Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1923)
- Date
- 1923-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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FMeton-Mage M Ar. 12 des „ Enrika. Zirre KkostergeschichLe ans Spanien. Von A. Schoer der Nähe von Kordova stand, umgeben. Lvn dichten Bäumen, auf einem bewaldeten Berge das Kloster, in dem die Dominikaner ihr Heim hatten. Der Prior, Bruder Älstmso de Müry, war als Eiferer, und Mann von starkem Willen im Lande bekannt und auch gefürchtet. Bei den Brüdern im Kloster genoß er große Verehrung, da er der älteste ihrer war und in hohem Ansehen beim Königspaare Ferdinand und Jsabella stand. Außerdem war er Mitglied der Inquisition, die in diesen finsteren Tagen die Oberherrschaft im Lande hatte. In diesein Kloster pflegten zur damaligen Zeit die Söhne der Granden ihre Erziehung zu erhalten. Streng im Geiste der Kirche wurden die Söhne des höchsten Wels von den frommen Brüdern erzogen und mit unversöhnt lichem Haß genährt und erfüllt gegen alles, was nicht zur katholischen Kirche schwor. Neben den religiösen Fächern erhielten hier die Zöglinge einigen Unterricht in den weltlichen Wissenszweigen, insbesondere Belehrung über die feinen Manieren und Allüren des hohen Wels. Ein Knabe fiel unter der Schar der Zöglinge besonders auf, sowohl durch sein äußeres Aussehen wie durch sein inneres Wesen. En r i ka hieß der hochaufgeschossene, hagere Zunge mit den tiefschwarzen, verträumten wie trauerumflorten Augen und dein behenden Gange. Zuweilen glänzte in den Augen des Kindes eine Träne, die von unbestimmter Sehnsucht nach dunkler Vergangenheit oder unbekannten Zielen sprach. Zuweilen aber blitzte in diesen Kinderaugen etwas auf, das aussah wie mit geheimer Hand entzündetes Licht, das in weite Fernen leuchtete . . . Wie verzaubert stand dann der Knabe, als sehe und höre er ganz allein wundersame Dinge, die sonst aller Welt verborgen blieben . . . Dann erlosch das Licht plötzlich, unvermittelt, und der Junge zog sich ganz in sich zurück, blieb einsilbig, traurig und unwillig, wie aus süßen Träumen jäh erwacht . . . So ganz Zanders wie alle seine Altersgenossen und Mitschüler war dieser Klosterknabe. Seiner Freude wie seiner Trauer Grund kannte keiner, kannte eigentlich er selbst nicht. Einsam ging er daher und die Spiele der Mitschüler lockten ihn nicht im geringsten, er mied sogar ihre Gesellschaft. Ganz in Bücher versunken, saß er in allen von Lernen und Beten freien Stunden in einer einsamen Ecke der dunklen Klofterräume. Oder er suchte den nahegelegenen Wald auf und fand im dichten Schatten eines Baumes Ruheplatz, wo er sich wiederum ungestört in seine Lektüre vertiefen konnte. Enrika las und grübelte und träumte im Wachen. Verblaßte Erinnerungen und verwischte Bilder jagten vor seinem Geistesange und bekamen, von reicher Phantasie belebt, neue Form und Farbe ... Er sah viele Gesichter, viele Menschen, alte und junge, Männer und Frauen . . . Und aus der Mitte dieses Menschenkreises löste sich eine große, starke Gestalt mit Stahlhelm auf dem mächtigen Kopfe, schwertumgürtet, bewehrt und bewappnet. Mitunter sah er auch einen ehrwürdigen Greis, das helle Gesicht von schneeweißem Barte umrahmt. Ter Alte neigte sich über ein aufgeschlagenes Buch und er, Enrika, fühlte sich' auf beffcit Schoß so wohl und geborgen . . . Aber am meisten sah er eine lichte Erscheinung, die einer Frau von so unsäglicher Echönheit und Güte, wie er sie bisher in reinem Märchen angetroffen hatte. Die Umrisse des herrlichen Bildes waren vertuscht in fqs'ner Erinnerung, deutlich blieben, nur die Augen. Die waren noch klar auf ihn gerichtet, erglänzend in Liebe und Erbarmen . . . Und sah er mit den Augen des Geistes in diese 'Augen, so war es chm, als legten sich weiche Hände um seinen. Hals. Wie wohl und warnr ward es chm ums Herz ... Es traten ihm Tratten in die Augen und er wußte selbst nicht warum. Keiner nannte ihn bei Namen in diesem Kloster. Mur in den Büchern war er als Enrika de Marlis verzeichnet. In der Leute Mund hieß er nur kurz die „Waise von Schigowa". An einem trüben, regenkalten Morgen war er hergebracht worden, es konnten zehn Jahre her sein und er zählte damals fünf. Im gedeckten Wagen war er hergeschafft und gleich dem Prior Alfonso de M-äry zugeführt wordeir. Ein Mönch wurde mit seiner Erziehung betraut, dessen Eifer aber sogleich nachließ, als die erhofften Geschenke aus dem adeligen Etternhause ausblieben. Seitdem kümmerte man sich wenig im Hanse um die ,Maise aus Schigowa". Der Junge war einsam - und verlassen, schlecht gepflegt und wenig beachtet, und nahe daran, geistig und körperlich zu verkommen, wenn nicht alsbald der als Heiliger . im ganzen Lande gekannte und hochverchrte Bruder Ambrosius ins Kloster gekonrmen wäre, der sich vom ersten Augenblicke an des Kindes annahm und sich seine Pflege sehr angelegen sein liest Bruder Ambrosius kam ins Kloster kurz nachdem Enrika dorthin verbracht worden war. Man konnte Ambrosius leicht anschen, daß er kein Mönch von Haus aus war. In Wahrheit kam er vom Militär und hatte sich als Heerführer im Kriege mit den Arabern um Granada schr ruhmreich ausgezeichnet. Mehr wie einmal war er in Lebensgefahr und sah er seine Mannen zur Rechten und zur Linken wie vsn Schnitterhand hingemäht fallen. Vom Kriege zurückgekehrt, empfand er Mel vor all dem Blute, das er im Felde gesehen und gerochen hatte und so gelobte er,«den Rest seiner Jahre jenseits des Welttreibens im Kloster der Dominikaner bei Kordova in Ruhe und frommer MUße zu verbringen. Er ließ Aemter und Ehren im Stich, schenkte all seine Besitztümer dem Kloster und nahm für sich nur eine kleine, enge Zelle in Anspruch, in der er sein Leben in Gebet und Kasteiungen beenden wollte. Als General hieß er Ton Sebastian, als Bruder erhielt er aber im Kloster den Namen Ambrosius. Undder fromme Ambrosius erachtete als seine vornehmste uud heiligste Aufgabe, den Waisenknaben aus Schigowa in seinen Schutz zu nehmen, ihn zu hegen und zu .pflegen. . Er wurde ihm Väter und Lehrer zugleich und ließ ihn buchstäblich keine Minute am Tage aus dem väterlichen Auge. Von dem Moment ab trat auch die Wandlung im Leben Enrikas ein. Er gedieh geistig und körperlich zusehends und zeichnete sich mit seinem Fleiß und seinen Fähigkeiten, mit seinem Anstand und seinen guten Manieren von all seinen Altersgenossen um ein Bedeutendes aus. Mit. fünfzehn Jahren war er der Liebling der Klosterbrüder und überragte mit seinen Kenntnissen auch viele der erwachsenen Mönche. Tenn Ambrosius, der Lehrer und Erzieher des Knaben, war als großer Gelehrter im ganzen Lande weit und breit bekannt. Je mchr aber Enrika geistig wuchs, umsomehr zog er sich in sein 'Selbst zurück und suchte mit Vorliebe stille Plätze auf, wo er sich vor dem Auge der Welt verborgen halten konnte. Enrika kam dahinter, daß sein verehrter Lehrer Ambrosius in einem gcheimen Schrein Bücher von wunderlicher Art streng verbsrgen hielt, aus denen er nur in später 'Nachtstunde, wenn alles im Hause schlief, studierte und er ruhte nicht eher, als bis sein väterlicher Freund chm auch Einblick in diese Bücher gewährte. Ambrosius tat es aber nicht im Kloster, sondern er führte ihn hinaus in den dichtesten Wald und nahm chm mit Aufblick zum klaren Himmel einen feierlichen Eid ab, daß er nie und nimmer und zu keinem Sterblichen nur ein Wort über diese Bücher und deren Inhalt würde verlauten lassen. Auch mit chm selbst dürfe er kein Wort darüber sprechen, es sei denn, daß er, der Lehrer selbst, es täte. Es ergab sich nun, daß Nacht für Nacht, wenn alle Klosterbrüder schliefen und sich im Hause nichts rührte und regte, Enrika in die geheime "Zelle seines Lchrers' Ambrosius trat und dieser ihm, in Zeichen und Andeutungen, von Dingen sprach, die er bis dahin noch nie gehört hatte und die in den großen Büchern, aus'denen Ambrosius hinter geschlossenen Türen las, geschrieben standen. Die gcheimen Bücher nahmen jetzt vollkommen bas Interesse des Knaben gefangen, sodaß er Tag und Nacht über deren Beden- ' tung nachdachte. Es waren dort Worte und Gedanken, wie er sie noch nie im Leben gehört hatte. Ganz wundersam mutete ihn das an, was er von Ambrosius über das Volk der Juden gehört hatte, das-zu Anfang Gott als Volk seiner Wahl bestimmt hätte, um es dann von sich zu stoßen, — weil sie große Sünden begangen hätten. Viel Wunderliches war' in den Büchern des Ambrosius über dieses Volk zu . lesen, unter anderem, daß dessen Lehre einstens zum Licht und Wegweiser für alle Völker werden würden . . . (Forts, folgt.) (Ein Besuch in der Krakauer Beth Jaakanw- Schnle). Ueber einen Besuch in, der bekannten orthodoxen Mädchenschule KrakauS, die man als eine Frucht der Agudaberveguna ans.ehen darf, plaudert I. Halevi im „Jud": Eine Wintern acht führt mich über die stille Seitenstraße in das neue Gebäude der Töchterschule „Beth Jaakauw". Drei Stock Treppen steige ich hinan ftt dem neuen Gebäude und stehe sinnend an der EingaugStür, indem ich mich frage:Hst das Wirklich uwer Beth Jaakauw, an das ich vor einem Kahre nur im Traum zu denken wagte? Oder ist eS etwa eine moderne freie Schule und ich schlafe wirklich? Nt in, winkt mir die blinkende Mefusa an der Türe zu, als ob sie demonstratio sagen wollte, hier ist wirklich ein Beth Jaakauw. Zwei lange, elektrisch beleuchtete Korridore führen in die schönen Räume. Mein Begleiter zeigt mir die Lehrbücher, a«e in rein jüdischer Sprache. Ich bitte eine k eine Schülerin, sie solle mir etwas über die Bedeutung des Gabbars sagen. In reiner, deutlicher Aussprache, stolz und begeistert, spricht sie über daS Thema, und die Zuhörer stehen wie gebannt. Cs scheint unS, a!S riefe eine BaSkol vom Himmel, die zur Hut des Sabbats mahnt. Ich betrachte mir weiter die Zimmer, alle ne« und hygienisch eingerichtet, ein Beweis, mit welcher vpferfreudigkeit die Ellern dem heiligen Gedanken des Beth Jaakauw zugetan find. Einen besonders imposanten Eindruck macht der große Arbeitssaal der Schule, wo ein NähkurS für erwachsene Schülerinnen eingerichtet worden ist. Dabei werden auch Mische Unierrtchrsgegenstände gelehrt. Auch wird /jetzt eine . schöneSchulbiblt 0 thek eingerichtet, deren Schöpfung die Schulleitung schon lange angestrebt hat. An der Spitze der Leitung steht die unermüdliche Frau Sarah Schenterer, deren Leistungen gar nicht genug anerkannt werden können. Der Verfasser knüpft an seine Eindrücke mit Recht die Frage, warum man in andern großen Zentren des Ostens, in Lodz, Lublin, Lemberg und anderwärts noch immer auf derartige Schulen für die Töchter der orthodoxen Famjlien warte« müsse. ,Alles was man an Ausreden für diese Unterlassung anzuführen pflege, sei nicht stichhaltig. An materiellen Mitteln könne es nicht fehlen. Man brauche nur zu sehen, wie wohlhabende orthodoxe Krauen ganze Tage chei den Modistinnen und Schneiderinnen zubringen. Wäre eS nicht würdiger, wenn diese Frauen mit ihren Männern über den SrnftdeS Problems der Töchtererz iehung nachdächien und die entsprechenden SoNsrquenzen zum Heile der Mischen Ankunft daraus zögen?