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Der Israelit · 1922-12-28 · Heft 52 (28.12.1922) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 52 (28.12.1922)
Date
1922-12-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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FeMeton-Veilage m Ar. 52 des „Maelil". Amkehr. Bon Heinrich EinstLdter. Früher als gewöhnlich hatte der Winter seine Herrschaft angerreten. Schon seit den ersten Tagen des Dezember lag Schnee, und nur in den Mittagsstunden vermochte die Wintersonne einen kleinen Teil zu schmelzen. Doch gegen Abend fror das Master wieder. UeberaÜ ent« standen an den Seiten der Dorfstraße kleinere oder größere Eisflächen, die der Schuljugend als Gleitbahnen sehr willkommen waren. In langen Reihen standen Knaben und Mädchen hintereinander, um zischend über das glatte Eis dahinzujagen. An einem Abend schritt ein städtisch gekleideter Herr, einen kleinen Koffer in der Hand, durch das Dorf. Er hatte einen Kunden aufgejucht, um Bestellungen entgegenzunehmen, und nun wollte er noch zur nächsten Bahnstation gehen, um mit dem Nachtzuge nach Hause zu fahren. Es war nicht sehr kalt. Etn feiner Schnee rieselte herab und bedeckte die Bahnen, welche die Kinder kurz vorher gezogen hatten. Das wurde dem Herrn zum Verhängnis. Er trat unversehens auf das glatte Eis, stürzte zu Boden und zwar mit solcher Heftigkeit, daß er vergebens versuchte, sich wieder aufzurichten. Doch in dem Hause, vor dem er lag — es gehörte dem Geschäftsfreunde des Verunglückten — hatte man den Fall vernommen, und eilends kamen die Leute heraus/ um dem Manne aufzuhelfen. „Sind Sie es wirklich, Herr Scheer", fragte erschrocken der Kaufmann. „Sie haben doch hoffentlich nichts gebrochen?" Er faßte vorsichtig zu, und es gelang ihm, den schweren Herrn aufzurichten und auf die Beine zu stellen. „Die Glieder scheinen heil zu fein, Herr Fretland, aber in der Sette verspüre ich heftige Schmerzen", erwiderte Herr Scheer. Jener brachte mit Hilfe seiner Frau den Verletzten ins Haus, und beide betteten ihn sorgfältig auf einem Diwan. Sie taten für ihn, was sie vermochten. Ihren Bemühungen gelang es auch, die Schmerzen zu lindern, so daß Herr Scheer nach einigen Stunden sich bereits setzen und das ihm gebotene Abendessen mit Lust genießen konnte. Im Dorse gab es keinen Arzt. Man mußte nach dem nächsten Städtchen telephonieren und erhielt den Bescheid, daß der Dokwr im Laufe deS folgenden Tages kommen werde. Fretland wies den Vorschlag seines Gastes, daß man ihn mit einem Sanitätsaut v in das Krankenhaus nach B. schaffen lassen solle, weit von sich. Er beruhigte ihn hinsichtlich der Verletzung, die Scheer für einen Rippenbruch hielt, ließ ihm ein zartes Lager bereiten und schaute selbst nachts öfters nach ihm. Am Morgen kam Halo der Arzt. Er stellte eine Verstauchung der rechten Hüfte und eine starke Prellung fest und verordnte in der Hauptsache ein paar Tage Ruhe. So mußte denn der Patient sich noch weiterhin die Gastfreundschaft gefallen lassen, die ihm seine Wirte herzlich gern boten. ES war Freitag, und alles rüstete sich für den Sabbat, für Schab bos Chanucko. Ein ganz eigenartiges Leben spielte sich vor den Augen des Gastes ab, der einem Kreise entstammte, in dem man von religiösen Uebungen und Bräuchen wenig merkte. In aller Frühe, als kaum noch ein Schimmer des anbrechenden Tages durch die Scheiben drang, wurden die Zimmerböden gefegt und die Oefen gehetzt. Bald durchzog von der Küche her der Duft der Vers hiedenen Speisen das Haus. Es nötigte Scheer trotz seiner Schmerzen etn Lächeln ab, wenn er stststtllen konnte: Jetzt wird die Gans gebraten, jetzt werden die Fische gekocht, jetzt die Mehlspeisen gebacken. Obwohl jeder sich bei seinen Besorgungen mit Rücksicht auf den Patienten die größte Mühe gab, möglichst wenig Geräusche zu verursachen, so entging ihm doch nicht, daß alle Hände sich regten für den Sabbat. Die Kuchen und die „Berches" wurden zum Bäcker getragen und von dort wieder geholt. Die Decken auf den Tischen wurden gewechselt, die Leib- und Tischwäsche zu rechtgelegt, die Sabbatkleider gebracht, Bäder bereitet, Lampen gefüllt und bereitgestellt. Nachmittags hatte sich das Befinden des Gastes so wett gebessert, daß er in der Lage war, tas Bett zu verlassen. Als er das Wohnzimmer betrat, fragte er sich verwundert, ob es das gleiche Gemach sei, in dem er gestern zuerst geweilt hatte. Wie sehr hatte es sich verändert! Ueber dem frisch gescheuerten Stubenboden lagen gewebte vielfarbige Läufer. Ueber dem gedeckten Tisch glänzte die stebenarmige Sabbatlampe. Auf dem Kanapee lagen blütenweiße gehäckelte Deckchen. Auf den Gesimsen am Fenster standen Chanuckaleuchter und Kerzen bereit, und aus allen Ecken drangen Wohlgerüche der mannigfaltigsten Art, die von dort untergebrachten Backwaren, den braunen, fettglänzenden Gänsegrieben, den gebratenen Kastanien im weit ausladenden Ofen und dem Wachs, aus dem die Chanucka- Kerzen hergestellt worden waren, entströmten. Bald mußte Scheer dem kleinen Knaben Freilands auch sein Gutachten ablegen, ob seine Kerzen wohl dick genug seien, um noch eine halbe Stunde „in den Schabbos hinein" zu brennen. Noch nie hatte der Mann in einer Umgebung sich befunden, in der wie hier alles unter dem Eindruck des kommenden Tages gestanden war, und noch nie hatte er selbst mir solcher Spannung derselben geharrt. Bald neigte sich die Wintersonne zu dem Rande des Himmels. Je mehr sich der Stundenzeiger der Wanduhr der Ziffer 4 näherte, desto mehr ging die Geschäftigkeit der Bewohner in etn Hasten über. Der klelne Knabe war der Erste, der sein „Schammeß" ansteckte und auf den Vater wartete, um zu entzünden. Dieser trat denn auch bald in festlicher Kleidung ein und mit ihm die ganze Familie. Auch Frau Fretland hatte schon ihr Arbeitskleid mit der sabbatltchen Tracht vertauscht, und befriedigt erblickte sie das Zimmer, in dem nichts mehr zum Empfang des he ltgen Tages fehlte. Der Vater begann mit Entzünden/ die anderen folgten nach der Reihe des Alters. Andächtig sangen alle die Lobsprüche, in welchen sie Gott priesen ob seiner Wundertaten und seiner steten Hilfe. Nach Beendigung des Entzündens eilten die männlichen Mitglieder der Familie zur Synagoge. Die Hausfrau aber stcckte die große Hängelampe an, schloß die Fensterläden und entzündete mit stiÜer inniger Andacht die Sabbatlichter. Als deren Schein über die weißen Händen der frommen Frau fiel, da dedeckte der Gast im Lehnstuhl, der bisher keinen Blick von ihr gewandt hatte, feine Augen. Eine Erinnerung aus der Kindheit war ihm plötzlich aufgetaucht, etn Gedanke hatte sich seiner bemächtigt und; hatte das, was ihm bislang nur interessant gewesen, im Augenblick zum tiefen innerlichen Erlebnis gemacht: — „Die gesegneten Hände meiner seligen Mutter."- Der große, starke Mann kämpfte mit den aufsteigenden Tränen. Er beschirmte die Augen mit der Hand, während er in das Gebetbuch blickte, und betete mit der reinen Inbrunst eines Kindes.- Da ging die Tür. Vater Freiland und seine Söhne kehrten heim. Mit ihrem Eintritt wandelte sich die Ergriffenheit des Gastes in Fröhlichkeit, denn große Freude lag auf allen Gesichtern. Man reichte ihm die Hände mit dem Gruße „Gut Schabbos" und stimmte alsbald die Gesänge „Scholaum alechem" und „MoauS zur" an, die einen rechten Auftakt bildeten zu der heiteren Feier des Abens. Die Stimmung der Umgegend nahm Scheer völlig gefangen. Auch seine Augen glänzten, als der Vater während des Stngens mit seinem kleinen Knaben im Zimmer aus und ab ging. Auch er blickte oft nach den Chanuckalichtern und freute sich ihrer perlengletchen Flämmchen. Auch er fühlte beim „Ktdusch" die heiligende Wethe des Tages, und munter wie ein Kind beteiligte er sich an den Gesängen, die zwischen den einzelnen. Gängen des trefflichen Mahles eingeschoben wurden und in dem „Hat hat bes kor" zu Ehren des Schabbos Chanucko ihren Höhepunkt erreichten. Da sah er, wie sich die Knaben schon vorher Bücher verschafft hatten, in welchen bas zwar nicht sehr inhaltsreiche, aber desto fröhlichere Lied stand/ denn keiner wollte zurückstehen beim geringsten Brauche, der durch das Alter geweiht war. Wie die die alten Gesänge, so lernte Scheer auch die altjüdischen Speisen schätzen. Gern sah Frau Fretland, welchen Beifall ihre Fische und ihr „Aepselschalet" fanden. Letzteren bezeichnete der Gast als das Beste, was er je gegeffen hatte. Als er aber am anderen Tage die „ge^ setzte Kugel" kostete, da gestand er, daß;hm zur Schilderung solcher Genüffe die Sprache versage. Rasch vergingen die Stunden des langen Winterabends. In trautem Gespräche stoffen sie dahin. Aufmerksam und aufnahmewtllig wie die Kinder lauschte der fremde Mann den einfachen Belehrungen, die Freiland zur Sidra bot. Dabei empfand er das einzigartige Behagen, das der Sabbat im Gegensätze zu einer willkürlichen Ruhepause bietet. Dieses Bewußtsein vertiefte sich noch am folgenden Tage. In die Synagoge konnte er zwar nicht gehen, aber an dem Schiur nahm er teil, denn er fand zufällig bei Freiland statt. Nach beendigtem Morgengottesdienste versammelten sich in dem geräumigen Wohnzimmer fast alle männlichen Gemeindemitglieder, um dem Vortrage des Lehrers über die Hafhtora zu lauschen. In schlichten Worten behandelte dieser den Gedanken, daß nicht Macht und Heeresstärke den endgültigen Steg verleihen, sondern ein Leben der Pflicht im Geiste Gottes. Ein Leben der Pflicht im Geiste Gottes! — Dieser Gedanke blieb im Herzen Scheers haften. Er spann ihn weiter, als nach beendig, ter Schiur die Teilnehmer freundliche Worte an ihn, den Fremden richteten. Er verfolgte ihn, als er mittags das ruhige, aber heitere Familien-" leben seiner Freunde beobachtete, das ihm veranschaulichte, wieviel Lebenskraft die Befolgung jenes Grundsatzes in sich birgt, und er machte ihn schließlich zu dem setntgen, als er nach Schluß des Sabbats einen fröhlichen, warmen Chanuckaabend mtrerlebte. Mit den Kindern saß er am Tische zu Lindlich ftohem Genießen. Mit ihnen plauderte er vergnügt über alles, was ihc Interesse erregte. Und mit ihnen fühlte er, als die armen Nachbarsktnder, die ohne ihr Wissen von Freilands ifcu Chanucka beschenkt »orden waren, mit vor Glück gläuzenden Augen eintraten, ihre Spielfachen vorzetgten und erzählten, daß ein „Maloch" sie ihnen gebracht hätte. Am andern. Tage nahm Scheer Abschied. Als er seinen Freunden zum letzten Male die Hände drückte, geschah es mit den Worten: „Seinen Engeln befiehlt er, dich zu hüten auf all deinen Wegen."

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