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Der Israelit · 1922-06-08 · Heft 23 (8.6.1922) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 23 (8.6.1922)
Date
1922-06-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Feuilleton-Vellage m Ar. 23 des „Israelit". Verschollene VrSder. «ne Falafdtagefdildite aus der Segenwsrl. (Fortsetzung.) Aber Salomo schlich sich noch in der gleichen Nacht aus dem Hause, wandelte ziellos durch die finsteren Gassen und wagte nicht wie sonst einen Synagogenhof zu betreten. Als der Morgen graute, nahm er müde und übernächtig den Weg durch die Jaffastraße an den neuen Häuserkolonien vorbei zur Vorstadt Bet Ha nina, wo er Joffes ben Meschulam mit anderen Jemeniten auf der halbfertigrn Straße bet der Arbeit wußte. Doch die Jemeniten empfingen ihn kühl, ja sogar feindselig und Joffes, den er noch nie zornig gesehen, spie und schrie ihm ins Gesicht: „Weg, Abtrünniger, wir Wissens, du bist zu den Missionären gegangen. Weg von hier und verunreinige nicht den Boden, wo wir heilige jüdische Arbeit verrichten." „Ich will mit euch arbeiten," wollte Salomo sie anflehen. Aber sie ließen ihn gar nicht zu Worte kommen und jagten ihn mit Schimpf davoneinige warfen sogar Steine nach ihm. Salomo wehrte sich nicht und ging wie ein Verurteilter von dannen. Er wankte die Straße hinauf. Das lange Haus mit der Ueberschrist „Esrath Nasohim“ lag noch im Morgenschlummer. Weiter ging er am großen Wasserreservoir vorbei zwischen wogenden Ackerfeldern. Am ersten monumentalen Gebäude blieb er stehen, vom hebräischen Schilde angelockt. Er las: ,8oLaars Zedek Hospital.“ Sollte er hier anklopfen, um Arbeit bitten? Pochenden Herzens zog er an der blanken Messingschelle. Ein weißbehaubtes älteres Mädchen öffnete und führte ihn wortlos in einen großen Hellen Saal, wo auf großen Tischen die wunderlichsten Dinge umherlagen. Ein starker, aber nicht unangenehmer Geruch benahm dem Uebernächtigen fast den Atem. Alles in diesem Saale, von Wänden und Fußböden bis zur Haube des Mädchens waren weiß und spiegelblank. Noch nie hatte Salomo einen solchen lichten, blitzsauberen Raum gesehen. Nach wenigen Minuten ging fast unhörbar die braungepolsterte Türe vom Jnnenzimmer auf und es trat ein stattlicher Mann mit pechschwarzem Vollbarte, der vory schneeweißen langen Kittel sich stark und schön abhob, in den Saal. Der Mann musterte Salomo mit scharfem Blicke und fragte nach seinem Begehr, ob er krank sei und was ihm fehle. „Aboda!" stotterte Salomo, der die Frage nicht verstand, in seinem abgehackten Hebräisch. Der Arzt sah erstaunt auf. „Jehudi?" fragte er schon weicher. „Ja, Jude aus dem Lande der Falaschas." „Und krank?" „Nein," — Salomo bewegte seine Muskeln — gesund, „möchte arbeiten, jüdische Arbeit -" Der Arzt zuckte die Achseln. „Arbeit haben wir nicht zu vergeben, sind mit Pflege- und Dienstpersonal überreichlich versehen. Aber wenn du die Straße hinunter gehst, an den Feldern vorbei bis zum Dorfe „Bet Hanina" findest du Jemeniten, die am Straßenbau arbeiten und dich gern aufnehmen werden." Salomo schauderte zusammen und wollte sich eiligst entfernen. Aber der bärtige Herr im weißen Kittel nahm ihn bet der Hand und führte ihn durch den langen Korridor in die Küche hinunter, wo er Befehl gab, dem Fremden ein gutes warmes Effen zu bereiten und ihm auch eine kleine Wegezehrung mitzugeben. „Also die Jaffastraße hinunter bis zu „Bet Hanina," verabschiedete sich der weißgekleidete Herr von Salomo. „Viel Glück!" Salomo aß, von dem Küchenpersonal angestaunt, gierig und ging, aber nicht die Straße hinunter, sondern hinauf, bis er sich wieder mitten im Gewühle der engen Gaffen der Altstadt befand. Er wandelte ziellos umher, und als der Abend herandunkelte, die Bazare geschloffen wurden und das Leben allmählich erlosch, stand er, ohne daß er wußte, wieder vor dem Heime der englischen Mission. Er wartete vor der Türe bis die Töne des Harmoniums erftarben und trat gerade ins Haus, als Mister Goodwon eine Rede begann über Buße und Rückkehr und das Sichheimfinden der Irrenden aus Nacht und Not... - XVI. Weitere Bekehrungsvstrsuche. Pastor Goodwon war nicht recht zufrieden mit seinem Schützling. Obwohl Salomo fett Wochen im Mtssionsheime wohnte und in Hof und Garten arbeitete, zeigte er sich doch mit dem Hause wenig verwachsen. Er hatte eine eigene Art, Dinge die ihm nicht behagten, zu übersehen, und Worte, die ihm nicht zu Herzen sprachen, zu überhören, und so war er auch taub und stumm für alle Werbung und religiöse Belehrung und Bekehrung, wiewohl er Wohltaten im Hause genoß und nie widersprach. Goodwon wollte es mit dem Anschauungsunterricht an den Heiligenstätten versuchen. Er nahm ihn auf den Golgathahügel und führte ihn in die Grabesktrche, wo in den Seitenkapellen alle Richtungen und Schattierungen des nazarenischen Glaubens ihr Heim haben und erzählte ihm die Leidensgeschichte deffen, der hier auf diesem Platze die Sünden der Welt wtt seinem Blute gesühnt hätte. Es waren für Salomo tote Worte, wie die Kirchen- und Klostermauern tote und kalte Steine blieben. Er wagte nicht und hielt es auch gar nicht der Mühe wert, etwas einzuwenden. AVer in seinem Innern dachte er: „Wenn Menschen immer noch sündigen und leiden, so ist doch wohl ihre Sünde ungesühnt und der wahre Erlöser noch nicht gekommen." Als aber Goodwon einstens Salomo zu Wagen mit nach Bethlehem nahm, war es für letzteren ein gewaltiges tiefes Erleben, freilich nicht ganz in dem vom Pastor erwarteten Sinne. Bethlehem stand nach Jerusalem schon im Mittelpunkt seiner abbesstntschen Träume, das Bethlehem des Ortt, das Bethlehem in seinem Lieblingsbuche Ruth, das später die Heimat Davids wird, von dem er so vieles wußte, was auch nicht im Orit stand. Und wie oft hatte er Bethlehem auf dem Felde Bechers . . . Und nun sah er es mit Augen des Fleisches. Am 'Südrande der Ebene Repha im waren sie, wie Goodwon erklärte. Salomo stellte sich aufrecht in dem Wagen, da war Jerusalem im Norden und Bethlehem im Süden, während von osther die blauen Berge des Ostjordanlandes winkten. Und nun machte der Wagen einen Bogen, daß sie für eine Weile die Häuser Bethlehems aus den Augen verloren. Salomo schrie auf. Sie hielten rechts am Wege jart vor dem Rahelgrabe. „Und es starb Rahel und wurde begraben auf dem Wege nach Ephrath, das ist Bethlehem. Und es stellte Jacob ein Denkmal auf ihr Grab, es ist das Denkmal des Rahelgrabes bis heute," zitterte der Pastor aus der Bibel in einem Tone, der Salomo nicht warm genug schien. Vollends verletzte ihn die monotone Kälte, in der ein arabischer Führer vor einer Gruppe von Touristen in weißer Tropentracht auf den viereckigen von einem Kuppeldache zusammengehaltenen Bau hinweisend, näselte: „Einstens stand hier ein Grabmal von zwölf Namen nach der Zahl der Stämme Israels. Das erste Haus üver dem Grabe wurde 1623 vom edlen Mahmud Pascha erbaut, das jetzige Gebäude stammt von einem englischen Staatsmann, der Jude war und Sir Moses Montefiore hieß-" Salomo mußte an sich halten, um nicht hinzuschreien : Was wißt ihr Nichtjuden von unserer Mutter? Was schert es uns, wann der oder jener den Stein errichtet hat? Warum erzählt ihr nicht lieber, wie Mutter Rahel aus dem Grabe weinte, als sich die Vertriebenen Israels hier ntederwarfen, daß die Stimme bizum Ehrcnthrone Gottes gelangte? Waren auch seine Väter mit dabei? Gewiß, daS Denkmal hatte ja früher zwölf Steine und einer davon war für seinen Stamm . . . Als sie durch die niedrige Pforte in daS Grabgewölbe traten, zitterte Salomo am ganzen Körper. Was hätte er jetzt darum gegeben, nur wenige Minuten allein sein zu können, um sich aufs Grab zu werfen und zu weinen: „Mutter, auch ich bin gekommen, der Sohn eines fernen, versprengten Stammes, deffen Stein aber einstens ebenfalls auf deinem Grabe gestanden hat. . Aber Mister Goodwon drängte, es gab noch viel zu sehen und sie waren erst an der Schwelle von Bethlehem . . . Salomo ließ es sich aber nicht nehmen, mit ungelenken Lettern, wie er sie mühsam genug erlernt hatte, neben den vielen andern Namen auf der übertünchten Wand die hebräischen Worte etnzuzeichnen: „Salomo, Sohn Ntsstms und Adas aus dem Stamme der Falaschas im Lande der Abessinier." Sie soll es wissen und auch seiner Eltern gedenken. . . Er war schon tm Gehen, als er eilig zurückkehrte und mit der Kohle noch einen Namen an die Wand malte: „Malku, Tochter Bechers!" — — — (Fortsetzung kolgtl) Personalien. Crumstadt, 31. Mat. Am Sonntag, 28. d. Mt»., haben wir dte älteste Frau unserer Gemeinde, Witwe Babette Mayerfeld im 83. Lebensjahre zu Grabe getragen. Sie war eine Enkelin deK Rabbi Löb Mahr, des berühmten Mitarbeiters des at9 »M von Michelstadt. Ein groheS Trauergefolge legte Zeugnis ab von der Beliebtheit, deren sich dte Entschlafene allerseits erfreute. Mit ihr ist eine Mutter aus dem Leben geschieden, deren Sinn immer nur auf Edles, Schöne» und Hohes gerichtet war, dte in diesem Sinne ihre Kinder erzog, die nach dieser Richtung hin ihren heilsamen Einfluß auf die sie umgebenden Enkelkinder auSübte. Sie nahm sich der Armen und Dürftigen an, denen sie nach -biögltchkeit zu helfen suchte. Arme Wanderer fanden bei ihr gastfreundliche Aufnahme und Verpflegung. Als Vorsitzende unserer anw man batte sie reichlich Gelegenheit zu üben. Möge ihr Andenken unserer Gemeinde zum Segen werden! n"am Vrieskasten. D. F» W. tu D> Kommt für diese Nummer zu spät. Wir bringen den Aufsatz unter Ausschaltung der homiletischen Einleitung tn der Kinderecke der nächsten Nummer. L. K. A. Der Herr ist unS unbekannt, auch da» hiesige Rabbtnat weiß über ihn keine Auskunft zu geben. G. M. Der Artikel ist zu persönlich gehalten und könnte unnötige Verstimmung Hervorrufen. Einsender aus Bochum. Sie können uns doch nicht zumuten, daß wir über Trauungen und bei dieser Gelegenheit gehaltene Ansprachen Berichte bringen.

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