zu Ende. Man hatte das .Tischgebet gesprochen und den vierten Vecher eingeschenkt. Es war bereits die Stunde der Mitternacht. Mer hell, taghell wurde es auf einmal. Mas war das? Me ganze Gesellschaft sprang auf. Lichtwellen loderten auf und fluteten heran und beleuchteten den ganzen Umkreis, daß auch das Gelaß ganz in Licht gehüllt war. Es ratterte und knatterte und loderte und Manschen schrien. Man lief an die Tür, ans Fenster. Doch Menasse, gebot Ruh!e, nahm den vvllgesüllten Becher in die Hand mtb schritt hinaus, hinter ihm alle anderen bis zum Felsen, der von den Flammen ganz erhellt war. 'Ein schauerlicher und zugleich grandioser Anblick bot sich ihäen Augen. Dias ganze Kloster stand von 'allen Seiten in Flammen. Es' krachten die Wände und stürzten die Türme. Alle Glocken waren - in Bewegung' und' das' Geläute vermischte sich mit dem Stürzen und Krachen zu einer betäubenden Sym'phiouie. Und über alldem ein Himmel wie in Blut getaucht. Menschen schrien und rrefen, übertönt vom Sturm und dem Züngeln der Flammen. „Schefoch chamoßcho", entrang sich der Herzen, die in diesem Momente jedoch mehr menschliches -machtloses Mitleid als Schadenfreude füllte. Wo war Ambrosius? Jeder dachte in dieser Stunde an ihn, aber keiner sprach seinen Namen aus. Bis zum Morgengrauen lauschte Menasse an der Türe der Höhle, harrte eines! Zeichens, eines Rufes. Mer Minuten und Stunden vergingen, kein Winken und kein Klopfen. Schon stand die Sonne hoch am Himmel. Ambrosius war nicht gekommen. * ck * Am zweiten Märgen bestieg die kleine Gesellschaft unter Anführung Menasses das Schiff, das sofort den Kurs nach der holländischen Küste nahin. Noch einen Mick taten die Auswanderer nach der spanische Heimat. Bon der Stelle, wo das Kloster stand, das Jahrzehnte lang Schrecken über das Land verbreitete, stieg dicker Rauch aus verfallenen Trümmern auf. . . Uinderecke. UiT. LüJr ■üü Zwei Gedichte aus mutterlosem Hause. Von Jakob Höxter. Jesberg, s) Entzünden. „Der Sabbat kommt näher, nun stelle Dich mir an die Seite, mein Kind;* Und ich — mit zitternden Händen — Zwei Lichtlein langsam entzünd'.- Die Lippe stammelt den Segen, Dem Äuge entquillt es heiß- Vereinsamt auf allen Wegen, So flüstert's im Herzen so leis- Komm Kind, wir müssen ertragen, Was uns das Schicksal beschert; Das will uns wohl sicherlich sagen Der Sabbat, der Einlaß begehrt. — b) „Ne«r Tomid." Ein Lichtlein brennt gar einsam Am Tag und in der Nacht, Und wenn es verlöschen sollte, Das Kind es wieder entfacht. Und schaue ich hin zu dem Kinde, So geht es mir durch den Sinn: Hier blüht an verwaister Stelle Des Hauses neue Priesterin. O, wandte der Mutter Pfade, Die stets, wenn stürmische Nacht Das „Lichtlein" verlöschen wollte, In gläub'gem Vertrauen entfacht. mn to n^nnn paö , ,niN arau prim 'ODsnn ’taV 'min djo ^Hi Litt bDD voy L^iLlttOO ZipLivM tt Die Lösung des Rätsels in Nr. 20 u. 21 lautet: nv~\ Richtige Lösungen sandten ein: Kantor H. Stern, Gruschau; Ch. I. Vogen, Karlsruhe; Adolf Rath, Essen: I. I. Rosenberg, Worms; Samuel Isaak Braude, Telschi (Litauen).