Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1922)
- Date
- 1922-04-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 14 des „Markt". Tt Verschollene Vrüber. eine Salafdiagefthidife aus Ser öegenwart. (Fortsetzung.) VIII. In Erwartung des jüdischen Sendboten. In dem glatten Spiegel des Lebens in Mes* gib und Gemeinde schlug eine Kunde von oben ein, von Nubien her, und brachte ihn zum heftigen «Aufschäumer,. Ein Bote aus der jüdischen Ferne war nach Abessinien gekommen, um ihnen, den. Falaschas, Gruß und Botschaft, wohl auch Hilfe von den Brüdern in Europa zu bringen. Aus Adis Abeba, der Residenz des Negus, wurde Dr. Paltiels Ankunft bereits in allen Falaschaniederlaffungen durch die Beamten des „Königs aller Könige" angemeldet, denn der „Doktor" aus dem Westen reiste mit weitgehenden Vollmachten und Empfehlungs schreiben, die ihm Eingang in den Hof Mene ltks verschafften und großes Ansehen bei allen Behörden des Landes gaben. Man war gespannt auf das, was der jüdische Gesandte sagen und bringen werde und verband auch leise Hoffnungen mit diesem Besuche auf eine Besserung der Lage der Falaschas und deren Behandlung von Seiten des Herrscherhauses und des Volkes. Auch hier in Gandar zeigten sich Spannung und Hoffnung. Doch sahen Manche der Sache mit einigem Mißtrauen entgegen. Aba Zague hielt nichts davon und warnte offen davor, in jede entgegen gestreckte angebliche „Bruderhand" einzujchlagen, da die Missionäre in allen Gestalten und Verkappungen kämen, um die jungen Falaschas zu fangen . . . Die ganz Alten erinnerten sich ähnlicher Gäste, die schon früher gekommen waren und deren viele Versprechungen nur zu Enttäuschungen und Verschlimmerung der Lage geführt hatten. Aber die Jüngeren horchten auf, als hörten sie fernere Erlösungsklänge immer näher rücken . . ' Auch mit Salomo und Jtrmetas ging, seitdem man von dem „Doktor" aus Europa sprach, eine merkliche Veränderung vor. Sie dachten nur noch an den Gast und an die, von denen er Kunde bringen sollte. Und Aba Zague wurde von ihnen bestürmt mit Fragen. Er mußte schon die Schatzkammer seiner Erinnerungen und seines Bücherwtssens weit öffnen, um Auskunft zu geben über Dinge, von denen ihm klare lebendige Vorstellung fehlte. Er tat es. nicht gern. Denn er hing am Alten und alles Neue, das von Außen kam warf den alten Mann förmlich aus dem Geleise. Aba Zague wußte aus den alten Chroniken von dem Schreiben eines alten großen Rabbi in Italien, Dawid ben Simra hieß er, auch „Radbas" genannt, das vor vierhundert Jahren an die Falaschas gelangte. Der Brief war he. brätsch geschrieben und keiner in den Falaschagemeinden verstand ihn. Als man nach langer Zeit mit Hilfe von durchziehenden Missionären das Schreiben entzifferte, erfuhr man, daß der Rabbi sie, die Falaschas, über ihr Leben und ihre religiösen Gebräuche befragte, und ob sie sich selbst als Juden fühlten. Er betrachte sie als Brüder. Mehr wußte die alte Chronik von diesem ersten Annäherungsversuche nichts zu erzählen. Später wurden die Versuche wiederholt erneuert. Er, Aba Zague selbst, erinnerte sich eines Professors aus Parts, der Hauptstadt des Frankenreichs, Halevy hieß er, der die Falascha gemeinden bereiste, die amharische und äthio ptsche Sprache wie aus einem Buche lesend sprach, der nach den alten Schriften der Falaschas stöberte und viel von den Juden in der großen Welt drüben erzählte. Er hatte große Pläne und sprach Verheißungen aus. Und als er ge gangen, blieb doch alles wie es war . . ., was schließlich das Beste an der Sache sei, setzte der Alte mit einem. Anfluge von Spott und Unwillen hinzu. „Warum sollten wir die uns gereichte Bru derhand zurückweisen?" fragte Salomo beun ruhigt. „Wir sind doch klein und winzig und von den Nachbarn bitter gehaßt, wir bedürfen der Hilfe von außen." „Gehaßt," sagte Aba Zague, „aber die Na zarener, die hier in Abessinien unsere Herren und Peiniger sind, werden uns nichts anhaben können, da Gott seinem Volke, dessen ein Teil wir sind, die Leiden schickt wie das Salz zu seiner Erhaltung. Hüten wir uns indes vor den Fremden, die mit glatten Worten geheuchelter Liebe zu uns kommen, um uns vom Gesetze abtrünnig zu machen ..." „Aber die Boten, die als Juden, geschickt von Juden, zu uns kommen, sind doch nicht mit den Missionaren der Kirche zu verwechseln," wandte auch Jtrmetas ein. „Kinder," sagte Aba Zague gütig, „ihr wißt nicht, wie glatt und fein die Rede in den Ländern der Frendjis ist, so daß es auch erfahr renen, erprobten Männern schwer fällt, das Falsche vom Wahren zu unterscheiden . . . Haben doch all die Gesandten das eine gemein, daß sie unsere heiligen Schriften so unheilig antasten, als wären es bunte Bilderbogen wilder Stämme und unsere Gebräuche bestaunen und im Stillen auch belachen, als sähen sie Niggertänze vor sich. Und immer haben sie an unserem Gesetze etwas zu kritteln und zu beanstanden und uns eines Bessern zu belehren." „Wäre es nicht möglich, daß wir, abgeschlossen und abgesondert, wie wir immer waren, wirklich vieles in der Religion nicht richtig machen?" Salomo erschrak über seine eigenen Worte. Er wollte so viel nicht wagen und erwartete jetzt mit gesenktem Blicke einen heftigen Verweis aus dem Munde des alten Kachen. Aber Aba Zague velor seine Ruhe nicht. „Was richtig und nicht richtig, weiß nur Gott allein," sagte er belehrend, „vielleicht ist nicht alles echt und recht in der Art, wie wir Gott dienen. Aber glaubt ihr, unsere Jungen könnten vom Althergebrachten lassen, um sich dem Neuen und Besseren zuzuwenden? Wer von dem Orit gewichen ist, dem bedeutet auch das Gesetz, das andere das göttliche nennen, nichts . . . Das hat anch die abejfintsche Kirche an den Kamanten und anderen Ueberläufern erfahren müssen. Das Alte wird wie eine schwere Last abgeworfen, das Neue ist nur der Vorwand ... Ich sehe all den Sendboten mit Sorge entgegen. Sie kosten uns oft die Besten ..." Wie in einer aufsteigenden bösen Ahnung sah er Salomo und Jirmeias von der Sette an. Jtrmetas hatte seme eigenen Gedanken, sprach sie aber nicht aus. Salomo war im Geiste auf dem Felde Bechers, wo die Welt ganz anders aussah, als in der Vorhalle der Mesgid und wo die Sonne endlose Weiten hüben und drüben und auch droben jenseits des Urwaldes bestrahlte ... Auch Ruth war dort. Sie stand ihm, da Aba Zague sprach, beständig vor Augen, die Ruth aus dem biblischen Buche mit dem Gesichte Molkus, und sie sagte: „Ich habe das Neue und Wahre gesucht und bin Stammutter Davids, Stammutter des Moschiach geworden .. Fortsetzung folgt, j Kinderecke. Kurze Geschichten aus -Zemschalml". in. In der Nähe des Nassihauses hielt sich zuweilen ein Hirtenjunge mit seiner Schweineherde auf, der von den jüdischen Schulkindern oft gel änselt und auch geschlagen wurde. Nach vielen Jahren fügte es sich so, daß der frühere Hirtenjunge, Dtktalinus hieß er, bis zum Kaiser von Rom emporstieg. Ein starker Judenhaß war mit ihm aufgewachsen und er sann darauf, an dem ganzen Kreise des Rabbi Jehuda Hanassi, seinen früheren Bedrängern, Rache zu nehmen. Um einen Vo wand zu haben, schickte er aus Pamajas, einem Orte, der weit entfernt von der jüdischen Ansiedluug in Liberias lag, einen Befehl an den Nassi, daß er mitsamt anderen jüdischen Führern sich gleich nach Sabbatausgang bei ihm etnzustellen hätte. Der Bote hatte Auftrag, den Brief erst kurz vor Sabbatanfang dem Adressaten auszuhändtgen, auf daß die Gelehrten, von denen der Kaiser wußte, daß sie am Sabbat nicht fahren würden, des Ungehorsams geziehen werden könnten. Rabbi Jehuda Hanassi war mit Rabbi Samuel, Sohn Nachmans, kurz vor Sabbat gerade auf dem Wege zu den warmen Bädern in Liberias, als sie der Befehl erreichte. Rabbi Jehuda wollte umkehren, doch meinte sein Begleiter, der Sabbat müßte ungetrübt bleiben. Wie sie weiter gingen, trat ihnen eine komische Gestalt in den Weg und fing an, sie mit allerlei Spässen zu belustigen. Der Nassi wollte den Spötter davonjagen, doch Samuel sagte, es sei vielleicht ein himmlicher Bote, zur Rettung geschickt. „Warum so-betrübt, ihr Lehrer?" fragte der Fremde. Sie erzählten von dem Befehle und den daraus drohenden Gefahren. „Keine Sorgen und Angst," sagte der Spaßmacher, .„es wird schon ein Wunder geschehen." Gleich nach Sabbatausgang kam der Fremde, der kein.Mensch, sondern ein Geist war, nahm die Lehrer auf die Schultern und brachte sie in Windeseile nach Pamajas vor den Palast des Kaisers. Diktaltnus, von der raschen Ankunft der Arden überrascht, befahl, daß man sie, bevor sie vor ihm erscheinen, in ein Dampfbad führe, das aber sieben Tage und sieben Nächte lang so geheizt wurde, daß keiner länger als wenige Minuten in der heißen Luft aushalten konnte. Aber Anti groß, so nannte sich der fremde Geist, kühlte das Bad jemehr es gehetzt wurde, ab, daß die Lehrer heil aus dem Hause und vor den Kaiser traten. Er fuhr sie an: „Denkt ihr wohl, daß ihr im Vertrauen auf die Wunder, die euch euer Gott erweist, ein Recht habt, Kaiser zu schmähen und zu beleidigen?" Die Weisen Israels antworteten: „Der, den wir einstens beleidigten, war Schweinehirt und wir waren Kinder. Dem jetzigen Kaiser werden wir, wie es uns die Religion gebietet, Achtung und Gehorsam nicht verweigern." Aber man hat doch daraus eine Lehre für alle Zeiten gezogen, daß man keinen kleinen Heiden reize, da man nie wissen kann, was die Zukunft aus ihm mache.