Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1903)
- Date
- 1903-12-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IuderiLhum. 4 Dez. 190:Z.I WttliriHe ilfiltnje;u jf° 97. lNr. 7. V/ \/ v v \/ \y \/ \/ v Xy y y v v/ v/ » x, A /\ A ./\ /\. /\. /X A (^itif tiiifliüounöit’ öfr Tiitönnü. Ein glückliches Studium und dessen glückliche litterarische Verwerthung kommt unbedingt einer glücklichen Entdeckung zum Heile der Menschheit gleich. Das gilt in vollem Matze von den sieben Schriften des Dr. Franz S ch e i ch l, Professor an der Handelsakdemie in Linz. Wer diese sieben Schriften: Glaubensflüchtlinge aus England, Schottland und Irland (1896), Glaubensflüchtlinge aus Deutschland und die Duldung im 16. Jahrhundert (1897), der Buddhismus und die Duldung (1899), die Duldung im alten Aegypten (1900), die Duldung in Babylonien, Assyrien, Perssen und China (1902), das Griechenthum und die Duldung (1903) (Gotha, Verlag von Justus Perthes) durchliest, wird überzeugt sein, dass das allgemeine Durchdringen derselben bedeutungsvoll auf das Zusammenleben der Menschen einwirken mutz. Der Verfasser hat einen gewaltigen Fleitz mit giotzartigem Verständniß auf diese Arbeiten verwendet und kein Bädecker könnte uns so geschickt über das Erdenrund herumführen, wie es hier Dr. Scheichl gelungen ist, unseren Geist unermeßliche Räume und Zeiten gleichsam im Fluge überschauen zu lassen. Vermöge der glücklichen Wahl des Standpunktes, alles vom Gesichtspunkte der Duldung zu betrachten, gleitet sanft belehrend die Kulturentwicklung und die Geschichte der wichtigsten Völker und Reiche auf Erden an unserem Geistesauge vorüber. Die harmonische Vertheilung von den Schattm schauerlicher Unduldsamkeit und von dem Lichte schmerzheilender Duldung, von den Schrecken des Nordens, der Verfolgungen, der gewaltsamen Bekehrungen, der unterdrückten Gedankenfreiheit und der ungerechten Zurücksetzung ohne aussichtsvolles Ziel unter stetem Wechsel der Machtusurpatoren und von den freundlichen Gefilden verträglicher Denkarten macht es uns begreiflich, datz sich die so oft tief verwundete und zerwühlte Menschheit immer wieder zur Frische und Le- *) Gotha. Verlag von Justus Perthes. bensfreude erholen konnte. Dr. Scheichl erkennt auch ganz genau, daß Religion und Glaubenslehren nicht die einzigen Würgengel im Dienste der Unduldsamkeit und Unverträglichkeit sind. Mit Religion und Glaubenslehren würde noch keinesfalls die Unduldsamkeit von der Erde geschwunden sein. Nationale, politische, soziale, wirthschaftliche und Machtverhältnipe sind vielmehr die Anreger auch aller religiösen Unduldsamkeit. Die Götter, für welche man so oft kämpft und mordet, sind genau besehen, nichts anderes, als der Ausdruck der verschiedenartigsten Machtbestrebungen und Abgöttereien. Die Unduldsamkeit ist darum nicht minder auf Seiten des Freisinns und der Sektiererei, als auf Seiten der Strenggläubigkeit anzutreffen. Eine sehr wichtige und über alles maßgebende Frage aber entscheidet Dr. Scheichl in seinen Schriften wohl nicht direkt, dennoch aber in vollster und überzeugender Klarheit: die Frage nämlich, ob im weltgeschichtlichen Verlaufe die Unduldsamkeit oder Duldung mehr Erfolge anfzuweisen habe. Das Resultat leuchtet aus solcher, ganz unbefangen objektiver Darstellung um so wirksamer hervor. Die Unduldsamkeit hat immer Niedergang, Zerstörung, unsägliches Weh, allgemeine Unsicherheit und Untergang zur Folge. Sie ist steril, hemmt die menschliche Entwicklung, lähmt die Kräfte, erschöpft die Machtmittel, legt sich wie ein Gottesfluch über die Erde und ist schließlich noch immer unterlegen. Die Duldung allein war immer noch berufen, die Menschenwürde wieder aufzurichten, die schlimmsten Gebrechen zu heilen, den Gottessegen wieder herzustellen. Die Duldung ist Bedingung menschlichen Zusammenlebens, der sicherste Schutz gesellschaftlicher Ordnung, der Moral, der Gerechtigkeit und der Liebe. Betont auch Dr: Scheichl dieses.Ergebnis seiner überaus fleißigen, wohl geordneten und tatsächlich auch erschöpfenden Studien nicht erst besonders, so wird ibm doch jeder einsichtsvolle Leser gerne die Krone des höchsten Verdienstes um die Aufklärung einräumen. Wir empfehlen auch mit Begeisterung