Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1922)
- Date
- 1922-12-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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FeMelon-Veilaae zv Ar. 49 des,/Israeli!". Zalov Schudiner. 'Bon D. Kahn. (6 (Schluß.) /Am MfMge vcs> Jom-Kippur wurde ein großer Basaltstein aus dem benaWarten Bache herbeigeschleppt, der als „Omed" dienen sollte. Es war allerdings ein primitiver „Omed", aber im Felde ist man nicht wählerisch. Aus dem etwa 60 Meilen entfernten M. halten wir uns die notwendigen Requisiten des Gottesdienstes, eine Gesetzesrolle und ein Schofar senden lassen. Der Anblick jener von der Entbehrung des Tages erblaßten Gestalten, die in faltigem vom gespenstischen Fackelschein umstrahlten Totenge, wände dort unter dem freien Himmel ihre inbrünstigen Gebete zu dem Aether sandten, während in größerer Entfernung die christlichen Kameraden die Betenden vor eurem etwaigen Uebersall der Grenzräuber beschützten, muß aus den Unkundigen einen eigentümlichen Eindruck gemacht haben. Aber auch bei den Betern mußte der Ort der Handlung eigentümliche Gedanken erwecken. Und die Gedanken schweiften weg nach der Heimat zu all den Teuren, die eben in nämlicher Stunde wohl auch ihrer gedachten. „Wer weiß, ob wir ihr liebes Gesicht je wieder erblicken werden." Die ernsten, herzergreisenden Jahrtausende alten Weisen verfehlten auch heute ihre Wirkung auf die Herzen der Anwesenden nicht. Die gebräunten rauhen Krieger wurden weich wie Kinder, und Tränen entströmten ihren Augen. Tie heiliger: Melodien sind gar mächtige Zauberer. Sie wecken in unserem Innersten alle Gedanken, die nur geeignet sind, zu rühren, zu erweichen, auszulösen mid des Herzens Eisrinde zu schmelze::. Sie rufen die Erinnerung an unsre Kindheit wach;, an die entschlafenen Lieben, an Vater und Mutter, sie erwecken alle jenen Eindrücke/ die das Herz für die büßende Bestimmung des Tages enrpsänglich machen. Etwas abseits von der frommen Versammlung stand, den faltiger: Gebetmantel über den Kops geworfen, Schubin er. Vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung stand er auf dem- . selben Flecke wie sestgebannt, und hätte rnan nicht von Zeit zu Zeit seine schluchzende Stimme unter den: Gebetmantel vernommen, so hätte man glaubet: können, einen leblosen Körper dastehen zu sehen. Welche Fülle von Gedanken mußten wohl an diesem heiligen, der Erinnerung gervidmeren Tage das Herz des jungen Mannes durchström cn? Die Mutter, wie sie ihm in kindlichen Träumen so oft erschienen, der Groß- , vater, wie er mit zerschmettertem Haupte ausgestreckt vor ihm lag, der Vater, wie er halbverbrannt an: Kandelaber hingesunken lag, akle alle traten da vor sein geistiges Auge. Ja der Vater! Nun hatte er ausgelitten, er, der so viel, so entsetzlich viel zu ertragen gehabt. Der aber, welcher durch seine Treulosigkeit, durch seine Fahnenflucht der Mörder gewesen, sollte sich noch des goldenen Sonnenstrahls, der Blumen und Vögel erfreuen dürfen? Es dünkte dein bleichen Soldaten wie ein Unrecht. „Nimm mich zu Dir, hiinmlischer Vater", betete er. ,Erbarme Dich meiner. Sieh, wie ich. leide, wie. ich dulde. Laß meine Buße als vollendet gelten. O, nimm mich hinweg von hier, ninnn mich zu Dir in Dein großes Reich. Denn Du, der furchtbare, der strenge Richter, bist jo auch der liebevolle vergebende Vater, der seine Kinder liebt und ihnen verzeiht." So flehte der Jüngling. Der Nachmittagsgottesdienst neigte sich seinem Ende. Ta kam Schubiner, der in meiner Nähe stand, leise zu mir. „Herr Unter- , ofsizier", sprach er, „ich möchte gerne „Neilah" beten. Wer weiß, ob ich nochmal in meinem Leben dazu komme." Ich sah den Mann an. Sein Gesicht war totenbleich, er zitterte wie im Fieber. Er sah ans wie Jemand, der seine Rechnung mir der Erde abgeschlossen. Da Schubiner aber fast täglich von Todesahnungen sprach, so überhörte ich die Begründung der Bitte. „Sie werden sich überanstrengen, Schiubiner," ineinte ich besorgt. „Gewiß nicht," flüsterte der junge Mann und ging. Mit gedrückter Stimine begann Schubiner das Gebet und kaum bis in die letzten Reihen der Versammlung drangen seine Worte. Als der Borbeter aber an die ergreifende Stelle des „Psach lonu schaar" angelangt war, da durchzitterte die Lust: „Der Herr, die Pfort' uns öffnen n:ag. Schon ists des Torschluß' Zeit Schon neiget, wendet sich der Tag; Bereits, Herr, wandte sich der Tag Die Sonn' will untergohn, Durch Deine Tor' ich kommen mag: Allmächtiger Hab' Nachsicht Du Verzeih, vergib in Huld Erbarm' Dichgib der Seele Ruh Vor Sünde und vor Schuld." Es schwoll die Stimme zu ihrer ganze:: Stärke an, es tönte ünd brauste aus der jugendlichen Kehle über die weite Stcppcc so flehend, so unsäglich flehend, daß es der Hörer innerstes Mark durchbebte. Tr'inenströnie er:tstürzten den Augen, als Schubiner nach den Bußgebetcn mit seiner weichen, melodischen Stimme fortfuhr: „O Engel der Barmherzigkeit, Die Ihr an Gottes Thron, >O fleht doch in der ernsten Zeit, Daß uns der Höchste schon': Daß unsrer, die so schwach und arm Der Bot er sich 'erbarm! „Hör' Hirte, der uns weidet. Der Josephs Herde leitet, Der über „Kruwim" twnr, Der über Engel wohnt. Verzeih' uns großer Gott, Erschein' in unsrer Not, Laß' uns gesühnet gehn. Daß Jakob mag bestehn! Was sollen wir dem Hohn-Bewohner, Was Dir erzählen Himmelsthroner? Was faßt, tvas nicht faßt der Verstand, Ist alles Herr Dir wohlbekannt. Du reichst dem Sünder, Herr, die .Hand, Und wer als Büßer Dir bekannt, Dem streckst Du Deine Rechte ans Nimmst aus ihn in Dein Vaterhaus." Der Gottesdienst näherte sich dem Er:de. Ein Soldat trat vor die kleine Lade, welche die Gcsetzesrolle enthielt, öffnete sie und mit herzrührender Innigkeit klangen die„Schemos". Zimmer lauter imd lauter schallte jenes heilige Bekenntnis, unser letztes einst, wenn wir unsere Lieben verlassen, M dem gestirnten Himmel, und als Schubiner mit der ganzen ergiebigen Höhe seines Organes zum siebten Male das „Haschen: Hn Hoelolim" gesprochen, da sah. ich plötzlich, ivie er wankte, wie er zu fallen drohte. Ich stürzte herbei, es war zu spät; ein Lungenschlag hatte dem jungen Leben ein Ende gesetzt. Ueber die weite Ebene aber klang des Schofars mahnende eindringliche Stimme, und der Posaune Schwingungen durchGitterten die Abendlust. Der Mond beleuchtete mit seinem fahlen Lichte den toten Jüngling, der da viele hundert Meilen von der Heimat starr auf der Erde lag, cingehüllt in den weißen Gebetmantel, versöhnt mit seinem Gotte und die Weihe des Tages noch im Busen. So hatte mein armer Freund doch Recht gehabt. In fremder Erde habenwir ihn gebettet, und als ich die letzte Scholle auf' den toten Körper geworfen, sagte ich tieferschüttert, wie es der Tote vorhcrgesagt: „Er hat viel gesündigt, aber auch viel gesühnt. Er möge eingehen in die herrlichen Hallen der himmlischen Seligkeit." Mnderecke. Aus dem Leben eines Großen. II. Indes richteten sich zunächst die Maßnahmen gegen Heller selbst. Der Statthalter von Prag erhielt Befehl, den Rabbi sofort in Ketten nach Wien zu bringen, und dieser betraute den kaiserlichen Richter mit der Ausführung des Haftbefehls. Vierzehn Wächter standen mit ehernen Fesseln im Hintergründe bereit. Doch war das Ansehen des Rabbi so gewaltig, daß die Behörden nicht recht wagten, zuzupacken. Der kaiserliche Richter traf bet Rabbi Heller, der auf seinen Besuch vorbereitet war, den gesamten Vorstand an. Er unterhielt sich über alle möglichen Dinge in verbindlichster Weise, endlich offenbarte er dem ersten Vorsteher den Zweck seines Besuches und bat ihn, er möge es in schonender Weise dem Rabbi Mitteilen. Es brach große Bestürzung aus und man eilte noch um die Mitternacht in das Haus des Statthalters, holte ihn aus dem tiefsten Schlafe und machten ihm klar, daß es hiebei um das Leben der gesamten Juden heit gehe. Denn was sollten die Feinde, die raubgierig nach den jüdischen Häusern ausschauen, denken, wenn sie sähen, daß ihr erster Rabbi wie ein gemeiner Verbrecher in Ketten abgc« führt würde; gewiß nichts anderes, als daß alle Juden Verräter seien und es eine edle Tat sei, sie auszurauben und zu löten! Nach vielem Reden, und wahrscheinlich auch mit Hilfe von Geldgeschenken, wurde endlich bewirk:, daß Rabbi Heller allein ohne Bewachung sich nach Wien begeben sollte, nachdem die Vorstände mit ihrem Leben und Vermögen volle Bürgschaft übernommen hatten. In Wien angelangt, begab sich Rabbi Heller sofort zum Kanzler. Dieser fuhr ihn sehr hart an, ging auf Einzelheiten gar nicht ein, bezeichnete den Rabbi nur als Landesverräter und stellte ihm strengen Prozeß und harte Verurteilung in Aussicht. Ohne feine Verteidigung anzuhören, ließ er ihn ins Krtminalgefängnts abtransportteren, wo er in Gesellschaft von Mördern, Dieben und anderen Schwerverbrechern unter unsäglichen Qualen einige Tage zubringen mußt. Rabbi Heller verzeichnet es in seiner Selbstbiographie mit innigen Danke gegen Gott wie ein Wunder, daß sich die Gefängniswärter gut zu ihm verhielten und sogar die Gefangenen, selbst die verkommensten Elemente, ihm alle Achtung und Ehre erwiesen. Die von Prag mitgekommenen Gemeindevorsteher in Gemeinschaft mit den Spitzen der Wiener Gemeinde setzten es aber nach einigen Tagen beim Kanzler durch, daß der Rabbi nach dem dem Judenviertel näher gelegenen politischen Gefängnis überführt wurde. Dort wurde ihm ein bequemes gut ausgestattetes Zimmer zur Verfügung gestellt, wo er ungestört seinem Studium nachgehen und den Besuch seiner Freunde empfangen konnte. Das Leben war hier ganz erträglich, wäre nicht die schwere Sorge um die Zukunft, gewesen, die ihn und die ganze Judenheit bedrückte. ’ . .. (Fortsetzung folgt.)