Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1920)
- Date
- 1920-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450125--68494-2525633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Land. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung.) Jetzt war es Zeit „Schulen zu gehen". Unser Hausherr legte die Kappe ab'und setzte den harten schwarzen, hochgewölbten Filzhut auf. Das war quasi die letzte Oelung, der letzte Stein zu einem fertigen Bau, ein Signal für eine Reihe weiterer bedeutsamer Handlungen in Haus und Hof. Das Hutaufsetzen des Hausherrn bewirkte, daß in der Küche ein rasches, nervöses Hin- und Herrücken an Ofen und Herd begann,- dieser Hut war die direkte Veranlassung, daß aus dem Innern desStalles hemdärmelige, krästigeJünglinge herauskamen und direkt an den Brunnen gingen, um sich eilig zu waschenmit dem Hutaufsetzen stieg ein anderer Sohn auf den Tisch und zog die grüße Schwarzwälderwanduhr aufschließlich hatte dieses Hutaufsetzen zur Folge, daß die drei Frauen aus der Küche, mit geröteten, erhitzten Gesichtern in die Sukkoh gingen und bald die Lichter in den blinkenden Messing-Leuchtern auf deni Tische aufleuchteten . . . Der Festsabbat war da. Wir gingen „Schulen". Die „Schul" unterschied sich von außen in nichts von den un liegenden Bauernhäusern. Man ging zum Tor hinein und eine bedenklich wackelige Holztreppe hinauf und gelangte auf einen länglichen Vorplatz. An der abgebröckelten Wand ein Kupferyandfaß, aus dem höchstens ein Moses mit seinem Wunderstabe Wasser herauszubringen vermocht hätte. Das lag nicht allein am Krahnen, der, verrostet und veraltet, seinen Dienst quittiert hatte, sondern auch daran, daß in den Behälter vielleicht seit Jahrzehnten kein Tropfen Wasser mehr hinein gekommen war. Ich öffnete die erste Türe. Es war nichts. V^n hier führte eine Treppe zu einem höheren Stock, wohl zur Frauengalerte. Ich machte die zweite Türe auf, hier war die Synagoge, die typische ländliche „Schul", die aber trotzdem ihre ganz eigene Note hatte. Ein für die Verhältnisse ziemlich geräumiges Haus. Die getünchten Wände geschwärzt und brüchig, dafür aber die Bänke merklich gebleicht und stark beschädigt. Almemor in der M-tte. Heilige Lade und Vorbeterpult unweit der Türe, die durch die Windungen von Eingang und Vorplatz ausgerechnet auf die Ostselte zu liegen kam. In den Pulten, auf den Bänken und auf den Fensterbrettern Ueberreste von alten Gebetbüchern, Seltchaus und Machsorim. Die Gemeinde ist bereits anwesend, ein viertel Dutzend bärtiger Greise, alle groß und aufrecht, dazu ein halb Dutzend rot- und grünbekappter Jungen: Schüler, die in der benachbarten Stadt A. die „bessere Schule" besuchen und daher nur abends zum Gottesdienst kommen. Das „Mittelalter" ist würdig vertretendurch vier oder fünf wohlgepflegte und gutgekleidete Männer, Dreißiger oder Vierziger, die sich noch so einheitlich wie in einer öffentlichen Versammlung über Geschäft und Politik unterhalten. Bei unserem Eintritt wird es stille im Raum. Mein Führer, Parnes und zugleich Chasen, tritt sofort ohne Umschweife an das Pult neben der Türe. Wer jetzt noch kommt, muß an ihm vorbeipassieren und wird von einem strafenden Blick getroffen, den er in den nächsten zehn Minuten zu Ar. 40 des nicht mehr vergißt . . . Darum befleißigt sich jeder möglichster Pünktlichkeit. Dieser Modus hat sich besser bewährt als die in anderen Landgemeinden von Seiten des löblichen Vorstandes angebrachten Bekanntmachungen und weisen Mahnungen. Es herrscht noch im Allgemeinen gute Disziplin in den meisten hessischen Landgemeinden. Eines war und blieb mir an diesem ländlichen Gotteshause einfach unbegreiflich. Wo war die Frauen galerie? Es war doch eine da, ich sah doch mit eigenen Augen eine Treppe, die zu ihr hinaufführte. Von der Männerschul aus blieb sie aber ein unlösbares Vexierbild. Ueber unseren Köpfen ein Hohlraum, der sich nach oben hoch zuspitzte, ohne von irgend, einer Seite noch eine Aufenthaltsmöglichkeit für lebende Wesen zu zeigen. Das Rätsel wurde mir erst in den nächsten Tagen klar, als ich trotz allem ganz deutlich Frauenstimmen oben vernahm. Durch einen Vorbau war es so angelegt, daß die Frauen oben, in der Runde stehend, auf die Männer herabsehen konnten, ohne von diesen gesehen zu werden. Die Alien, die diese Landsynagoge gebaut haben, waren weise Männer und haben sich sicher was dabei gedacht ... Der Gottesdienst begann. Das.„Lecho daudi" wurde nach jeder Strophe in kräftigen Akkorden von Jung und Alt gesungen. Einige Varianten der Melodie erinnerten bedenklich an ein bekanntes Wirtshauslied. Etwas Moll, etwas Geziertheit und feierliche Getragenheit genügten aber, die Töne für die Begrüßung geeignet zu machen. Die holde Sabbatbraut wußte schon, wie gut und herzlich -das gemeint war ... Glatt und einfach ging der Gottesdienst weiter, bis zum „Jigdal". Hier setzte ein frisch-froher Reitrrmarsch ein, der mich lebhaft an eine Kofakenkapelle erinnerte, die vor einem viertel Jahrhundert in einem litauischen Städtchen mein kindliches Ohr gefangen hielt. Die Melodie klappte, der Zusammenklang der Töne gar nicht übel. Aber die Worte! . . . Die armen, armen Worte und Verse, in die der Dichter die dreizehn Glaubensartikel des Maimonides mit soviel Kunst und Liebe gegossen hatte! . . . Diese kamen bitterbös dabet weg . . . Ganze Wortfamilien waren auseinandergerissen, und es schwirrten und rutschen die verwaisten und verstümmelten Glieder auf mächtig wogenden Wellen des Gesanges hin und her, suchten und haschten nacheinander und flogen doch zumeist in weitem Bogen aneinander vorbei... Als einzelner konnte ich ihnen, bei Aufbietung aller Lungmkrast, leider nicht ins rechte Geleise helfen. „Gut Schabbos! Gut Jomtow l" Die ganze Gemeinde ist um mich herum und bewillkommt mich mit Herzlichkeit, aber auch mit der gebührenden Neugierde, wie man einen aus hohen Lüften Notlandenden anstaunt. Ob ich morgen vorbete, ob ich eine Rede halten wollte? Wie sie dazu kämen, frage ich. Einfach, weil ich aus Frankfurt komme... Mein Gastgeber, der Parnes und Borbeter, bleibt wie angenagelt auf seinem Platze vor dem Pult an der Türe, bis der letzte Mann an ihm Revue passiert ist. Dann gehen auch wir. Sind das noch die gleichen Frauen von vorher, die jetzt am hell beleuchteten Tisch vor ihren Gebetbüchern sitzen? Frisch gewaschen, geputzt und geschmückt, von strotzender, natürlicher Gesundheit, sind sie Prinzessinnen. Vier Söhne tauchen neben den zwei Töchtern auf.. Der älteste ist nicht da, und der Mutter rollt eine dicke Träne die Wange hinunter. bet der Feststellung dieses Mankos. Der Julius ist nämlich kurz vor den Feiertagen von Braunschweig aus, wo er in Garnison lag, ins Feld ausgerückt. .. Ein Bürschchen von etwa 17 Jahren wird mir als der „Herr Lehrer" vorgestellt. Er ist Präparandenschüter in B. . . . und wird, wenn er zu den Feiertagen heimkommt, von seiner Gemeinde mit Rücksicht auf die Zukunft schon mit einer gewissen Achtung behandelt. Ein frischer, intelligenter Junge, der sowohl den Willen wie auch die Begabung hat, später echter Lehrer einer Gemeinde zu werden. Die Männer wandern in die Sukkoh, für die Frauen reicht der Platz nicht aus. Es werden vollgefüllte Schüsseln aufgetragen, deren Inhalt zu schildern, uns Städtern nach vier Kriegs- und Hungerjahren längst die Terminologie fehlt. Es genügt zu sagen, daß * unser Hausherr neben seinem Weißwarengeschäft gelegentlich auch schlachtet und die ganze Fleischverteilung im Orte in Händen hat. . . Nach Tisch kommt die weibliche Jugend, um auch ihrerseits den Besuch anzustaunen und zu begrüßen. Es folgen zwei Tage des Ueberfluffes, der Gastfreude, der festlichen Behaglichkeit, der frohen, warmen Gemütlichkeit, die an längst, längst verschwundene Tage sonniger Kindheit gemahnen... Da die Gemetndemitglieder den „Besuch" selbst nicht haben können, so hält man sich schadlos an den Kindern. Sie werden förmlich gewaltsam entführt. Je vor Tisch muß man sie im ganzen Dorfe von Haus zu Haus suchen, um sie irgendwo an einer reich gedeckten Tafel mit weit umgebundener Serviette anzutreffen ... In der Synagoge habe ich natürlich weder vorgebetet noch eine Rede gehalten, aber der Aufforderung, nach Schul etwas zu lernen, mußte ich Nachkommen. Ich suche nach einer Handhabe. Kein Mischnajos, kein sonstiges „Sefer" mit unpunktiertem Texte zu sehen. Eine alte -,Rödelhelmer", die ich in die Hand bekomme, ist wenigstens so freundlich, noch etwa zwei lose Blätter vom „Perek" zu enthalten. Ich stoße auf die Mischna, die vom „Verachten der Festtage" spricht. Ich drehe aus Höflichkeit den Spieß' um und spreche, mich frei vom Boden der Materie erhebend, von „Heiligen der Festtage", von der wahren Festfreude, die man im Hasten des Großstadtlebens nicht mehr so gut kennt wie in der Stille des Landes . . . Dann gehe ich noch sonst auf die Pflichten von Stadt und Land ein und bin nahe daran, auch von den Pflichten des Lündmannes* dem S ädter gegenüber zu sprechen, lenke aber, in einer plötzlichen Eingebung, daß es nicht angehe, das heilige Fest zu Hamstecagitattonszwecken auszunutzen, nach einer ganz anderen Richtung ab, steige unvermerkt in etwas weitere Höhen hinauf, um dann mit den „Ehrenwolken", die Israel auf der Wüstenwanderung begleitet haben, und an die unsere Sttstshütten gemahnen, langsam wieder auf den Boden hinabzusteigen, und schließe mit der Versicherung des Rabbi Chanaja, Sohn Akaschjas, daß Gott „nur aus Güte und Liebe uns die Thora und all die Gesetze gegeben hat..." Ich sthe mich im Kreise um. Keiner war i eingeschlafen, denn sie standen auf ihren Füßen wie weiland beim Anhören des Katsergebetes. Keiner war davon gelaufen — denn am Pulte in der Nähe der Türestand mein Parnes mit uns zugewandtem Gesichte, mit scharfem Auge, in dem großeBefrtedrgung spielte, seineGemeinde musternd: „Seht ihr, das alles habt ihr mir zu danken"... Am folgenden Tage und abends und immer nach jedem Gottesdienste, stellten sich die Gemeindemitglieder ohne weiteres still um meinen Platz herum und gingen nicht eher, als bis ich nach der vergilbten „Rödelheimer" mit den zwei losen Blättern aus dem „Perek" griff . .. ., Noch nie habeich in den anderthalb Jahrzehnten, seitdem ich in Wort und Schrift -öffentlich rede, an ein aufmerksameres und dankbareres Publikum gesprochen ... - (Fortsetzung folgt.)