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Der Israelit · 1922-11-23 · Heft 47 (23.11.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 47 (23.11.1922)
Date
1922-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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. 47 deS „ M Mob Schubiner. Bon D. Kahn. (4 Frl. A hätte von meiner Taufe Abstand genommen. Ich sagte ih-r, daß ich mit der Heirat einer Christin allerdings die Vorschriften des Iudentuins für antiquirt erkläre, mit der Taufe wurde ich aber dem Christentum eine höhere Rolle wie der väterlichen Religion zumeisen und da ich von dieser höheren Mission des Christentums nicht überzeugt wäre, so könnte ich auch an keine Taufe denken. Ich hätte gerne von jeder kirchlichen Weche unseres EhebMdes Abstand genommen, aber da memo Braut darauf bestand, so suchten wir einen Geistlichen, der die Mischehe zu schließen bereit war. In der Person eines norddeutschen protestantischen Pfarrers fanden wir denselben. Meinen Vater, mit dem ich mich rvieder zu versöhnen gedachte, wollte ich erst nach vollzogener Tatsache und wenn eine Benachrichtigung gar nicht mehr zu umgehen war, von der Sachlage in Kenntnis setzen. Es sollte anders to mitten. Jü N. hatte Niemand von der projektierten Trauung Kenntnis. - Nur der Küster, der dem Pfarrer behilflich fein mußte, hatte sich in den alten Sonntagsstaat gesteckt und harrte bereits seit einer Stunde am Altäre. Egon, die Trauzeugen, meine Braut und ich fuhren in zwei Wägen zur Kirche, wo uns der Pfarrer bereits' erwartete. Während der Pfarrer die letzten Anordnungen zürn Akte traf, liest ich meine Augen ini Hanse umhergleiten. Träumte ich oder nachte ich? War das nicht bis in das klemste Detail hinein jenes Gotteshaus, das ich in jener schrecklichen Nacht, die meiner Verlobung vorherging, in dem düsteren Traume gesehen? Cs durchschauerte mich Mein Blick traf die großen düster brennenden Lichtstöcke an beiden Seiten des Portals. Heiliger Gott! Das sind ja die mensch lichen Lichtsäulen, von denen, ich geträumt. Eisigiatt überlief es meinen Rücken. Die Schläfen hämmerten, als wollten sie zerspringen. Meine ganze Gestalt bebte, wie wenn des Fiebers Schauern mich erfaßt hätten. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht; ich wollte deuten, aber »tciu Arm versagte. Ich fühlte den Boden »ater den Füßen wanken, ein Schrei und bewußtlos lag ich am Boden. Die ganze Vision war das Werk einer Sekunde, Keiner hatte >usch beachtet. Erst als ich mit lautem Schall ch Boden fiel, blickten alte entsetzt ans, aber hr Schreckens geschrei wurde von den plötzlichen Rufen „Feuer, Feuer" übertönt. Der Pfarrer Wtc zufällig bemerkt, wie einer der am Portal tehenden Leuchter umgefatten und mit lodern- )cr Flamme den Teppich in Brand gesteckt. Während der stämmige Pfarrer, der mich ohnmächtigen auf die Schulter gehoben hatte, .^bfellschaft durch eine kleine Nebentüre ins ime geleitet, war der Küster nach der Richtung leeilt, wo der Pfarrer das Feuer gesehen hatte. zündete ein Streichholz an, da nian bei der vorgeschrittenen Tageszeit und bei dem Itürrnkschen Schneegestöber draußen in der Kirche "Umt zwei Schritte weit sehen konnte. Die Uchter lagen zerstreut und ausgelöscht auf der ^de. Ju der Ecke aber, neben dem einen Eandelaber, lehnte mit Brandwunden überdeckt, eine leblose Gestalt. Behutsam hob der Küster sie auf und trug sie auf eine dem Fenster näher gelegene Bank. Dann eilte der wackere Mann,, so schnell seine alten Füße es erlaubten, zu dem benachbarten Ortsarzte und berichtete das Vorgefallene. 'Dr. R. war gerade zu Hanse. „Ein Lebloser fxi der Kirche," sprach er, „wie ist denn der hereingekommen?" ,/Jä, das kann ich selbst nicht sicher sagen," antwortete der Küster. „Heute, wie wir in die Kirche gingen, war noch Memand darin; der Mann muß also, gerade während wir mit den Vorbereitungen zu dem Trauakte beschäftigt waren, unbemerkt eingetreten fein." Der Doktor eilte mit deni Küster an Ort und Stelle. Die ärztliche Kunst konnte hier nichts mehr ausrichten. Der Mann war und blieb tot. „Ein Schlaganfall" sagte der Arzt. „Ich kann," meinte er, „mir die Sache nicht anders erklären, als daß der Greis an dem Kandelaber stehend, der Handlung beiwohNen wollte, dabei von dem Anfall betroffen wurde, der auch seinen Tod herbeiführte. Im Fallen riß der Mann den Kandelaber um, dessen brennende Kerzen die Kleidung in Brand steckten und dem bereits toten Körper die verschiedenen Brandwunden beibrachten." Der Küster bat den Arzt, einen Augenblick bei dein Toten zu Wachen, um die vermutlich im Pfarrhause weilenden Gäste von dem Unglücke zu benachrichtigen. Schubin er hielt einen Augenblick in seiner Erzählung an, denn die Erinnerung «t das Vergangene hatte ihn erschüttert. „Im Pfarrhause", fuhr'er später zu erzählen fort, „hatte ich mich, dank der Bemühungen lmeiner Braut, bald von meiner Ohnmacht erholt. Als ich, die Schreckenserz,Ühlung des Küsters hörte, durchzuckte mich eine bange, furchtbare Ahnung. Ich, stürmte in die Kirche, wo der Arzt bei dem Toten Wache hielt. Ein Blick überzeugte mich von der furchtbaren Wahrheit. — Der Tote war mein Vater. Trotz all meiner Geheimhaltung hatte er doch ans der Presse von der projektierten Vermählung erfahren. Wohl hatte er, wie ich später erfuhr, mit sicherem Auge seinerzeit erkannt, was mich dem rabbinischen Studium abwendig gemacht, wohl hätte er gewußt und erfahren, daß ich schon längst mit dem gesetzestreuen. Judentum gebrochen, aber daß ich mich soweit vergessen konnte, ein nichtjüdisches Mädchen heimzuführen, das glaubte der Vater nicht, das konnte, das mochte er nicht fassen. Die Zeitung hatte berichtet, daß die Trauung auf Wunsch des Bräutigams in N. stattfinden solle und uni sich von der Lügenhaftigkeit jener Korrespondenz zu überzeugen, hatte sich der 75 jährige nicht gescheut, mitten im Winter die weite beschwerliche Reise zu machen. Der erste Weg von der Bahn war ins Pfarrhaus, wo er sich über die Unrichtigkeit des Gerüchts vergewissern wollte. „Der Pfarrer sei in der Kirche", hieß es, „wo heute ein auswärtiger Herr/ ein Jude, getraut würde." Der Eindruck dieser Worte muß schrecklich auf den alten Mann gewirkt haben. Die Pastorin erzählte, daß der Besucher kreidebleich geworden, sodaß sie jeden Augenblick befürchtet hätte, daß er Umstürze. Dann aber habe er sich gefaßt und sei nach der Kirche geeilt. Was der Vater hier gesehen, hatte die letzten Zweifel an der Richtigkeit des Gerüchts zerstreut. Sein Sohn, sein einziger Sohn, sein Jakob, das Einzige, was ihm geblieben, am christlichen Altar, im Begriff, sich nach christlicher Sitte mit einer christlichen Ehegefährtin ehelich zu verbinden! Das war zuviel für den alten Mann. Er fiel und im Fallen die brennenden Kerzen mit sich reißend, erzeugte er jene schauerliche Feuersä ule,, die mich so gräßlich erschreckt, indem sie jenen entsetzlichen Moni ent meines Traumes verwirklicht hatte. Ich stürzte mich auf den entstellten Leichnam, und unzählige glühende Küsse drückte ich auf den bleichen geschlossenen Mund, aber der Tote wurde nicht wieder wqch Die gläsernen offenen Angen sahen mich so vorwurfsvoll, so sehr vorwurfsvoll an, daß es mein Innerstes durchschauerte. Du bist sein Mörder,, sagte ich mir, und Mörder, Mörder, Mörder summte und zischte es mir von allen Seiten ins Ohr, daß ich dem Wahnsinn nahe war. Alle Grade einer namenlosen Tortur überstand ich in diesem Augenblicke. O —, was hätte ich jetzt darum gegeben, wenn ich auch nur einen Blick noch aus diesen treuen Augen hatte erhaschen können, nur noch rin Wort, ein einziges Wort aus dem bleichen Munde hätte vernehmen dürfen. Jetzt aber war es zu spät. Alles trat mir vor das Gedächtnis, was der Tote für mich zeitlebens getan, wie von morgens früh bis zum späten Abend seine Gedanken sich stets mit mir beschäftigt hatten. Wie viel hatte der Vater mitmachen müssen! Und ich, der ich die natürliche Verpflichtmrg gehabt hätte, ihn sein Leid weniger fühlen zu lassen, war nun derjenige, der seinen Tod veranlaßte. Ter Arzt, der sah, daß er hier überflüssig war, halte sich, entfernt. An der Kivcyentürs traf er meine Braut und Egon, die durch mein plötzliches Fortstürzen unruhig geworden, mir in die Kirche .nachgeeilt waren. Der Doktor nahm die Geschwister bei Seite und erzählte ihnen den traurigen .Vorfall, und seiner Bemühung gelang es, wenigstens Anette zur Rückkehr zu bewegen. Egon ließ es sich nicht nehmen, mich zu trösten. :®t besorgte einen Sarg, mit welchem wir noch .am selben Abend die teure Leiche in die Heimat beförderten. In dem kleinen D. erregte die Nachricht von dem plötzlichen Ableben des alten Schubiner nicht geringes Aufsehen. Man erzählte sich, daß der Vater auf einer Geschäftstour vom Tode ereilt wurde, und Memand fand daran was Ausfälliges. Bei dem Begräbnis jedoch sah ich gar manche vorwurfsvolle Blicke auf mich gerichtet. die zu sagen schienen „Dein Schif- 1ns" hat den Vater doch früher unter die Erde gebracht." Als sie aber den Vater in die feuchte Grube legen wollten, da erfaßte mich ein Schwindel, und hätten mich die Umstehenden nicht gehalten, ich wäre dem toten Vater nachgesprungen. Am selben Tage empfing ich von Herrn von Auermühle ein sehr vornehm abgefaßtes Schreiben, in welchem er namens seiner Schwester mich von dem gegebenen Ehcversprechen entband und mich seiner persönlichen Freundschaft ver- .sicherte. Während der Trauertage besuchte nnch öfters ein armer Russe, der von meinem seligen Barer viele Wohltaten genossen. Er erzählte mir, daß er demnächst in seine Heimat, die wenige Meilen von ^neiner Vaterstadt entfernt war, reisen würde, seitdem wir in Deutschland wohnten, hatte ich den Boden Rußlands nicht betreten und das Grab meiner Teuren nicht besucht. Schnell war mein Entschluß gesoßt. Ich ordnete meine Angelegenheiten und nach Schluß der Trauertage, reifte ich mit dem'Russen in die Heimat. (Schluß folgt.)

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