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Der Israelit · 1923-05-10 · Heft 19 (10.5.1923) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 19 (10.5.1923)
Date
1923-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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AeMekon-Vellage M Är. iS des „Zsraelit". Enrik«. Eine KfostergeschichLe aus Spanien. »on A. Gchoer. f" ' (Fortsetzung.)? II. Der Frühling Hielt langsam mtter vielen Unterbrechungen seinm Einzug. Es war kurz Vor dem Osterfeste, in den Dagen des großen Fastens und BetenÄ Diie Mönche im Kloster waren in Trauer gehüllt und sangen von früh bis spät Büßlieder. - Fromme Beter aus der Stadt unten füllten den ganzen Dag die Klosterräume. Enrika wurde von bösen Träumen und Angstgefühlen geplagt. Er träumte zuweilen, daß er, vom Mnde getragen, in ferne, finstere Lande entführt würde. Wollte er -Ambrosius sein Herz ausschütten und von seinen Träumen und Empfindungen erzählen, so hatte dieserkeine Zeit für sowas'. Er unterbrach ihn mitten im Satz, seine Aufmerksamkeit auf die geheimen Bücher lenkend. Enrika beherrschte bereits die Kenntnis der Buchstaben und Worte und konnte schon von selbst den Sinn derselben herausfinden.!Tie Bücher sprachen fast ausschließlich imr von Israel, dem vön Gott erwählten Volke. «Einmal in später Nachtstunde, da Ambrosius und Enrika stoch wach auf ihren Lagern ruhten und das kleine Flämmchen vor dem Kruzifix noch nicht ausgebrannt hatte, da flüsterte Ambrosius urplötzlich seinem Schützling zu: „En-' rika, hast du schon je Juden gesehen?" Und bevor noch Enrika Zeit gefunden hatte, zu antworten, flüsterte der Greis weiter, kaum hörbar: „Diort im Walde gibt es einen Platz . ." Er hielt mitten im Satze ein, denn es näherten sich plötzlich Schritte der Höhle. Sie zogen aber vorüber und verloren sich in der Stille der Nacht. Ambrosius sah nach Enrika, dessen Gesicht kreidebleich war und sprang behende, als wollte er die Last der Jahre von sich abwerfen, von seinem Lager. Er - schritt bis an die Tür, wo er eine Weile horchte und durch die Spalten ausspähte. Dann legte er sich wieder nieder, indem er kaum vernehmbar flüsterte: „Es sind Späher an der Arbeit. Man horcht uns aus. Ich sehe Lichtschimmer auf dem Meere ... Schließe rasch die Augen Enrika! . . ' Er selbst trat vor das Heiligenbild, kniete nieder und betete. Wiederum waren Menschenschritte hörbar, die sich wieder rasch verloren. „Es sind die Miäher und Aufpasser, mein Kind," flüsterte Ambrosius, „sei auf der Hut, 'Enrika. Es ist der Prior Alfonso, der Ms nicht traut und uns nachstellt. Mer sei dessen .sick^r, es kommt auch für ihn der Tag der 'Vergeltung ..." „Ambrosius, heiliger Vater," flehte Enrika, „wüßtest du, wie schwer du es mir machst; entweder alles wissen oder garnichts. Offenbare dich und löse die Rätsel, nachdem du sie mir gestellt hast . . . Ich beschwöre dich und schwöre auch zugleich, alles von dir gläubig! hinzunehmen und es als heiliges Geheimnis in meiner Brust zu tragen, was es auch immer sei ..." „Sülle Kind, nicht jetzt. Wer der Dag naht heran. Bereite dich würdig auf ihn vor . ." Und wieder lag alles in stiller Ruhe. Der Greis begab sich auf sein Lager und verfiel bald in festen Schlaf. Enrika aber floh der Schlaf. Verworrene Gedanken stürmten durch seinen Geist. 'Tie rätselhaften Worte Ambrosius nahmen chm vollends die Ruhe. Er hielt die Augen weit geöffnet in das Dunkel der Höhle, als wollte er aus den Tiefen des Rätsels Lösung holen ... 'Es graute der MIorgen heran; durch den MrsPM drang sin langer schiefer Konnmstreisen und ein angenehmer Hauch wehte von außen, wo blühende Bäume rauschten. „Im Walde da gibt es einen geheimen Platz," erinnerte sich der Knabe des abgebrochenen Satzes des' Ambrosius. Ja, im Walde, da werde ich die Lösung für alle die Geheimnisse finden . . . Und ohne nach dem Alten zu sehen, schlich sich Enrika von seinem Lager, warf sich unhörbar in seine Kleider und verließ die Höhle. Bald war er im dicksten, tiefsten Dunkel jdes Waldes. Er suchte im Dickicht nach einem Fußpfad. Er wußte, es mußte einen solchen Pfad geben und wußte selber nicht, woher ihm das genaue Wissen um den geheimen Weg gekommen war . . Und während er sich mit schwerer Muhe einen Weg durch das dichte Gezweig brach, verließen ihn die W0rte des Alten nicht: „Dortt. im Walde, gibt es einen Platz ..." Da leuchtete plötzlich aus Gezweig und Geäst > ein sich schlängelnder heller Streifen auf, der Knabe jubelte laut auf, der gesuchte Weg war da. So bekannt und vertraut kam ihm der Pfad vor, als hätte er ihn täglich gesehen und wäre ihn täglich gewandelt. Und nun ging er und ließ sich von den Spuren führen, immer weiter und weiter, obwohl sein Herz eine unbestimmte Angst beengte. Er ging und wußte nicht, wie lange er ging, er hatte jedes Gefühl für Zeit und Ort verloren. Da lichtete sich der Wald und es tat sich ihm auf einmal eine breite Ebene auf, umsäumt von gewaltigen Stämmen und scharfen, steilen 'Felsenwänden. Herrlich ergoß sich das' Gold der jungen Sonne in diese Wäldeslichtung. Wie merkwürdig! Auch dieser Platz kam ihm ganz bekannt und vertraut vor, wiewohl er sicher wußte, niemals hier gewesen zu sein; er kannte hier alles. Auch die Bäume, die Felsen begrüßten ihn wie einen alten Bekannten ... Wo hatte er nur diese Ebene schon gesehen? Jetzt siel es ihm ein. Er sah sie in seinen nächtlichen Träumen, besonders in den letzten drei Nächten, und er sah da auch einen milden Greis, der Am die Haare streichelte und auf die Stirn küßte. Er konnte sich der Gesichtszüge dieses Greises nicht mehr erinnern, doch wußte er, er würde ihn sofort erkennen, wenn er ihn hier jetzt träfe, so wie er auch den Platz sofort erkannt hatte . . . Es fiel ihm ein, daß er an der Hand des alten Mannes auch ein kleines' Mädchen gesehen hatte und noch ein liebes Antlitz, er konnte sich dassMe >auch bei aller Anstrengung nicht mehr auswalen. v Drei Nächte nacheinander hatte er den gleichen Traum io deutlich gesehen und erlebt. And wenn er ihn Ambrosius erzählen wollte, fand er nicht die Worte dafür. Nun hatte er das Bild vor Augen. Er war auf dem Platze, wenn er auch die Gestalten noch nicht antraf. 'Ein großer Adler pflegte nachts in seine Träume zu flattern, ihn auf seinen großen -Flügeln in großem Schwünge bis .zu dieser . Ebene hinzutvagen, wo'der Alte seiner harrte . . . Und auch das kleine Mädchen, das ihn Bruder nannte und ihn küßte, um dann gleich wieder zu verschwüren ... Fast schien es «Enrika, als.träumte er auch jetzt. Er mußte sich vergewissern, daß er auch leibhaftig dastand und alle die Dinge mit wirklichen wachen Augen sah. Inzwischen.ging die Sonne in Poller Kraft .auf. Ein prachtvoller Morgen, in - den: alles silbern leuchtete.?lber die Sonne glühte erbarmungslos und .auf dem Platze war kein Baum, keine M!auer, kein Schatten, Dabei fühlte sich Bnrika Mm langen Wege fo »nnüdet, daß er sich hinsetzen mußte. ' In einiger Ferne stand ein großer Stein, der einigen Schatten spendete. Hier setzte sich Enrika .im taufrischen Grase und schloß di Augen. - Es ging dem Mittag entgegen und er hätte längst in der Höhle bei Ambrosius sein müssen. Aber er rührte sich nicht vom Fleck. Auch der Stein Mr ihm nicht fremd, auch ihn hatte er schon geschen. Unheimliche.Angst überfiel dm Knaben. Am Ende war das alles nur Hexenkunst. Er Hatte im Kloster so viel aus dem Münde der Mönche von solchem Hexenwerke, von verzauberten Menschen ,und Häusern gehört . . . Auch er warum Ende Hierher verhext . . . Und plötzlich schrie .er laut auf, denn von einiger Ferne kam auch wirklich der Alte seiner Träume ans ihn zügeschritten ... Enrika erhob sich, als wollte er eiligst davonlaufen. ,Heiliger Gott!" schrie er und bekreuzte sich, um den Spuk zu verscheuchen. Aber der milde Greis kam eiligen Schrittes immer näher und wie erstarrt stand der Knabe mit schlotternde,: Beinm und klappernden Zäh- ^nen da. Die Haare standen ihm zu Bergen. Er wollte flüchten, konnte aber nicht von der Stelle. Und nun stand der Mte vor ihm und sprach: „Ich wußte schon, mein Kind, daß ich dich Hier antreffe. Auf, wir wollen gehen! ..." Spvachs und nahm Enrika bei der Hand, um ihn mit sich hinzuziehen^ Und der Knabe ging wie geistesabwesend, ohne zu wissen, warum und wohin. (Forts, folgt.) VerUkel. Der Prager Korrespondent der Wiener „Wahrheit" berichtet: Gelegentlich einer der letzten Partamentssitzungen in Prag erscheint im Vorraum des Sitzungssaales ein Greis von seltsamen Gehaben und »;n, der vorn protestierenden Saaldrener lebnlaß heischte. ,,Kdo late a co chcete?“ (Wer sind Sie und was wollen Sie?) — rief der Diener dem altväterlich-jüdisch gekleideten Herrn zu, dessen Kauderwelsch kaum zu verstehen war. „Ich bin der Schammes von Rakonitz und such mei Enkerl, den Politiker!" Die Umstehenden, die nicht wußten, wer mit dem „Enkerl, dem Politiker" gemeint war, drangen weiter in den Alten. Er wiederholte jedoch unablässig nur: „Ich bin der Schammes von Rawnitz" und fügte hinzu, sein braves Enkerl, das ihm einst selbst bei der Minjen-Uebung Dienste geleistet habe, sei, wie er in der Heimat vernommen, dem alten Glauben abtrünnig und „Führer der Rosches" (Antisemiten) geworden; er müsse ihm ins Gewissen reden. Tschechische Abgeordnete riefen: ,,To mucze byt jem stary Kafka!“ („Das kann nur Kafka sein!") Man wollte den alten Herrn, der erfreut war, sich erkannt zu sehen, zum „Enkerl, dem Politiker" führen, dem deutschen Abgeordneten Prof. Dr. Bruno Kafka; dieser aber, von dem unerwarteten Besuch sichtlich peinlich berührt, händigte dem Diener 30 Kronen ein, nnt dem Bemerken, sie dem „alten Schnorrer" zu geben . . . Graphik von Wilhelm Taabert. Im Frankfurter Kunstverein find Radierungen von Wilhelm Taubert ausgestellt. Obwohl ersichtlich der Künstler von der allgemein zugänglichen Naturwirklichkeit kommt, ist doch alles in die höhere Ebene der Kunstgestaltung erhoben, sodaß ein entschiedener Form- Wille erkennbar ist. Daß die Motive auch allgemein verständlich bleiben, bedeutet in diesem Fall kein Mangel. Auch bleibt denr genaueren Betrachter ei» gewisses Fortschreiten des Stils, eine innere künstlerische Weiterbewegtheit unverkennbar. Der „Kopf des alten Juden" linear ornamental, die Gondel illuministisch, der Kuß mehr auf den Schwarz- Weiß-Kontrast gesehen, der Gardasee mit beschränktesten Mitteln fast nur Raunt und Licht, die Meerfestung konstruktiv, die Venezianerin anscheinend bewußt auf den Gegensatz von Figur uno Raum gestellt und im Hasenbild dies emdrucksvolle Motiv aus Linie, Fläche, Raum, Dunkel und Licht. In nur sieben Blättern eine reichhaltige, interessant» und auch sehr zugängliche Phantasie. Ein schon von solcher bekanntes Bildnis Nobels (eine Algraphie) ist auch zu sehen. Dr. He»m«nn D»hß.

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