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Der Israelit · 1921-06-09 · Heft 23 (9.6.1921) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 23 (9.6.1921)
Date
1921-06-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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m I ra rische r E.D-' Zakob Fromer „Der Talmud/' (Fromer, der Talmud. Cassirer, Berlin, 1920, VIII und 348 Seiten.) Von Rabbiner Dr. L. Rosenthal in Berlin. Vor Kurzem las ich in einem hiesigen großen Blatte von angesehener Seite eine äußerst günstige Besprechung des neu erschienenen Fromer'schen Buches „Der Talmud." Der Name Fromer rief in mir Erinnerungen an den „Weg aus dem Ghetto", „der Organismus des Judentums" und ähnliche Schriften hervor, worin Judentum und Talmud zumeist schlecht weggekommen sind, bei der Beurteilung der Bücher allerdings der Verfasser noch schlechter. Nun kommt ein Buch, das keinen Doppeltitel führt, sagte ich mir; hier ist es nur der Talmud, der nicht mehr in fliegender Haft, sondern gründlich behandelt werden wird; nicht mehr werden wir da eine Mischung aller möglichen Gegenstände finden, sondern der Talmud allein — wahrlich als Gegenstand umfangreich genug — wird hier vor uns stehen; diesmal wird Verfasser alle Zweifel an seiner Kenntnis des Talmuds durch Fülle der Belege und deren einheitlich erkennbare Verarbeitung zu beseligen suchen, und der Wurf wird ihm nach so vielen Mißerfolgen gelingen. Einige Urteile über Gebiete, die nur halb hierher gehören und sehr breit behandelt sind, bringen mich aber gerade dazu, die Urteilsfähigkeit Fromer's überhaupt nicht höher etnzuschätzen als früher. „Nirgends, weder in der Thora, noch in den übrigen Büchern der Bibel, war eine klare Disposition zu erblicken. Es folgten Sätze und Kapitel zusammenhanglos auseinam er." Das Weitere zeigt, daß diese Worte ernst gemeint sind. Seit Herder hat man anders über die Bibel urteilen gelernt, und der versteckte, tiefe Plan und die auf einen Zweck gestimmte Anordnung der Thora ist allgemein erforscht und anerkannt worden. Wlll Fromer denn eine Aufsatzdisposition? Der Raum gestattet mir nicht, hier dem Verfasser dies zu beweisen/ jede biblische Einleitung belehrt ihn sicher eines Besseren. Soll aber diese Fromersche Auslassung uns den Maaßstab bieten für seine Beurteilung des talmudischen, noch mehr versteckren uno nvch tiefer angelegten Zusammenhangs? Wie müßte er z. B. in einem Shakaspear'schen Stücke den Plan vermissen! Wie etwa Gottsched vor Lessing. Aber das sind Geschmackssachen. Höre man Zeinen anderen Satz: „Erst durch einen häßlichen Streit, der zwischen Friedrich Jakobi und Moses Mendelssohn ausgebrochen war, wurde Goethe auf ihn (Spinoza) aufmerksam." Wo hat Fromer diese Ueberlieferung her? In Wahrheit steht in der Goethe'sche Lebensbeschreibung, daß er schon in früheren Jahren eine Schmähschrift mit einer merkwürdigen Grimasse als Titelbild mit der Unterschrift signum ojyrobrii in vultu ferens gelesen, und da er sich ein eigenes Urteil bilden wollte, habe er Spinoza selbst sich vorgenommen. Fromer hat die Bemerkung, welche Goethe an diesen Streit knüpft, daß Deutschland damals Mendelssohn, einen seiner würdigsten Männer verloren", wohl mit jener anderen verwechselt. Läßt das im Uebrigen auf eine genaue Quellenforschung schließen, oder auf Flüchtigkeit und Hast? Aber was geht mich die Bibel, was geht mich Spinoza, was geht mich Goethe an, könnte Fromer mir entgegenhaiten, mein Buch heißt „Der Talmud", und hauptsächlich darin soll doch für den Beurteiler der Schwerpunkt liegen. Versuchen wir's also damit. Der Talmud weiß nicht einmal sich den Namen der Synagoga magna zu erklären, meint er. S. 9. „Warum, fragt er, heißen sie Männer der großen Synode? Weil sie die „Größe" wieder hergestellt haben. Moses sagte: „Der große, starke und furchtbare Gott." Jeremias wandte dagegen ein: „Die Heiden springen 'umher tu seinem Palaste/ wo ist seine Furchtbarkeit? Er ließ deshalb „furchtbar" weg. Daniel wiederum sagte: „Die Heiden herrschen über seine Kinder, wo ist seine Stärke"? Er ließ „stark" weg. Nun kamen die Männer der großen Synode und sagten: „Das ist gerade seine Größe, daß er sich den Feinden gegenüber so beherrschen kann und wie hätte sich ein einziges Volk unter den Heiden behaupten können, wenn man thli nicht gefürchtet hätte". „Man sieht, daß man es hier nur mit einer Vermutung zu tun hat." Mau sieht vielmehr, daß Fromer diese agadische Bemerkung für eine geschichtliche Vermutung ansieht und dem Talmud zumutet, daß diese Begründung wörtlich zu nehmen sei. Warum soll denn auch ohne diese Deutung der Oberrat deS Landes nicht „die große Versammlung" genannt werden können? Hier spricht R. Josua ben Levt nur aus, daß zur Zeit dieser Behörde das Judentum die göttliche Waltung gerade beim Lüde Israels klar erkannt und oarin nicht eine Schwäche Gottes, sondern ein Mittel zur Läuterung Israels gesehen habe. Das beweisen viele andere Stellen. Ader ist Fromers Ansicht eine Deutung dieses Satzes in Herderschem Sinne? Herder möchte die Agada nicht in die Hände etl.es trocken wörtlichen oder gar scharfsinnigen Beobachters fallen lassen, der das Unbewußte in ihnen nicht im geringsten ahnt. Das ist bet Fromer der Fall. Aber Fromer kann von mir verlangen, daß ich ihm Fehler und Mißverständnisse dartue, welche ohne alle Deutung hervortreten. Ich will ihm dienen. Seite 193 in der Anmerkung steht: „Hiüel der Aeltere kam aus Babylonien in seinem vierzigsten Lebensjahre, lernte vierzig Jahre und stand vierzig Jahre an dtzr Spltze der Gemeinde". Zu diesem Stfrasatze bemerkt Fromer: „Diese Einteilung des Lebensalters iy drei Perioden von je 120 Jahren (unwichtig ausgedrückt! Denn hier kommen 360 Jahre heraus), von denen die erste durch den Müßiggang, die zweite durch Lernen und die dritte durch das Lehren angefüllt ist, wird (ibid.) ebenso bei Moses, wie bet Johunan ben Sakkai und Aktba angewendet". Man merke! „Die erste durch den Müßiggang"! Und das kommt bet all den Genannten vor! Woher weiß Fromer denn, daß Hillel vor seiner Reise nach Palästina vierzig Jahre dem Müßiggang geweiht hat? Ernähren sich Müßiggänger mit der Axt, wie er von Hlllel auf derselben Seite erzählt? Aber die Sache ist falsch.! „Jochanan ben Sakkai trieb sein Geschäft 40 Jahre und diente den Weisen 40 Jahre (d. h. lernte bet ihnen), und leitete Israel 40 Jahre. Bei Aklba werden die ersten 40 Jahre nicht erwähnt (dies gegen Friedmanns Bemerkung), wo er am Am haarez und Hirte war. Wo ist hier eine Ahnung von Hillels Müßiggang und noch mehr etwa von Akiba, weil die ersten 40 Jahre n icht gen annt sind? Und nun gar Jochanan ben Sakkai? Und er hat nicht nur die drei Perioden, sondern den Müßiggang der ersten 40 Jahre auf diese alle bezogen! Und so hat er auch eine bekannte Stelle aus Sirach herungezogen um darzutun, daß auch die jüdischen Weisen, wie die griechischen, die Berufsarbeit gehaßt hätten. In diesem Punkte hat Sirach aber unter griechischem Einfluß gestanden. Aber Hillel, der Holzhauer, Aklba, der das Wort geprägt hat: „Mache Deinen Sabbat zum Wochentage, damit Du nicht menschlicher Hilfe bedürfest!" Der lieber zum niedrigsten Gewerbe greifen ließ! Jochanan ben Sakkai, der da zeigte wie die Arbeit selbst im Diebe belohnt wird — sie waren keine Müßiggänger, sie überließen nicht, wie Plato und Aristoteles, die Arbeit als des Freien unwürdig, den Sklaven. Die Werkmeister des Stiftszeltes sind in der Thoca die Träger göttlicher Weisheit. Jnlem die Thora in Israel die Sklaverei beeittgt und sie auch sonst erschwert hat, ist die Arbeit dem Freien empfohlen und so geadelt worden. Spinoza, auf den Fromer öfter zurückkommt, hat als Jude sich von der Arbeit seiner Hände ernährt. Möchte die Redensart von der Arbeitsscheu der Juden endlich verschwinden! Statt sich zu solchen Urteilen das Recht zu nehmen, wobei man die Quellen selbst gar nicht genau angesehen hat, sollte er im Stande sein, den Sinn eines Abschnitts wenigstens im Umriß zu erkennen. Ich suche S. 248 seine Umreißung von Sotah, der ungetreuen Frau, auf. Da wird zuletzt Kap. 9 bestimmt: Verschiedene Erläuterungen dieser Anrede (nämlich des kriegsgesalbten Priesters an das Heer). Das ist falsch, denn dieser Schlußabschnitt enthält die Bestimmungen der Eglah Aufa, des Sühneopfers und der Sühnehandlung its Auffindung eines Ermordeten, ohne daß man den Mörder kennt.

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