Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1921)
- Date
- 1921-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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s Wummer 28 27. Hktober 1921 Blätter : VII. Jahrgang ' 25. Hischri 5G82 herausgegeben vom Gruppenverbcmd, der ^alästina-Aentrale und der Jugend-Organisation der Agudas )isroel für Deutschland. Inhaltsübersicht. Palästinazentrale der Agudas Jlsro l in Deutschland. — Delegierientag der Ortsgruppen der Agudas Jisroel süc Deutschland am 22. und 23. August 1921. — Der gesetzestreue Akademiker und die A. I- D. — Agudas Jisrorl Mitglieder und Leitung. — Spenden, liste. - pakastlnazentrale der Agudas Zisroel in Deutschland. Frankfurt a. M., 6. Oktober. Um. verschiedenen Anfragen Genüge zu leisten, bringen wir zur Kenntnis, daß die Kalender vollständig unentgeltlich an Interessenten verabfolgt worden sind. So weit noch Vorrat vorhanden, wird dies auch weiter geschehen. Palästinazentvale der Agudas Jisroel Frankfurt. Delegiertentag der Ortsgruppen der Agudas Zisroel für Deutschland am 22. UNd 23. Lugust 1921. (Fortsetzung.) Rabb. M osk o w i tz - Köln und Robb. Halb e r - st am sprechen in längeren Referaten über die Mißhelligkeiten, die in religiöser Beziehung zwischen Ost- und West-Juden dadurch entstehen, daß in galizisch-chafsidischen Kreisen in mancherlei Dingen ein anderer Psak maßgebend ist . als in Deutschland (Bediko, Mikweh und dergl.) und verlangen deshalb von der Aguda eine Intervention zu Gunsten der Ostjnden bei den zuständigen Gemeinden. Die Redner verweisen auf die Gefahr, welche droht, sofern die Gemeinden ihrem Wunsche nicht nachkänien. Nach einer Aussprache, an der sich Rabb. Dr. Moses Auerbach, Dr. I. Breuer, Dr. P. Kohn. Dr. Klein-Nürnberg, Dr. Carlebach-Köln und Rosenheim beteiligten, wiro eine gemischte Kommission eingesetzt, bestehend aus den Rabbinern Moskowitz, Halberstam, Beck-Köln Horo-- Witz-Duisburg und Muschel-Dortmund stnerseits und Dr. Moses Auerbach, Dr. Carlebach-Köln, Roseuheim-Frankfurt, Rabb. Silberberg-Recklinghau'en und Rabb.. Dr. Wehl-Düsseldorf, andererseits. Die Kommission soll um die Slichostage ihre Verhandlungen beginnen. In vorgerückter Stunde am ersten Abend verzichtet Rechtsanwalt Dr. Breuer auf sein Referat über die Aufgaben der Ortsgruppen an Hand dos Frankfurter Programms, um Herrn Dr.' Wohlgemut-Berlin, der abends wieder abreisen muh, Gelegenheit zu geben, seine Ansichten dazu zu äußern. Dr. I. Wohlgemuth - Berlin: Ich gehe auf die Einzelheiten oes Teiles II, Ausgaben der Ortsgruppe, jetzt nicht ein, er enthält" mit Ausnahme einiger weniger Bemerkungen, deren Bedeutung noch geklärt werden muß, fast ausschließlich Bestimmungen, gegen die sich wohl von keiner Seite Widerspruch erheben wird. Anders ist es mit dem grundlegenden 1. Teil. Ter gesamte Teil i erscheint mir als eia Teil eines Programms abwegig. Ein Programm muß etwas Neues enthalten. Ich finde in diesem ersten Teil nichts, was wir nicht schon vorher erfüllt haben oder erfüllen sollten, was uns nicht schon vorher als Ziel vorgeschwebt. Die Selbstbesinnung und Selbstbestimmung des jüd.. Volkes in Golus wird uns doch täglich in der Schemone Esre eingeschärst, vor allem in dem ergreifenden Gebet „llmipnei chatoeinn golinu meiarzeinn", dem würde insofern Genüge geschehen, wenn wir auf die Knwonoh beim Gebete dringen würden. Ich sehe nicht ein, wehsalb es dazu einer besonderen Idee des Agudismus bedarf. Insofern es also nichts Neues enthält, und uns scheinbar auf etwas Neues verpflichten will, enthält das Programm zu viel, auf der anderen Seite aber enthält es zu wenig. Es ist nur ein einziger, allerdings wichtiger Punkt herausgehobeu, der der Selbstbesinnung und Selbstbestimmung des jüdischen Volkes im Golus, und demgemäß die Bereltsteünng des jüdischen Volkes und jüdischen Landes unter Gottes Recht. Aber die Selbstbesinnung auf den L e h r g e h a l t des Judentums, die doch Jahrtausende hindurch unsere Agadisten und Religionsphilosophen beschäftigt hat, und ihnen als Pflicht galt, alles, was sich im Mussarleben konzentriert, Cheschbon hanefesch weahawas haschem, kommt hier nicht zur Geltung. Ich weis; wohl, was die Urheber des Programms bestimmt. Sie meinen, daß die Gesamtforderung des Alten nicht geeignet ist, eine geistige Bewegung zn entfesseln. Aber ich bezweifle, daß die hier ausgesprochene Idee es in höherem Maße vermag. Nun kann man sich auf einen Teil konzentrieren. Ein Programm, das aber zugleich ein Bekenntnis sein will, darf nicht einen Teil aus dem Gesamtkomplex unseres Bekenntnisses und unserer Forderung heransheben. In bezug auf Einzelheiten möchte ich doch noch auf tzinen Punkt eingehen, der mich besonders interessiert, auf den Punkt: Aufbau einer in der jüdischen Geistes- und Gemütswelt wurzelnden jüdischen Neberzeugnng, die von den Ergebnissen der nichtjüdischen Wissenschaft, insbesondere der Bibelkritik unabhängig sei. Ich möchte um eine Interpretation dickes Punktes bitten. Soll das heißen, daß wir die Ergebnisse der nichtjüdischen Wissenschaft ablehnen müssen'? Dort, wo sie im Widerspruch stehen mit den Grundwahrheiten der schriftlichen und mündlichen Lehre, ist das selbstverständlich, wir wollen doch keine Thoraleugner erziehen, dann gehört das nicht ins Programm. Soll das aber heißen, daß eine Veschäfti g u n g mit der Wissenschaft abgelehnt werden soll, so erscheint nur diese Bestimmung unannehmbar. Im übrigen ist mir der Satz an sich unverständlich, was soll das heißen: Eine Ueberzeugnng, die von den Ergebnissen der nichtjüdischen Wissenschaft itnabhängig ist. Es kommt doch eben wohl aus die E r g e b n i s s e an. Sind es Ergebnisse, d. h. Tatsachen, dann können sie nicht im Widerspruch mit unserer Ueberzeugnng stehen. Wir können da auf das kopernikanische Weltensystem eremplisizieren. Es läßt sich doch wohl nicht leugnen, daß dieses System eine Zeitlang mit der religiösen Ueberzeugnng der Judenhert im' Widerspruch stand. Auf' jeden Fall bitte ich um eine nähere Interpretation. Vormittagssitzuirg (23. Aug.). Fortsetzung der Diskussion ü o e r d n s Frankfurter P r o g r a m m. Rabb. Dr. K o h n - Wien: Als der Verfasser des sogenannten Frankfurter Programms am gestrigen Abend darauf verzichtete, dieses Programm uns nochmals zu erläutern, dachte ich einen Augenblick daran, auch die Bemerkungen zu diesem Programm unterdrücken ' zu müssen. Allein füglich HAtzt es ps-ois f*ü, mtb rin gruhps Di»g ist ein Prograrnm, das Alles umfassen möchte, Ions seit .von fno ''ines \\ubrn Herz bemcgt. t\vok man der berechtigte Stolz des Verfassers sein, Jahrtausende reineil Wollcns in dieser präzisen Forin nirs unterbreiten zu können, groß endlich auch ist die Würde dieser Tagung. Man konnte einen Augenblick darüber im Zweifel sein, ob das Programm einen Versuch terminologischer Art darstellt, oder ob uns eine neue Ideologie geboten geboten werden soll.- Gewiß würde es der Bedeutung des Programms und seines Verfassers nicht entsprechen, wenn sich die Diskussion allzu ängstlich an die Terminologie klammern würde. Allein Einiges muß doch darüber gesagt werden. Gerade wenn man die jüdische Eigenart so scharf und präzise erfaßt, wie es das Prograrnm versucht, muß man mich jede Terminologie weiden, welche nun einmal durch Sprachgebrauch und korrupten Mißbrauch eines von den Mächtigen der Welt zu selbstischen Zwecken erregten Chauvinismus Begriffe darstcllen, welche unserer Auffassung von Judentum und Judenheit geradezu entgegengesetzt sind. Früher Gesagtes zu wiederholen, ist mißlich und banal, allein ich kann nicht umhin, an die vorjährige Nürnberger Diskussion über diesen Gegenstand" mich und Sie zu erinnern. Nein, leider, nein es ist noch nicht so weit, daß man Sabbatschänder und Thoraleugner als Volksverräter empfindet und stigmatisiert; ich Möchte Sie ferner auf den Sifre zu Numeri XI, 1 (wajehi hoo m}' Hinweisen, allwo Sie finden, daß die simple Bezeichnung „das Volk" einen Zustand der sittlichen Degeneration ansdrücken will. Nehmen Sie hinzu, daß selbst beim besten Willen die wahllose Anwendung der Begriffe Volk unb Nation innerlich verwirrt, nach außen ungeahnte Gefahren heraufznbeschwvren droht und jedenfalls dieses Bekenntnis nicht zn den Mizwaus gehört, für die man sein eigenes, geschweige denn fremde Leben aufs Sprel setzen darf. So viel, oder wenn Sie wollen, so wenig über die Terminologie. Bevor^ich nur kurz noch das Ideologische streife, gestatten Lie noch, mit wenigen Worten Einiges ans dem Verlauf der Debatte zu berühren.' Mein Freund Cnrtebach und ich wissen, worum wir all' den mehr oder minder geschmackvollen, mehr oder minder erdichteten Angriffen auf unsere Tätigkeit in Polen bisher absolutes Schweigen entgegengesetzt haben. Wir haben einen nationalen Aufschwung an der Quelle miterlebt, teils, warum es leugnen, mit ehrlicher Bewunderung, hauptsächlich aber mit der sehr gewissenhaften Prüfung all' der Möglichkeiten,' die sich daraus für jüdisches Schicksal ergeben köuuten. Und das sind so zarte und dabei so unendlich ernste Dinge, daß es wirklich bitter unrecht wäre, sie ohne Not einer öffentlichen Diskussion nuszusetzen, die vom sicheren Port ans freilich ein leichtes Spiel hat. Und es ist so billig, von Enterbten nationale Anfopferungssühlgkeit zu beanspruchen, und es ist meines Erachtens so unehrlich, als Mnßstab dieses Verlangens die Zahl zu setzen., Wer heute die ehrlichen Worte meines Freundes Tr. Moses Auerbach gehört hat, wird diese Andeutungen verstehen und vielleicht auch würdigen, doch ich leugne, daß irgend jemand, der mir uns kongenial^ ist, sich im Golus behaglich fühlt. Und geraoe, weil für uns G v ln s in erster Reihe Golus Schechina ist, betone ich, daß es für mich nicht etwa eine Aengstlichkeit vor etwaigen Folgen politischer Entrechtung ist, sondern innigste heilige Ueberzeugnng, wenn ich unser Programm, unser" politisches Programm also festlegen möchte: Wir haben nur das eine Mandat, nur das eine Recht, von den Völkern der Umwelt, von ihren Führern und Vertretungen das Eine zn verlangen, daß sie es uns ermöglichen, das Golus Schechina auf ein Minimum zu reduzieren. Wohlan, wenn Politik heißt. Forderungen anmeloeu und vertreten, bei den Faktoren, bei denen man eine Verwirklichung der Forderungen erwarten kann lmb auch der Oesientlichkeit, um' eine moralische Unterstützung zu erreichen, so ist es unsere Politik, die Forderung einer Religion» g e m e i n s ch n f t anzumcCbctt, wobei ich -sie bitte, den ernstesten Nachdruck auf das Wort Gemeinschaft zu legen. Ob nun auch die Stunde gekommen ist, ut welcher der Allmächtige stnnerseits seine Forderung anmeldct, weiche das Golus Jisroel zu beenden beischt, ob diese Anmeldung erfolgt nach denn System der Erweckung eines Cyrus, das zu beurteilen, erfordert allergrößte Gewissenhaftigkeit. Und diese Gewissenhasiigkeit vermissen wir. Es steht, wie Sie alle wissen, daß wir und die Völker der Welt unter einem Eide stellen, wir unter ixnn Eid, nichts auj dem Wege revolutionärer Entwicklung erreichen, zu dürfen, jene unter dem Eide, das Golus nicht unerträglich (;u gestalten. Darum melden lvir mit Messt ras hanefesch eine Forderung an. Wir dulden nicht, daß die Welt unseren Reihen in Bezug auf das Golus Schechina zn viel zumutet. Jetzt werden Sie begreifen, daß es jüdisch im höchsten Sinne des Wortes, j n d e n h e i t erhaltend in'den weitesten Grenzen ist, wenn wir keine andere Forderung erheben, als solche, die sich aus der Religion und aus der Gemeinschaft ergeben. Sie werden jetzt, wiederhole ich, vieles aus der Vergangenheit verstehen und auch verstehen, wenn ich angesichts der Ideologie des zur Debatte^ gestellten Programms retiriere und offen sage, da); ich und die mir Gleichgesinnten andere Forderungen nicht verstehen, nicht vertreten können. Wenn Agudas Jisroel in ihren geistigen Spitzen nationale Impulse einem Psak unterstellt hat, werden wir in alle Demut auch um Würdigung dieser Gedankengänge bitten. Doch nun bitte ich den Verfasser des Programms, das er uns geschenkt hat und das ja sein Eigentum deshalb nicht inehr ist, um Verzeihung, >venn ich scheinbar so fernliegende Gesichtspunkte' in die Debatte gezogen habe. Allein Sie werden erkannt haben, daß damit eine Stellungnahme zur Ideologie des Programms schon in nuee gegeben ist. Dann ich habe eigentlich nur noch einen Punkt zu streifen, der Ihrem, silicet comvonere, die Differenz zwischen dem Programm und meiner Anschauung klar machen dürfte. Bersafser sagt: Gottes Herrlichkeit ist auf Erden Heimat-