Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 28-29 (9.4.1903)
- Date
- 1903-04-09
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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„Das ist wahr! Willst Du die Welt verbessern, so wirf Dich auf eine Arbeit, auf Handel, Fabriken oder Gewerbe! Arbeite und überlaß das klebrige dem Herrgott!" „Ohne Gott ist nichts!" entgegnete Jakob. „Aber wir müssen Seine gehorsamen Werkzeuge fein!' Zum Gelderwerb fühle ich keinen Beruf. Ich habe genug!" „Gelüstet'» Dich, ein Akiba zu sein, so weiß ich keinen Rath," sprach Simon: „Aber weißt Du auch, daß, wenn heutzutage wirklich Jemand einen Akiba aussäete, auf solchem Boden entweder ein Voerne oder ein' Heine geboren würde. Und ein Heine im Buche zu sein, ist hübsch, in der Welt aber — sehr unbequem!" „Ich mag nichts wissen von Heine!" rief Jakob. Alle schrieen entsetzt und entrüstet über den Gottlöfen auf. - „Dafür, daß Du nichts von ihm wissen willst," erwiderte Sinwn, „stellt er nebst dem Kladderadatsch den jüdischen Geist der Gegenwart am besten dar!" „Gerade deß'halb mag ich ihn nicht leiden," fuhr Jakob fort. „Denn dieser Geist ist mir antivathisch. Was ist das für ein Geist? Der Geist der Vernichtung, 'der Zügellosigkeit in Worten und Gedanken, des Zweifels, des Skeptizismus, des Spottes, der Kühle und der freiwilligen EÄwürdigung. Obgleich all' dies geschmückt ist mit den Perlen des Witzes und den Diamanten des Talents, ist's doch nur Krankheit und Verwesung. Aus diesem Zustande aber möchte ich Euch gerne heraussühren. Denn das ist nichts, als das Röcheln eines Sterbenden, der Vorbote des Todes!" Simon trat ihm gegenüber und nickte mit dem Kopfe. „Also: Finis Judaeonun.“ „Ja!" sprach Jakob. ..Finis Judaeoruin et Judaismi! Aber nicht aus ruhmvollen Schlachtfelde entscheiden sich unsere Geschicke, sondern auf dem Kehricht der Zivilisation. Unser Volk gleicht Jenem, der tausend Meilen weit einen Schatz nach Hause trug, ihn rettete vor Dieben und Räubern, ihn aber nicht über die Schwelle heben konnte und daher in die Pfütze warf. Wenn einst dies Heut unser Glaube und unsre Moral.../<; > , „Aber, mein Bester," sprach Simon, „was plauderst Dü da von so vorweltlichen Sachen, wie Glauben und Moral? Denkst Du, sie sind heute noch irgendwo vorhanden?" „So muß man sie auferwecken!" „Hör' mich an," flüsterte Mann, indem er, mit der Hand schwenkend, sich Jakob näherte. „Geh' lieber zu Meisel's, setz' Dich über die Bibel, wackle mit dem Kopfe und lies — uns aber laß in Frieden. Sonst witst Du —Unter-Rabbiner!" „Wär ich in der That werth, dies zu werden," ent- „Jch aber rathe Dir." setzte Simon hinzu, „widme Dich einem wichtigen Geschäfte: Erforsche alle Speisen, die verboten sind dem Magen Israels! Maimonides zählt ihrer nur einundzwanzig, das ist wenig! Du könntest Dich einbobren in den Talmud und sie vielleicht bis auf dreißig bringen! Das wäre immer ein schönes Ding!" „Vater Simon," wehrte sich Jakob, „das könnten vielleicht Viele errathen, wenn auch nur von — der Gefräßigkeit!" - „Mein Lieber," sprach Simon mit einem Seufzer, „wüßtest Du, wie schmackhaft solch' eine — Bratwurst ist!?" - - , „Siehe da, unsere Unterhaltung gelangte. Dank Euch und der Bratwurst," meinte Heinrich, „auf einen Lesseren Weg." „Laßt mich nur kutschiren," entgegnete Simon», „und Ihr werdet sehen, daß ich sofort von der langweiligen Landstraße des Ernstes ablenke!" Mann, dem Jakobs Bemerkungen und wohl auch Simon's Witze schon über die Maßen lästig geworden, unterbrach ihn: „Seht doch den Spatz an! Woher will er Wagen und Pferde nehmen?" „Natürlich!" riß sich'der unverwüstliche Simon heraus, „denkt man. bankerott zu werden, muß man bei Zeiten haben, womit man ausreißen kann!" ,;; „Wie steht's aus der Börse?" „Wie immer!" „Warst Du beim Grafen?" " - „Jawohl!" - „Empfing er Dich?" ' „Ich hoffe doch!" - ' - - ' „Was sagte er?" „Was er immer sagt: nicht viel, nichts Neues. Ihre Theorie kennen wir schon. Sir wollen^ wir Juden sollen uns das Bürgerrecht verdienen, wie der Leibeigne die Freisprechung." „Gewissermaßen haben sie Recht!" rief Jakobe \ „Wieso Recht?" brauste Mann auf. „Haben wir nicht als Menschen, die auf dieser Erde geboren wurden, dieselben Rechte von Natur, wie diese? Sind diese Tölpel etwa besser, als wir? Oder haben wir uns durch die zahllosen, jahrhundertelang ertragenen Demüthrgungen noch immer nichts verdient?" „Mit Verlaub?" unterbrach ihn Jakob. „Nach dem Naturrechte sind wir Me gleich, das ist wahr! Aber . neben den Rechten stehen hier auch Pflichten! Wenn wir nicht mit der ganzen Gesellschaft gemeinschaftlich Lasten tragen, entäußern wir uns selbst unserer Rechte!" (Fortsetz, folgt.) gegneie Jakob, „ich würde lehr stolz darüber sein!" Verantwortliche Nedaction: OS rar Leh mann kn Mainz — Exvedition deS ^iSraelit". SSattstraßr Nr. L Mainz. ' , - Druck und Verla« der Iah. WirtS'sLen HokbuchdruSerel Aetlen-Gerellschakt in Mainz. - C ‘t—