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Der Israelit · 1923-02-22 · Heft 8 (22.2.1923) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 8 (22.2.1923)
Date
1923-02-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Frankfurt—Stuttgart. WWSSS )(■&* 'mgm Eine Bor Lraglsreise. >Von den achjt Plätzen unseres Abteils dritter Klasse sind sechs! besetzt. Die Fensterecke links nimmt ein Dämchen ein, junA lieblich, zierlich und gesprächig. t Es beteuert ein übers anderemal, daß es sich „kindisch" freut, wieder einnral nach München zp komme::. Ihr nicht geräde holdes vis-ä-vis, ein blonder Hüne in Lodenjoppe, die so hart fft wie seine Züge, gähnt gelangjweilt und versichert, es eile ihm ganz und gar nicht, nach Duisburg zu kommen, da dort tvohl alles sowieso im Streike liege. Neben ihm ein im Vergleiche zu der Matrone gegenüber, der er „aus dem Gesichte ^schnitten ist", bei "den: graumelierten Hinterkopfe noch jugendlich anmutender Herr. Der' Sohn liest der alten Mutter liebevoll aus der Zeitung vor, daß „in Hamburg bereits piertausend Mark ein Pfund Butter kostet". Die Alte mit denr hellgelben, altmütterlich sich um den Hals schlingenden Pelze, der vergoldeteg Hornbrille und den leicht geröteten eingeschrumpften Wängen, ein Bild lieben Friedens aus Vorzeit, nickt wortlos. Als wollte sie sagen: „Viertausend, so viel wie mein ganzes Heivatsgut dazumal! ..." Dem treuen Sohne und Butterreferenten zur Seite ein eben erst zugestiegenes jungG schwarzhaariges und schwarzäugiges Mädchen in larrger, bünter Strickjacke, die behende und lebhaft wie in Fieberglut lamentiert, „sie sei bereits zu Eis erstarrt." Und gegenüber diesem lebendigen Paradoxon, ein Mann' in Schwarz, der, verklärt und verzückt, über einen zu haltenden Bortrag nachsinnt ... Ich muß es ja wissen, worüber der Mann sinnt. Denn dieser Maim in Schwarz — bin ich selbst. Die Zierliche an der Fensterecke sprudelt gerade so und läßt gutmütig alle Mitreisenden teilhaben an ihrer „kindischen Freude", nach München zu kommen. Der Lodenbejoppte, der absolut keinen Platz sür seine riesigen Beine findet, gähnt, wenn er nichjt gerade schläft. Der liebe Sohn ist von. der Butter auf die Kohlen, ans die Franzosen, auf die Berliner Regierung und auf die Juden übergegangen, wozu das Mitterchen im friedlichen, gelben Pelze mit den geruhigen Augen hinter den gelbümrahmten Brillengläsern gleichnräßig wie in stiller, mütterlicher ^Pflichterfüllung nickt. Die Schwarzäugige in der bunten Strickjacke 'gerät immer mehr in Hitze — über die Kälte in den Eisenbahnen, indes der Mann in Schwarz zum Gangfenster in die grau-weiß getupfte Flur und den verschneiten Wald ausi seinem Konzepte hinausschmettert (nur für ihn hörbar): „Wb sind die Zusammenhänge zwischen Natur und Mensch anders gegeben, Äs' in den Worten des ewigen Gesetzes, von Ihm diktiert, der Welt und Mensch in seiner Gewalt zu einem Ganzen einigt . ." „Eilt mir gar nicht!" gähnt der Hüne, da der Zug mit einem gewaltigen Ruck, der ihn aus den StrelktrWmen reißt, irgendwo hält. Diese grau-weiß -sgetupfteu Muren, . dieser verschneite Wald! Habt Ihr schon einmal einen verschneiten Wald gesehen, richtig gesehen, wie | es da von unten herauf strahlt und lich-tert, wie sich die toten Stämme aus dem blendenden Weiß erheben und ihre verzweigten Arme gespenstisch in den gstckuen Nebel reckend Wenn ich in meinem Arbeitszimmer daheim . an dem einzigen Fenster sitze, so sehe ich hinaus J ins Graue, wo vier verwitterte Brandmauern sich einen und ein Viereck wie einen deckellosen großen Kasten ergeben, eine Art Hof, zu dem das Dach des ersten Stockes den Boden abgibtt Dieses Dach als Boden ist eine schiefe Ebene! mit Glasbekleidung! und tauscht zuweilen einen Treib gar Len vor. Mer keine Blume blüht darunter, kein Käfer verirrt sich hierher und noch nie hat eilt Vogel sein Lied an dieser Stelle geträllert. Wbnn gesungen wird, dann sind es Katzen, die so lange über das Glasdach huschen, bis sie sich zu einer .Symphonie einen, um dem Weltentrückten ein Ständchen zu bringen. Und was habe ich nicht schon alles cm dieser fttlteu Fensterecke hinter geschlossenen Türen, zuweilen auch mit halb geschlossenen Angen, geschaut- und erlebt! . . . Ich sah einmal durch dieses Fenster in ein Kloster, hinter dessen hohen Mauern ein junges jüdisches Weib, nicht ohne eigenes Verschulden, gefangen gehÄten war und der Befreiung durch edle Ritterhcmd, die sie früher in jugendlichen: Uebernmt verschinäht hatte, ent- .!gegenweinte ... Ein anderes Mal sah ich da junge Menschen, ohne Heim, ohne Halt herumtummeln, L u f t m e n s ch e n, deren wenige nur bestimmten Zielen zustrebten . . . Einstmals, als wildes Kriegstoben die Welt erfüllte und unweit meines Fensters sogar Boniben aus der Luft iit friedliche Häuser flogen, erblühte mir plötzlich mn Fenster ein P r o P h e t e n b a u m, in dessen Schatten ein Heiliger in seinem Herzen wie in einer Noah-Arche den Frieden über die wilde Flut trug . . . Bis ans Kaspische Meer nach Kasarien und von dort zu den lieblichen Orairgenhängen in Kastilien, bin ich von dieser Fensterecke aus gewandert . . . Und einmal, es ist iwch gar nicht lange her, begleitete ich von hier aus einen von Mhender jüdischer Sehnsucht getriebene: jungen Falascha über den Hedschah nach Jemen, von dort nach dem Heiligen Lande, den Karmel entlang vom Seestrande zu Haifa bis tief in die jndäischen Gebirge hinein . . .„ Was habe ich nicht alles schon cm: Fenster meines Arbeitszimmers gesehen und erlebt! Mer den verschneiten Wald, eine Wegemeile von mir entfernt, habe ich noch nie gesehen! ... Aus der schneeweißen Decke erheben sich, da einer, dort einer, die dunklen Stämme, wie im Starrkrampfe ihre dürren Glieder matt und weit hervorstreckend. Rechts ist der Nebel so dick und dicht, daß es aus sicht, als segelten wir auf hoher See durch den kocheirden Gischt, aber links greifbar nahe der schwarze Wald auf weißem Grunde. Und weit hinten in: Nebel dun st die Berge des OdenwÄdes. Und auf den Bergen stehen Zinnen und Türnw, darinnen einstens die Rittev gehaust. Und unten, wo jetzt im Tale den' Wald entlang unser D-Zug saust, schleppte sich dazumal, schwerfällig ratternd und knatternd, der vollbeladene, mit Segeltuch bedeckte Wagen des Kaufherrn. Und von oben herab durch den Nebel kam bewappnet und bewehrt der Ritter herab. Nahm. Wagei: samt Ladung, Pferde samt Geschirr. Ein Märchen aus alten Zeiten! Mer machen sie es heute besser? . . , Jawohl, sie machens besser! Es kommen die Mtter aus anderen Bergen, bewehrt und bewappnet, in Gebiete, die ihnen nie gehörten, über Ströme, die. nie ihr Lied gesungen . . . Und sie scheuen bei ihren Ran^ügen auch nicht die Dampfkutsche des nwdernen Verkehrs, die sie in ihre Bahnen zwingen. Und steigen in den tiefsten innersten Schacht hinunter, um sich die Kohl e, b estimmt, der Menschen häuslichen Herd zu tvärn:en, für ihre Maschinen des Verderbens heraufzuhvleu . . . War schon immer so und wird auch fürs erste so bleiben: Wjer gerade ober: ist, steigt hinab, um sich den Karren von unten zu holen! ... „Die Juden!" ... klingt es hart aus dem Münde desSphnes, da der Zug mit einen: starken 'Ruck wieder hält. Und der Mann in Schwarz memoriert in die graue Flur, in den weißen Wald hinaus: „Wird eine Stadt belagert und mit Krieg überzogen, so wird den: Feinde Zeit und Gelegenheit geboten, die Stadt zu verlassen. Dann wird ihr der Friede allgeboten. Es sinttz-s i e b e n Friedensbedildugen, die s i e ü e n n cna ch i d i - s che n Gesetze, zu denen sich der Feind rückhaltlos bekennen muß, tvenn der Friedensbund mit ihn: geschlossen werden soll! Diese Sieben sind unsre einzigen Reparationen, unsre einzigen Sanktionen . . . Weiteres darüber nachzulesen ii: Mäimonides, Königsgesetze, Kapitel . . . Satz . . ." „Wie weit," jarmnert das zierliche Mädchen an der Fensterecke, „ach Gott, wie weit ist doch noch München? ..." (Forts, folgt.) Kinderecke. SSEXja ÄS 3n dieser Aacht... (Aus TargumschenizuMegilath Esther.)*) In dieser Nacht stiegen die Klagen der Jünglinge des Hauses Israel zum Himmel empor und wurden vom Herrn der Welt gehört, wie die Stimme der Böckchen und Zicklein, bis sich alle Engel der Höhe regten und erschrocken sich erhoben und sie einer zum andern sagten: „Ist vielleicht die Zeit des Weltuntergangs gekommen?" und sie versammelten sich und traten hin vor den Herrn der Welt. Da begann der Herr der Welt und sprach: „Was bedeutet die Stimme der Böckchen, die ich höre?" Da antwortete die Barmherzigkeit und sprach: „Nicht die Stimme der Böckchen hörst du, sondern die Stimme der Jünglinge des Hauses Israel hörst du, die durch Befehl des Bösewichts Haman dem Tode geweiht sind." Sogleich ward der Herr der Welt voll des Erbarmens und der Güte für sein Volk und verhieß, das Siegel, das das Unglück des Hauses Israel besiegelt hatte, zu zerbrechen und befahl dem Engel, der über die Verwirrung eingesetzt ist, hinabzusteigen, daß er den Achaschwerosch beunruhige, so daß der Schlaf von ihm weiche. Vor Tagesanbruch war der König traurig, und er befahl dem Schreiber Schimschat das Buch der Erinnerung derTageSbegebenheiten zu bringen, in dem alles verzeichnet war, was allen Königen Persiens und Mediens von jeher begegnet war. Als nun' Schtmschai sah, was Mordochai über Btgthan und Theresch ausgesagt hatte, überschlug er die Seiten des Buches und wollte es nicht lesen, aber der Herr der Welt wollte es und die Setten rollten von selbst zurück, und die Worte lasen sich von selbst vor dem König aus der Schrift heraus. *) Nach der Sulzbach'schen MMsetzumi/»*- schienen Sei I. Kanffmann, Hrankfrrrt a. ,«Pi. 1999.

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