Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1922)
- Date
- 1922-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 48 des „Israelis. Mod Schubiner. Von D. Kahn. (5 Eine unangwehme UeberrafchMg harrte dort meiner. Kaum hatte ich! meine Vaterstadt betreten^ als ich vor den Polizeimeister beordert wurde, der, trotz mernes Protestes, in ich nach meinen MMärpapieren frug! und mich als Desevteuer in Haft nahm. Ich galt, obwohl ich lange vor dem militärpflichtigen Alter das Vaterland verlassen, als militärischer Flüchtling! Da es mir trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte, die -Freiheit zu erkaufen, so suchte ich dem Rate eines in militärischen Dingen vielbewanderten Mitgefangenen Folge leistend-, durch eine große Geldsumme den Polizeimeister Zu bewegen, daß er bei der Militärbehörde angab, daß ich mich „freiwillig" gestellt habe. Der Polizeimeister willigte ein, und dadurch war ich wenigstens der Strche einer verlängerten Dienstzeit entgangen. Ich sollte den zur Sicherheit des . neueroberten Landesteils neugebildeten Grenztruppen zugeteilt werden. Ich! wußte, daß der Polizeimeister, der mich möglichst weit'entfernt wissen wollte, bei dem ihm befreundeten Oberst meine Verschickung an die Grenze angeregt, und da ich alle Ursache hatte, dem Polizeibeamten nicht entgegenzuarbeiten, so wagte ich keinen Widerspruch, als ich gefragt wurde, ob ich mit der Einstellung bei dem Orlofsscheu Regiment zufrieden sei. Ich! dachte, daß es immer noch« besser sei, eine absehbare Zeit als gezwungener ^Freiwilliger" zu dienen, als eine unabsehbare Zeit als Deserteur. An klebrigen machte ich mir gerade nicht viel Gedanken über die Sache. Ich glaube, wenn sie mich nach dem Nordpol verschickt hätten, so würde ich auch! nicht viel Opposition gemacht haben. Die ftlrchtbare Seelenpein und die gräßliche Verzweiflung, die sich seit dem plötzlichen Hingange meines Vaters meiner -bemächtigt, hatten mich für die bjo9f persönliche Wohlleben betreffenden Fragen vollständig apathisch gemacht. Ich begrüßte noch jedes mich treffende Leid als eine Gelegenheit, meine -Sünden abzubüßen und die herzzerreißende schmerzliche Reue, die feit jenem bangen Augenblick,, da ich den Vater tot hingestreckt sah, in mir nagt-, zu befriedig en." Erschöpft hatte Schubiner geendet. Die Tränen, die zu Beginn seiner -Erzählung reichlich iiiber dieabgezehrten,,Bachen geronnen, hatten zu stießen -ansgehört.' Es schiel!, als wenn das Uebermaß des Schmerzes den lindernden Tvänenqnell habe versiegen lassen. — — — Ich war von der Erzählung Schinbiners tief ergriffen- Oft hatte "ich mich unglücklich gesuhlt, daß mir das Schicksal nicht die Mittel zum Studium gegeben; .jetzt dankte ich im Herzen dem Schöpfer, ein ehrsamer Handwerker geblieben zu sein,-der ohne die durch das Studium angeregten religiösen Grübeleien .ruhig seinem Berufe nachgeht, zufrieden mit sich, seinem Schöpfer und zur Zufriedenheit und zur Seelenweide der betagten Eltern. Wenn ich nach Mlauf meiner Nun schon dem Ende zugehenden Dienstzeit wieder irr -die Heimat kehre, werde ich gewiß nie wieder bereuen, das geworden zu sein, was ich bin. Mährend ich mich diesen Betrachtungen Hingabe ertönte vom Lager das Sammilsegnal. J!ch reichte Schubiner die Hand. „Das feste Vorhaben, Zhr Unrecht durch ein in Zukunft,umso einwandfreieres Leben zu sühnen, wird Me trösten," sagte ich besänftigend. Schubiner war in Gedanken vertieft. Er Mm nW Mt MM Zn Well. M geleitete den durch die Erinnerung Halbbetäubten ins Lager. II. Der Herr Oberst von Orloff war ein frommer Mann. Er war kein Freund von sog. „Avancementstaufen". Jin Gegenteile, er sagte stets : „wer nichtiger Vorteile wegen die Fahne seiner Religion verlassen könne, würde auch eventuell nicht abstchen, die Fahne des Zaren W verraten". Herr von Orloff betrachtete .bte Religion vom Standpunkte des Militärs^ und von der Förderung der religiösen Treue versprach er sich auch -eine Förderung des militärischen Pslichtbewußtseins. Mit uns diente ein jüdischer junger Mann, der im Zivilstande .Schächter war. Herr von Orloff hatte ihn -dem militärischen „Ausschuß für Verkö-stigung" Ungeordnet,- welcher den jungen Mann mit dem Schächten des wöchentlich in großen Heerden aus dem JNnern des Landes ankommenden Schlachtviehes beauftragte. Vielleicht daß Oberst Orloff, als er den jungen Moses Arnstein zum Armccschächter ernannte, -auch einen hygienischen Vorteil erstrebte. Da wir während unseres' GrenzlebenH die Zubereitung unserer Speisen selbständig erledigen konnten, so war jedem von uns Gelegenheit gegeben, in dieser wilden Steppe ebenso rituell zu leben wie in Warschau oder in Kvwno. Allsäbbaüich ließ der Oberst die Mischen Mannschaften zum Gottesdienste ankreten, den Arrrftein in weihevoller Meise leitete. Ich bemerkte,!daß die Beteiligung an dem Mischen Leben einen wohltätigen Einfluß auf Schubiner anszuMen begann und freute mich sehr über ^dicse. Wahrnehmung. .Eine gewisse innere Seelenruhe schien in sein Inneres eingekehrt zu sein; dagegen wurde er von Tag zu Tag stiller und -einsilbiger, ernster und nachdenkender, ohne daß feine militärische Tüchtigkeit dadurch beeinträchtigt worden wäre. Der Oberst hatte befohlen, daß, wenn keine kriegerischen Zwischenfälle eintreten würden, die jüdischen Mannschaften am Versöhnungsfeste tarn jeder dienstlichen Leistung dispensiert feien. Ferner hatte der Oberst ein Bataillon Infanterie zur Bewachung der am gemeinsamen Feldgottesdienste teilnehmenden Mischen Soldaten beordert. (Schluß folgt.) Kinderecke. Aus dem Leben eines Greßen. Einer der Grüßten feiner Zeit war Rabbi Jomtow Lipmann Heller, genannt „Tausfaus Jomtow", der nicht allein durch seine hervorragendem Werke, sondern auch durch seine tragische Lebensgeschichte unser Jntereffe beherrscht. Rabbi Jomtow Lipmann Heller wurde 1579 in Wallerstein in Bayern geboren. Wie er schon in Ktndheitsjahren nach Prag kam, wiffen wir nicht recht, wahrscheinlich, um sich im berühmten Lehrhause des Rabbi Pollak und später deS ob feiner herrlichen Vorträge berühmten Rabbi Efraim Lenfchitz in Talmud auSzubilden. Mit achtzehn Jahren ist fein talmudisches Wiffen schon so bedeutend, daß er als Dajan in das Richterkollegium von Prag eintritt und unter dem Obrrrabbinate des allberühmten Rabbi Löb ben Bezallel, des „hohen Rabbi Lüb", eine gesegnete Wirksamkeit auSübt. 28 Jahre erfreute er sich hier der Ruhe, des Glückes und der höchsten Achtung. Er ist auch im Besitze großer Reichtümer, die ihm eine unabhängige Stellung sichern. Hier verfaßte er zuch sein hervorragendes Werk zu allen sechs Traktaten der Mtfchna, seinen „Tausfaus Jomtow", auch noch andere Werke, die seinen Ruhm weit in die Wett yinaustrugen. Im Atter von 4L Jahren wird er im Jahre 1621 alt Landesrabbtner nach Rtkolsburg berufen und kurz darauf als Oberrabbiner nach Wien. In feiner kurzen Amtszeit in der österreichischen Hauptstadt gelingt eS ihm, die Gemeinde zu organisieren, ihr eine Verfaffung zu geben, die Juden in einem Viertel zu sammeln (in der Leopoldstadt) und dort eine große Synagoge zu errichten. Als er feine Aufgaben in Wien gelöst sah, zog es ihn wieder nach der Stadt seiner ersten Wirksamkeit, nach Prag, die damals als die erste jüdische Gemeinde Deutschlands und Böhmens galt. Der Gedanke, als Aberrabbiner dieser glorreichen Gemeinde den Sitz des „hohen Rabbi Löb" und des „Scheloh" einzunehmen, mag für ihn sehr verlockend gewesen sein, noch mehr aber die Aussicht, in dieser Stadt -der Weisen und-Gelehrten mehr geistige Befriedigung zu finden. Er dachte aber nicht daran, daß in Prag infolge der Kriegszustände, die die Sitten verderben und die Sinne verwirren, auch Lüge, Tücke und Bosheit ihren Sitz hatten. Und das wurde ihm zum Verhängnis. Seine Prager Oberrabbinerzeit ist eine Kette von Leiden und Gefahren, von Sorge, Kummer und Drangsal, wie sie nur ein Mann von diesem starken Geiste und diesem unerschütterten Gottvertranen ohne Schaden für Leib und Seele ertragen konnte. Im Frühjahre 1627 verabschiedete er sich von der Gemeinde Wien, die alle Anstrengungen machte, den verehrten Rabbi festzuhalten. Der Empfang in Prag war über alle Maßen herzlich und ehrenvoll. Bald wird ihm anch die Leitung der von Rabbi Pollak zum höchsten Ruhme gebrachten Jeschiwa übertragen. In den ersten ruhigen Jahren kann er hier Kommentare auf die vier Turim abfaffen und mehrere frühere Werke im Drucke herausgeben. Dann aber kommen die Stürme, die sein Leben beengen und sein geistiges Schaffen für Jahre lähmen. Unter den Schrecken des dreißigjährigen Krieges hatten die Juden als solche eigentlich nicht zu leiden, nicht mehr als die anderen Bürger. Immerhin hatten die Gemeinden große Kriegslasten zu tragen. So auch die Gemeinde Prag, der ein Kriegsbeitrag von 40000 Flortn jährlich auferlegt wurde. Die Verteilung dieser Lasten auf die einzelnen Mitglieder der Gemeinde und Umgebung war nicht leicht und führte natürlich zu Zank und Streit und Unstimmigkeiten aller Art. Mit dem ihm eigenen Eifer, Organisationstalent und Gerechtigkeitssinn stellte sich Rabbi Heller an die Spitze der Kommission, die die Umlagen zu regeln hatte. Und gewiß konnte keiner gerechter und humaner Vorgehen, als es RaLbi Heller tat. Trotzdem stieß er auf Mißtrauen und Feindseligkeit der Belasteten. All sein friedliches Zureden nützte nicht und sein liebenswürdiges Wesen, mit dem er in Wien alles zustandebrachte, half ihm hierüber die böswilligen Treibereien nicht hinweg. Er wurde der Partt"ick k°:L eichen und wiederholt bet den Behörden denunziert. Als das nichts nützte, wurde er von seinen unversöhnlichen Feinden beim Kaiser Ferdinand als Landesverräter angeschwärzt, der in seinen Büchern gegen Kaiser und Papst, gegen Thron und Christentum geschrieben uno gepredigt hätte. Man vergaß auch nicht hinzuzufügen, daß Rabbi Heller im Besitze großer Reichtümer sei, die bet Verurteilung dem Staate zufallen würden . . . Mit diesen Verleumdungen hatten die elenden Angeber so schwere Gefahren über das gesamte Judentum heraufbeschworen, daß, wie aus alten Schriften hervorgeht,*) man damals auch in Frankfurt wie in anderen deutschen Gemeinden das Schlimmste befürchtete. *j Äehe Joffes Dmez", Seite m, mm l°lgt>) ,*1 Si x . W-SS _4