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Der Israelit · 1923-01-25 · Heft 4 (25.1.1923) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 4 (25.1.1923)
Date
1923-01-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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r<>i. \ Sie Reue des Pogromhelden. In einem ungarischen Blatte erzähtt ein Oberrabbiner folgendes Erlebnis: Es war kurz vor den hohen Feiertagen des vergangenen Jahres. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und las gerade in einer Tagesrettung über einen der bekannten Ueberfälle in den Straßen von Budapest. Unwillkürlich entrang sich rin Seufzer meiner Brust: „Wie weit sich doch Menschen vergessen können!" Da klopft es an die Türe und herein trat ein junger Mensch, groß gewachsen, kräftig gebaut, stark und stramm/ von unverkennbarer militärischer Haltung, obwohl ohne Uniform. Ein Jude war eS auf keinen Fall, das konnte man auf den ersten Augenblick merken. Auf meine stumme Frage nach seinem Begehr stellte er stch vor. Er sei römtschkatholisch und Polizeibeamter von Beruf, er hätte mit mir unter vier Augen etwas zu sprechet,. Ich dachte an ein Mißverständnis und klärte ihn auf, daß ich Rabbiner, also jüdischer Geistlicher sei' und er sich wohl geirrt hätte. Er aber beharrte: „Gerade darum. Ich brauche einen Rabbiner, eine jüdische geistliche Autorität für die Beichte, die ich jetzt abzulegen habe, sie gehört nicht vor den Beichtstuhl der katholischen Kirche, sondern geht Juden an." „Ich bin ein schwerer Sünder", fuhr der Polizeibeamte fort, „und darf mit Recht die schwersten Strafen von Gott erwarten, darum komme ich hierher, um meine Sünden zu bekennen und möglicherweise Buße auf mich zu nehmen." Er weinte fast und mußte eine kleine Pause machen, bevor er weiter sprach. „Im Jahre 1919 war es, „nach Niederwerfung des kommunistischen Regimes, da stellte ich mich an die Spitze derer, die die Juden ausrotten wollten. Jung und ehrgeizig, wollte ich rasch Karriere machen, und das ist heute noch der einzige Weg, um vorwärts zu kommen. So schlug ich auf die Juden ein, mordete, sengte und peinigte auf jede Art, Klein und Groß, Mann und Weib, ohne Schonung und ohne Erbarmen, hatte kein Ohr für das Wimmern der Kinder, noch für die Todesseufzer der Greise ..." „Und was hat Sie nun dazu geführt, zur Einsicht und Menschlichkeit zu kommen und Ihre Sünden zu bereuen?" fragte ich. „Zunächst meine Frau. Sie ging von mir weg und weigerte sich, fernerhin das Haus mit mir zu teilen. Allen. Bitten und Zureden hält sie das Eine entgegen: mit einem Mörder, dessen Hände nach Blut riechen, könne sie nicht zusämmenhausen . . . Und sie hat recht . . . Und nun, Verehrtester Rabbi, ich stehe allein und werde seitdem "vom Unglück verfolgt. Betet für mich, so Ihr beten könnt, ich gelobe, nie mehr einem Juden das Haar zu krümmen . . ." Verwundert sah ich, dem Helden ins Gesicht, der mit wilden Gebärden seine Sünden bekennend weinte und flehte wie ein hilfloses Kind. Lin Mensch, der lediglich aus Ehrgeiz Menschen getötet und nun wieder seinen inneren Menschen entdeckt hat und mich anfiehte, ich möchte ihm in seiner Seelenqual helfen, den göttlichen Zorn von ihm abwenden. Nach einiger Ueberlegung sprach ich: „Höret, Freund. Ich bin kein Wunderrabbi und kann durch keinen Zauber fertig bringen, daß Euer Eheweib wieder zu Euch kommt. Aber es gibt Rabbis, die die Wunderkraft besitzen, auch solche Sympathien wieder herzustellen. Kennt Ihr den Rabbi aus K.? Ich rate Euch, ihn aufzusuchen und Euch bet ihm zu befragen." Der Mann verbeugte sich und ging still von dannen. s. » Nach Monaten erzählten mir K... er Chasfidim: * An einem trüben Wintertage schritt eine hübsche elegante Frau durch den Kreis der Chassidim, die sich im Hofe des Rabbi K. versammelt hatten, ging geradeaus und ließ sich von den Dienern nicht abweisen, klopfte an die Türe des Jnnengemaches und ohne auf die Proteste der Umstehenden zu achten, trat sie ein. Man glaubte, sie würde bald zur Türe hinausgewiesen werden, aber die Türe ging nicht auf. Ueber eine Stunde blieb die Frau im Zimmer des Rabbi, wo sich außer ihm nur noch der Gabbe Rabbi Jeruchom befand. Und als sie herauskam und still über den Hof schritt, konnten Neugierige beobachten, daß sie stark verweinte Augen hatte. Ich reimte mir gleich den Zusammenhang zusammen. Aber bald erhielt ich alles bestätigt aus dem Munde des Polizeibeamten selber,, der kurze Zeit darauf wieder bet mir erschien, um stch für meinen Rat zu bedanken. Wie er zum Rabbi hinkam, da wußte dieser bereits alles. Er, der Poltzeibeamte wollte an ein Wunder glauben, doch brachte ihn der Rabbi selbst um Liese Illusion, indem er ihm verriet, daß ihm das alles zu Ohren gekommen war. Was der Rabbi ihm 'gesagt hat und wie er zu ihm vom Wesen der Reue sprach, würde ihm unvergeßlich bleiben. Es war alles so natürlich. Und dennoch laste er, der Pottzetbeamte, es sich nicht ausreden, daß der Rabbieine Wunderkraft besitze, Seelen zu heilen und verlorene Herzen wieder zu finden . . . Denn was er ihm versprochen hatte, traf ein. An einem bestimmten Tage zur bestimmten Stunde kehrte seine Frau wieder bei ihm ein und ihr Lebensglück war wieder he^geftellt. Gefühle der Scham suche er durch Taten der Liebe zu verwischen. Der Beamte verließ seine Stellung, die ihn an die blutige Vergangenheit erinnerte und nahm Privatdtenste an, er läßt es sich aber nicht nehmen, in nächtlicher Stunde wte einstmals Streifen zu machen. Und wehe dem losen Gesellen, den er auf der Straße dabei ertappt, wie er einen Juden beschimpft oder'bedroht . . . dort schon mit dem Werfen von Ballen, mit dem Nachlauf und Ringen. Ein Knabe hat still jww der Schülermenge getrennt. Er geht in eine Seitenstraße und tritt dort in einen Hof, in dem eine kleine Synagoge ist. Soeben wird sie geöffnet, denn um halbsünf soll Mincha gebetet werden. Das Kind'legt seinen Bücherranzen in einem Nebenzimmer ab und fetzt sich auf einem der hintersten Plätze.? Stille und Düster herrschen im Raume. Das Licht des sinkenden Wintertages, das durch die Milchglasscheiben der Fenster an der Nordfette dringt, vermag nicht mehr, stch über alle Bänke zu verbreiten. Aus dem zunehmenden Dunkel hebt sich die kleine Flamme be5 Ner Tomid (Ewiges Licht), das vor dem Thoraschrein hängt. Je mehr das Tageslicht weicht, desto sichtbarer werden seine Strahlen. Des Knaben Blicke find darauf gerichtet. Er kann bereits durch das winzige Flämmchen die Schrift über dem heiligen Schrein lesen: „Erkenne, vor wem du stehst!"— Und er denkt. Er steht und denkt: „Ich steh' vor Gott. Um mich herum ist Dunkel. Je finsterer es wird, desto Heller leuchtet seine Lampe. Je tiefer die Schatten werden, die mich umfangen, desto deutlicher sehe ich vor mir „die Krone der Thora". Golden erglänzt sie auf dem samtenen Vorhang. Löwen hatten sie. Sie schauen nach mir hin : „Willst du auch die Thora hatten? Sie wird dich so stark machen wie aus Löwen. Dann hast du nichts zu fürchten, wenn dich noch so tiefe Nacht umgibt." „Ja, ich will sie halten. Bon Gott kommt das Licht. Wer ihm zustrebt/der steht. Er fällt nicht". Die Tür wird geöffnet. Ein Greis tritt ein, bückt sich, und vernehmbar lispeln seine Lippen: „Wie schön fhfb deine Zelte, Jakob." , Sprechsaal. Kinderecks. Ner Tomid. Don Heinrich Eirrstädker. Es schlägt vier Uhr. Kaum ist der . letzte Schlag verklungen, da geht ein Raffeln und Schellen durch die langen Fluren des großen Schulhauses und über seine breiten, leeren Höfe. Bald strömen Scharen von Kindern aus den weit geöffneten Toren. Auf der Straße vor dem Schulhause bilden sich mehrere Gruppen. Man spricht laut über die Aufgaben, verabredet sich zu Spielen und beginnt wohl auch hier und Wer macht «it? Der Besitzer eines Bauernhauses in einem der schönsten Dörfer Nordbayerns hat sich bereit erklärt auf 10 Jahre für jüdische Mittelständler billige Unterkunft während deS ganzen Jahres zu gewähren und zwar zur gleichen Zeit für 4-5 Personen auf je 2—3 Wochen. Auch die Verpflegung wirs zu billigem Preis berechnet. Elektrisches Licht, sehr gesundes Master, waldreiche Gegend, schöne jüdische Landgemeinde, nur bäuerliche Bevölkerung, streng koschere Metzgereien, Bäckerei vorhandenstreng koschere Küche wird vom Besitzer geführt. Um dies zu erreichen, wird zunächst ein Tuchversandtgeschäft eingerichtet mit erstklassiger Ware, welche von einem strengMrthodoxen Kaufmann geliefert wird, besten Name einen sehr güten Klang in jüdischen Kreisen hat. 1 Meter Stoff kommt auf 6 bis 7000 Mk. (je nach Geldwert) und ist sehr preiswert. Wer einen guten, preiswerten Anzug beziehen und gleichzeitig ein humanes Werk für den bedrängten Mittelstand fördern will, kann vorläufige, für beide Teile nicht bindende Bestellung unter Erholungsheim Nr. 7654 bei der Geschäftsstelle dieses Blattes etnreichen, wo die Bestellungen gesammelt werden, bis die behördliche Genehmigung erteilt ist, welche unter diesen geordneten Verhältnissen nur eine Formalität bedeutet. Wir wären sehr dankbar, wenn sich kompetente Persönlichkeiten und Vorstände humanitärer Bestrebungen zu der angeschnitteüen Frage äußern würden. DaS fragliche Haus ist vollständig schuldenfrei, ist im unteren Teil massiv, der obere Stock soll baulich verändert werden, wenn die in Aussicht genommenen Mittel dementsprechend eingehen. Der Umbau dürste auf 1500 Goldmark kommen, da vorhandenes Material zum großen Teil verwendet, wird. Aus der OrtSgemeinde werden zwei Mitglieder der Kultusverwaltung bestimmt, die .bei der Preisberechnung hinzügezogen werden und zwar sowohl beim Tuchversandt, alS auch beim Umbau und bei der Berechnung der BerpflegungSpreife im Erholungsheim. Ott und Namen werden demnächst-bekanntgegeben^ nachdem erst durch Preffeäußernng und Vorschläge die" ganze Angelegenheit genügend geklärt ist. 8.

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