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Der Israelit · 1921-12-01 · Heft 48 (1.12.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 48 (1.12.1921)
Date
1921-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton-Vellage m Ar. 48 des „Maellt". Elie pereyra. Wovetke aus bn Zeit der großen Wevoknlion. Von L. Jonas. I. „Tröste dich, mein geliebter Sohn, tröste dick, Gott dec Allmächtige, sein Name ftt ^epriei'e ", Hit mir soviel verliehen, daß wir Beide ohne Mangel davon leben können. Und so sckr cklich mich auch dein Geschick und das meines unglücklichen Brude' s, er möge etngegangen sein zu den Seligen, angreift und betrübt, so freue ich mich doch, Jemanden bei mir zu haben, der mir dereinst die Augen zudrückt, auf daß ich nicht unter Fremdrn sterve und durch teilnahmlose Menschen begraben werde." So sprach ein Mann zu einem Jüngling, der weinend sein Haupt in die Häilte barg. Der Jüngling war Lenardo Perryra. Sein Vater war einer der reichsten Kaufleute tn Madrid gewesen,- wie seine Vorfahren, so war auch er heimlich dem Judentume trru geblieben. Doch da er für seinen Glanbm schwärmte, vernachlässigte er die gebotenen Vorsichtsmaßregeln und ward entdeckt. Er wurde eingezogen, vor das Jnquisitionsgericht gestellt und bekannte auf der Folter, dvß er Jude sei, ja, daß er das Judentum unernnßlich liebe. Man war damals doch schon zu menschlich, um unschuldige Leute zu verbrennen, und so wurden denn der alte Pereyra und sein Sohn aller ihrer Habe beraubt, tu Lump.-n gehüllt, vomHenker aus Madrid gepeitscht. Vor Hunger und Kummer war der Alte gestorben, Lenardo aber hatte sich nach Lothringen zum Bruder seines Vaters, Emile Pen h-a, gewendet. Dieser war schon in seiner Jugend aus Spanien gi flohen und betrieb nun zu Metz einen einträglich, n Tabakhandel. Lenardo war nach langer Wanderung dort angelangt und hatte seinem Oheim die Geschichte seiner Leiden erzählt. Den tröstenden Worten des guten Onkel war es bald gelungen, ihn aufzuheitern, und in inniger Liebe lebten sie nun miteinander. Der alte unverheiratete Onkel kannte bald keine größere Freude als die, seinem Neffen ein Vergnügen zu bereiten. II. Jahrzehnte waren dahingerollt. Emile Pereyra war längst gestorben und hatte seinem Neffen ein gutes Geschäft und ein großes Vermögen hinterlassen. Nichts fehlte an dem Glücke Lenardo Pereyras. Er besaß eine gute treue Frau, eine schöne liebenswürdige Tochter und einen Sohn, der der Stolz der ganzen Gemeinde war. Elte gehörte trotz seiner Jugend schon zu den größten Gelehrten der Stadt. Dabet hatte er auch dte profanen W ffenschasten nicht vernachlässigt Lenardo hatte sein Geschäft aufgegeben und beschäftigte sich den ganzen Tag damit, mit seinem Sohne zu lernen. Elte sollte einmal ein großer Rabbiner, ewe Leuchte in Israel werden. Rabbi Lenardos Name sollte einst auch bekannt werden durch den Ruhm seines Sohnes. Bet der wahrhaft verehrenden Liebe, mit der er an seinem Sohne hing, hatte er die Umwandlung nicht bemerkt, dte in den jüngsten Tagen mit diesem vorgegangen war. Die Mutter harte ein schärferes Auge. Wohl bemerkte sie es mit tiefem Kammer. Vorher war es nie vorgekommen, daß Elte einmal dte Synagoge versäumte, nun hatte er sie schon seit Wochen nicht mehr besucht. Der lebensfrohe junge Mann war plötzlich ernst und still geworden. Vergleich bemühten sich Schwester und Mutter den Grund dieser Veränderung zu erfahren. Warum floh Elte die sonst so geliebten Bücher, den traulichen Familienzirkel? Wer war der Mann mit den feurig blitzer den Augen, mit dem er so häufig verkehrte? Bald sollten sich ihnrn diese Rätsel tn erschrrckerder Welse lösen. Die Familie Perrya befand sich bei dem Mittagsmahle. „Gott wöge uns beschirmen", sagte Lenardo, „ist das eine Zeit, in der wir leben! Keine Religion, kein Vertrauen, keine Ehrfurcht gibt es mehr in der Welt. Was soll das geben, wenn es so fort geht? Die Menschen werden einander vertilgen und ausrotten, denn von wem sollen sie Strafe fürchten?" Elie war bet diesen Worten des Vaters aufgefahren. Lange Zeit hatte er sich überwunden, doch jetzt hielt er sich nicht mehr zurück, er mußte ja doch einmal reden. „Was", ruft er aus, „jetzt eine schlechte Zeit! Vater! Stehst du sie denn nicht herannahen die Zeit der Freiheit, der Gleichheit, des G ücks. Die Schranken werden fallen, die ungerechter Weise zwischen Mensch und Mensch gesetzt sind. Ein einiger, freier Staat werden wir sein, ein einzig Volk von Freunden, und Brüdern. Und webe, wer sich dem wtdersetzen will! Der Tyrann wird noch unter den Bürger hinabsinken. Und wenn Ludwig nicht arbeiten will, w!e wir, dann mag er verhungern." „Eile!" erwiderte Lenardo erschrocken, „woher kommen dir diese Gedanken? Kann es denn je den Bürgern besser gehen, als unter einem so gutm, lieb eichen Könige wie Ludwig, der Herr erhalte ihn zum Guten? Wem fehlt etwas? Wem ward von ihm Unrecht getan? Wer kann sein Volk so lieben, wie unser v rehrter König? Und für uns Juden erst/ gibt es wohl einen besseren Herrn? Erinnerst du dich nicht mehr, wie er vor wenigen Jahren hterberkam und unter Begleitung unseres geliebten Rabbiners, desSchaogas Arjeh*), sein Licht möge leuchten, die Synagoge besuchte und versicherte, er nnrde uns stets ein liebevoller und gnädiger Herr sein?" „Vater!" fuhr Elte auf, „hälft du mich für so schlecht, daß ich die Interessen unseres schönen großen Staates den genügen Privatintereffen der Juden opfere? Und wenn es wein eigener Bruder wäre, urd er wäre Tyrann, ich würde keinen Augenblick zögern zu tun, was Trasibul getan/ er müßte sterben von meiner Hand!" Elie sah nach der Uhr. „Ich habe eine Unterredung mit einem Freunds" sagte er hastig, „ich muß fort, Adieu." „Elie, mein Sohn", rief ihm der Vater nach, „(Site!e Doch Este hörte ihn nicht mehr. In größter Eile lief er dem Ufer der Mosel zu. „Laß ihn", sagte Frau Pereyra zu ihrem Galten, der ihm Nacheilen wollte, „laß ihn eenen kleinen Spaziergang im Freien wachen/ seine Lebhaftigkeit wird sich bald legen und sein gutes Herz behält gewiß die Oberhand." III. In Metz führte vor Erbauung der jetzigen festen Biücke eine hölzerne über die Mosel. Vor derselben befand sich der Viehmarkt, ein großer freier Platz, rings mitHäus-rn und Hütten um» geben. Zu einem jener Häuser trat jetzt Elie. Eine imposante Männergestalt kam ihm entgegen. „Nun, du hast mich lange warten lassen, mein Freund", sagte der Mann mit wohiiönender Stimme. „Wie steht es? Welchen Beschluß Haft du gefaßt? Was sagten deine Freunde?" „Ganz der deine", erwiderte Elte, noch immer ungemein erregt, indem er dem Manne um den Hals fiel. „Wtr alle sind dein und dem Vaterlande/' Die beiden Männer traten in das Innere des Hauses. Dort unterhielten sie sich noch lange in flüsterndem Tone miteinander. Nach zwei Stunden ungefähr traten sie wie!er ins Freie. „Ja!" rief Eite, „alle alten und verrotteten Gebräuche und Ansich en müssen verbannt werden. Eire neue Aera wird anbrechen / eine Zeit, ähnlich, wie sie unS der Prophet schildert, das Schwert wird umgewandelt werden in die Sense, und das Beil des Henkers in das Beil des Zimmermanns. Also, bis Ende des Jahres 1792 glaubt ihr das große Werk vollenden zu können. O, glückliches Jahr 1793! Gesegnet sei dein Anfang) gesegnet dein Ende. Der Winter beginnt jetzt! Ö, wenn es doch schon der Winter des Jahres 1793 wäre. In der Natur ist es starr und kalt/ in unserem Innern aber ist es dann herrlich schön. O, Wlntersonne des Jahres 93, welch' glückliche Szenerien, wieviel glückliche Menschen wirst du bescheinrn." „Schwärmer", sprach lächelnd Brissot. „Doch ich muß fort, mein Fr und, mach deine Sache gut. In der Hauptstadt sehen wir uns wieder". „Adieu Brissot", erwiderte Elie. „Leb wohl. Viel Glück und Erfolg. Frankreich soll blühen!" „Und die Republik soll leben!" schrie Brissot. „Und die Sonne der Freiheit soll sie erleuchten", sagte mit Wärme Elte. Beide Freunde trennten sich. Brrssot war tu den Wagen gestiegen und fuhr der Hauplftadt zu, während Elie Perryra nachdenklich zu seinem Vaterhause ging, wo so lange Friede und Glück geherrscht hatten. IV. Seit jener Stunde war Unfriede und Hader in das Haus Lenardos Ungezogen. Zu seinem unendlichen Leidwesen bemerkte der Vater, daß Elie die heiligen Gebote des Glaubens vernachlässigte. Da war es zu heftigen Auftritten gekommen. Während dieser Zeit kamen immer schlimmere Nachrichten aus Parts. Endlich erscholl die KuMe: Am 21. Januar 1793 starb Frankreichs König auf dem Schrffote. Brissot hatte härfig Nachricht an Elie geschickt und ihn zu verschiedenen Malen aufgefordert mit den mit dm Genossen, die er geworden, nach der Hauptstadt zu kommen. Mit Schrecken hörte Elie von den Mordversuchen gegen Brissot, mit Entsetzen von seiner Niederlage im Convent/ bald blieben die Briefe Brissots ganz aus. Und endlich brachten die Zeitungen d.e Schreckensnachricht, Brissot und die Girondisten sind verhaftet und auf den Tod an geklagt. Nun duldete es Elie nicht länger in dem Vaterhause, er mußte nach Paris, mußte versuchen, ob der Freund denn nicht mehr zu retten sei. Seine Freunde billigten den Entschluß und waren bereit, ihn zu begleiten. Doch seinem Vater, der seit dem obenerwähnten Tage in düsteren Trübsinn gefallen war, wagte er seinen En schlnß nicht mltzutetlen. Zaudernd und ohne den Mut, zu reden, stand er lange Zeit vor seiner Mutter, endlich begann er mit düsterer Stimme; „Mutter, morgen gehe ich nach der Hauptstadt", und gleich, als ob ihm Jemand widersprochen hätte, fuhr er tn heftigem Tone fort: „Ich muß, ich muß fort. Mutter, halte mich nicht zurück, ich bitte dich. Ich muß ihn retten, meinen teuren Freund. O glaub es mir, ich werde es glücklich vollenden. Gott wird mir Helsen!" Es war seit langer Zelt das <rste Mal, daß Elte von Gott gesprochen halte. Wie ein Funke in einem Pulverfaffe wirkten Eltes Worte. Der Vater und die Schwester wurden herbeigerufen, und verein: hingen die drei an seinem Halse und weinten und flehten, er solle sie nicht verlassen. (Fortsetzung folgt.) *) So genannt nach seinem Werke: Schaagatz Arjeh.

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