Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1921)
- Date
- 1921-05-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Mandat-Entwurf au» merkwürdiger Unkenntnis der Tatsachen heraus eine fremde Vormundschaft setzen, um damit zugleich gegen alle Absicht sie und ihre Kinder der oben geschilderten furchtbaren Gefahr des religiösen Untergangs auszusetzen. Darf das geschehen? Und wenn es geschehen sollte, weil Macht vor Recht geht, darf es geschehen sein, ohne daß die „zum Schauen bestellte" echtnattonale Judenheit ihren lautesten Protest vor dem Throne der Weltgeschichte ntedergelegt hat? Wir können uns nicht vorstellen, daß die Mandatarmacht, auch wenn sie bloßen Nützlichkeitserwägungen folgen sollte, ernstlich gewillt ist, an dem Artikels des Mandates in seiner gegenwärtigen, geradezu widerspruchsvollen Form festzuhalten, ja wir vermögen einen solchen Willen nicht einmal bei den weiter Blickenden unter den zionistischen Führern vorauszusetzen. Die zionistische Organisation soll —so will es das Mandat — alle „heranziehen", die am Aufbau der nationalen Heimstätte mitzuarbeiten gewillt sind. An diesem Willen bei den Millionen gläubiger Juden zu zweifeln, in deren Innenleben „Erez Israel" der zentrale Gedanke, das belebende Gefühl, die beherrschende Kraft ist, wäre Wahnsinn. Zieht man aber jemanden heran, indem man ihn im gleichen Atemzuge kränkt, zurücksetzt, in seinen heiligsten Empfindungen beleidigt? Warum also nicht in staaismännischer Anerkennung der Gegebenheiten die rechtlichen Formen schaffen, die diesen Millionen die freie und freudige Betätgung ihres Opferwillens für das neue Palästina ohne Gewissenszwang ermöglicht,? Der Zentralrat der „Agudas Jsroel" hat mit seiner Entschließung zu Artikel 4 des Palästina-Mandates das Wort gesprochen, das die Stunde verlangt: Artikel 4 des Entwurfes zum Palästinamandat, durch den eine einzelne Partei innerhalb der Judenheit, die zionistische Organisation, als Jewish Agency anerkannt wird, widerspricht den Grundsätzen allsettiger Gerechtigkeit und ist insbesondere nicht geeignet, das von der Mandatarmacht angestrebte Ziel der Heranziehung aller am Aufbau Erez Israels interessierten Kreise zu fördern. Der Zentralrat hält daher im allseitigen Interesse die Umbildung der im Entwürfe vorgesehenen Jewish Agency für erforderlich, derart, daß der durch die „Agudas JSroel" repräsentierten Orthodoxie die Möglichkeit gegeben wird, ihrer geschichtlichen Aufgabe gemäß, an dem Aufbau der jüdisch-nationalen Heimstätte in Erez Jsroel im Geiste der religiösen Ueberlieferung und des jüdischen Religionsgesetzes mitzuwirken. Dieses Wort kann nicht mehr aus der Welt geschafft werden, mag eine mit falschen Meldungen und allerlei Schmutz gespeiste zionistische Presse einen noch so großen Lärm darob vollführen. Wird es gehört und beachtet, dann kann der in so schweren Geburtswehen erstehenden neuen Siedlung reicher Segen erwachsen. Verhallt es im Getöse des Vorurteils und des verblendeten Wahnes, so wird die Orthodoxie nicht die alleinige Leidtragende fein: Wochennlndschall. Gemeindebull- und »jüdische Wissenschaft/ Herr Professor Dr. Elbogen, der leitende Geist der Berliner „Hochschule für Wissenschaft des Judentums" stimmt eine bewegliche Wehklage über die Weigerung der Orthodoxie an, sich mit den Vertretern der liberalen und mittelparteilichen wiffenschaftltchen Theologie zu einer gemeinsamen „jüdischen Wissenschaft" im großen Rat des neuen Gemeindebundes zusammenschweißen zu lassen. „Es ist etwas Unglaubliches geschehen", jammert der Professor. Der „orthodoxe Kreis" will „die Wissenschaft" der anderen Richtungen als solche nicht anerkennen" — die Orthodoxie unternimmt also, meint Herr Dr. Elbogen ein Attentat auf die „Freiheit der Wissenschaft, das heißt auf —„die Reichsverfassung"!! Schrecklich — matt hört schon den Tritt des Reichswehrbataillons, das das re- , nitente Dozentenkollegium des Berliner Rabbinerseminars mit dem greisen Prof. Hoffmann an der Spitze wegen umftürzlerischer Machenschaften gegen die Reichsverfassnng nach Plötzensee abführt.. Beruhigen S^e sich, verehrter Herr Professor. Die Orthodoxie neidet den Hochschulen der kritischen Theologie nicht die Palme der „Wissenschaft" und denkt gar nicht daran, ihr die verfassungsmäßig gewährleistete Freiheit des Niederreißens zu beschränken. Nur das Attribut „jüdisch" ist es, das sie dieser Art von Wissenschaft bestreitet — sonst nichts - und je mehr Ulan heute geneigt ist, die absolute jüdische Wahrheit, zu deren Träger das jüdische Volk samt seinen Gelehrten, Rabbtnen und Professoren erkoren wurde, in dem Strom wechselnden wissenschaftlichen Wähnens und Suchens als „konservative" Wissenschafts-Nuance aufgehen zu lassen, desto Sesiro-Vetrachtungen. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. I. Bon Mizraim fort — zum Sinai hin! Der Fes, tagsjubel ist verrauscht, das achttägige Peffach ve, strichen und das Leben der Wirklichkeit kommt nu wieder zu seinem vollen Rechte. Bon den Höhen de Ideale steigen wir gar rasch hernieder zu den An^ gaben und Pflichten der Alltäglichkeit. Ob die Festes woche in uns nachwirkt, ob ihr Licht uns fortleuchte und auch die Stunden der Arbeiten und der Sorge verklärt und erhebet, das soll sich nun erst zeiger Gerade am achten Tage des Festes, am nvs bw rnn mahnte das Schristwort: „Daß du ja gedenkest de Tages deines Auszuges aus dem Lande Mizraim all Tage deines Lebens" — und dann weiter „und nich werde gesehen Sauerteig bei dir in deinem ganze, Gebiete sieben Tage". Diese Mahnung gilt nicht allei, für das Peffach, sie ist vielmehr auch eine Anweisung wie wir unser ganzes «eben zu einem m», zu einen Jortschreiten zu immer höheren, immer heiligeren Zielen entgegen, gestalten sollen und können. Während der Peffachtage mutz der Sauerteig aus unserem ganzen Gebiete schwinden, und während der sieben Lebenstage soll der Sauerteig — das ist das Gärende, die verheerende Leidenschaft, der Trieb zum Sündigen, in unseren Herzen überwunden werden. Das ist ein schwerer Kamps, zu dem wir aufgefordert werden, für den wir all' unsere Kräfte und alle guten Triebe etnsetzen müssen, um hier nicht zu unterliegen. Wie ergreifend wirkt doch das Gebet, das uns von einem alten Lehrer überliefert wird. „Meister der Welten, dir ist es offenbar und bekannt, dah es unser Wille ist, uns deinem Willen zu unterwerfen. Wer aber hindert uns daran? Der Sauerteig in unserer eigenen Brust und der Druck der Zeit. So errette uns von alledem, daß wir dir wieder dienen können mit vollem Herzen". — Solch ein Gebet trägt bereits den Keim der Erfüllung in sich. Es zeugt von einer nach Reinheit ringenden Menschenseele, von einem dem Heiligsten zustrebenden Menschenleben. Auch wir müffen empfinden des Druckes Last, wenn wir der Gefahr entgehen wollen, die uns droht, wo die Leidenschaft ruft und die Versuchung naht. Auch unser Sehnen mutz auf Befreiung und Errettung von den feindlichen Trieben unseres Herzens gerichtet sein, die ärger als der grimmigste Feind unser Lebensglück gefährden. Wir dürfen keinen Augenblick es vergessen, daß wir trotz alledem aus diesen Kämpfen siegreich hervorgehen können, wenn wir unsere Aufgabe und Bestimmung nicht aus den Augen verlieren, wenn wir beherzigen, „daß du ja gedenkest des Tages deines Auszuges aus dem Lande Aegypten". Als die erwählten Sendboten Gottes zum ersten Male vor Pharao hintraten, da übermittelten sie j ihm des Herrn Auftrag: „Laß frei mein Volk, daß es berechtigter erscheint eS, daß dieser Kampf um die Vertretung der „jüdischen Wissenschaft" in der Tat zum Schibolet geworden ist. Auf keinem Gebiete des Lebens fürchtet und verpönt das Gottesgesetz in so weitgehendem Maß auch selbst den Schein eines Zugeständniffes oder schweigender Anerkennung wie dort, wo es sich um mt ,-N12V oder niJTö handelt. Hier scheiden haarscharfe Linien die .THfc von der naöiö — heil uns, wenn die Träger der Thorawissenschaft auch mitten im Strom des modernen wissenschaftlichen Lebens den sittlichen Mut und die S elbstentä u ßerun gbesitzen,i h re Wissenschaft als die Wissenschaft der Gotteswahrheit in stolzer Demut vor aller Verwechslung mit der zünftigen „Wiffenschaft" des irrenden Menschengeistes zu beschützen. Der VizekSnig von Zndien. Lord Read in g hat England verlassen, nach-, dem er auf unzähligen Abschiedsbanketten gefeiert worden war. Auf der Reise nach Indien hat er in Aegypten Halt gemacht und den Sekretär des Kolonialamtes Wtnston Churchill und Sir Herbert Samuel, den Oberkommissär von Palästina, gesprochen und ist so an den Grenzen des heiligen Landes an sein Judentum wiederum erinnert worden, das er übrigens niemals verborgen hat und woran ihn auch die Antisemiten in letzter Zeit oft genug erinnert haben. Als bewußter Jude trat Lord Reading seinen verantwortungsvollen Posten an, wie aus den Berichten über die Epfangsfeierlichkeiten in Bombay, wo er am 2. April gelandet ist, hervorgeht. Die Stadtvertretung überreichte ihm eine Adresse, in welcher anscheinend auf sein Judentum Bezug genommen worden ist, denn in seiner Antwort an den Stadtrat, so meldet Reuter, erwähnte der Vizekönig: „Die Stadtverwaltung hat Bezug genommen auf meine alte Raffe (ancient raee)- ich will gerne sehen, ob nicht vielleicht dank etnes glücklichen und undefinierbaren Aktes des -Unter- Bewußtseins meine Abstammung mein Verständnis der Ziele, Aspirationen, Freuden und Leiden des indischen Volkes beschleunigen und erleichtern und mir helfen wird, die nahezu unartikulierten Schreie und das unhörbare Raunen der Massen zu verstehen, die zuweilen am meisten leiden und' denen es doch noch schwierig, wenn nicht unmöglich erscheint, ihre Worte zum Ausdruck zu bringen." Wenn sich die Erwartungen, die in diesen Worten zum Ausdruck kommen und anscheinend auch tm indischen Volke irgendwie lebendig sind, erfüllen sollten, so würde sich auf diese Weise tatsächlich das Mittlertnm des Juden zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa und Asien, bewähren. ■H fU '-pH——»■—» jg.' mir diene". Ihr Sklaventum sollten unsere Väter mit dem Gottesdienste einlauschen, das bedingte ihre wahre und rechte Freiheit, das verhieß erst ihre Krönung und Vollendung. , Bonden Banden der Sünde, von dem Mizraim in uns und um uns können auch wir nur frei werden, wenn Gottes Wort und Wille über uns herrscht. Das ist es, was wir fort und fort erstreben müffen — als Verpflichtung und zu unserer Beseligung. Aus Mizraim kommen wir nur heraus, von den Feffein der Leidenschaft, von den finsteren Mächten der niederen Triebe werden wir nur dann befreit, wenn wir der GotteSstimme gehorchen und von der Thora Flamme unseren Lebenspfad erhellen laffen. Hier liegt unser Heil und der Segen für die ganze Welt, die nach Erlösung ruft und nach Freiheit sich sehnt. Jeder überwinde den Geist Mtzraims in sich — und die Glücksformel ist-für die Menschheit gefunden. Solange diese sich nicht zu Gott zurückfindet und zum Bekenntnis durchringt. „Des Herrn ist die Erde und was Je füllet-, kann die mizraitische Finsternis von Erden nicht schwinden. Das ist auch die Mahnung, die die Sidro nachdrucksvoll uns einschärft. PIX ,NVVv2 121 ww *6 na anap» ansta. Nach dem Tun des Landes Aegypten, in welchem ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht handeln, und nach dem Verfahren des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe, sollt ihr nicht tun, und ihr sollt in ihren Satzungen nicht wandeln". Diese Sätze leiten das Kapitel ein, das ein sicheres Bollwerk um die Reinheit und Lauterkeit des jüdischen Familienlebens, wie um die Sittlichkeit und Heiligkeit Israels aufrichtet und im einzelnen das ausführt, was jene Einleitung im allgemeinen andeutet.