Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1903)
- Date
- 1903-07-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449940--58621-2523048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Moldau bereist, sog. Enqueten veranstaltet und verschiedene photographische Aufnahmen gemacht hat. wobei Bel Jor einen Juden in Darabani frug, wieviel Geld die dortigen Juden nach Frankreich für die Affaire Dreyfus geschickt hätten. Endlich lind wir noch in der Lage zu melden, daß sämmtliches statistisches Material, welches Verax verarbeitet hat. vom Ministerium des Innern geliefert worden ist; daß auch der Ministerpräsident ein Scherflein zur Arbeit beigetragen hat; und daß alle antisemitischen Flugschriften, die je in Rumänien erschienen sind und noch aufzutreiben waren, von Verax verwendet worden sind. Trotz alledem versucht es der Verfasser, sich in den Mantel der Objektivität und der Wissenschaftlicheit zu hüllen, was bei Uneingeweihten wohl verfangen dürfte, unmöglich aber einen Kenner der Verhältnisse in Rumänien täuschen kann. Vorerst arbeitet Verax mit den statistischen Tabellen, als ob diese Muster von Genauigkeit wären. Es sind dies zumeist Tabellen aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, und deren Werth dürfte zur Genüge dadurch gekennzeichnet sein, daß, nach Angaben rumänischer hochstehender Persönlichkeiten, selbst die neueren statistischen Tabellen nicht auf Vollkommenheit Anspruch erheben dürfen. Dann aber vernachlässigt Verax die gesammte rumänische Litteratur, die nicht in seinen Plan hineinpaßt, so die geschichtlichen Dokumente und Grabsteinabschriften, welche schon vor Jahrhunderten das Bestehen jüdischer Gemeinden in Rumänien bestätigen, so die Ausführungen vieler hervorragender Juristen, aus denen hervorgeht, daß die Juden sich in früheren Zeiten gewisser Rechte und Vorrechte erfreuten, deren Fremde nicht theklhaftig waren. Ja Verax findet nicht einmal die Gelegenheit zu erwähnen, daß die Juden das Gemeindewahlrecht noch vor dreißig Jahren besaßen und ebenso das Wahlrecht für die Handelskammern, während sie heute trotz des großen Antbeils, den sie am rumänischen Handel haben, vom aktiven und passiven Wahlrecht für die Handelskammern ausgeschlossen sind. Verax will auch beweisen, daß. seit man den Juden den Ausschank geistiger Getränke auf dem Lande verboten habe, der Alkoholismus auf dem Lande abgenommen hätte. Das ist so wahr, daß nie die Klagen größer waren über die Gefahren des Alkoholismus auf dem Lande, als gerade jetzt. Die Regierung greift denn auch zu verschiedenen Maßregeln, um dem zu steuern, ja man denkt sogar an ein Alkoholmonopol, wofür auch Herr Aglave einigemal zu Ratbe gezogen worden ist. Ebenso hat die Fälschung geistiger Getränke Riesenfortschritte gemacht, und vielleicht erklärt dies die Mnabme der Spiritusproduktion, wenn hierzu nicht die Sperrung der österreichischen Grenze für da? rumänische Vieh und die damit verbundene Schließung vieler Svirtüsbrennereien genügen sollte. Die jüdischen Kaufleute kommen in dem Buche am schlechtesten weg. Es gibt keine böse Eigenschaft, welche sie nicht auszeichnen wurde. Und doch hätte aus seinen eignen Tabellen Verax ersehen können, daß Jahrzehnte hindurch allein diese jüdischen Kaufleute den rumänischen Handel mit dem Auslände reprasentirt haben, wie es heute noch zum größten Theil der Fall ist; daß diese Juden einstens das einzige Band zwischen Rumänien und dem gebildeten Westen Europas waren, und daß trotzdem der rumänische Handel glänzende Fortschritte gemacht, daß er von ganz unbedeutenden Anfängen sich noch, als die Juden fast ausschließlich Vertreter des Handels waren, zu großer Bedeutung entwickelt hot. Aber dafür bat Verar keine Angen. Er will ja nur beweisen, wie schlecht und niederträchtig die jüdischen Kaufleute sind. Dazu bieten ihm die Statistik der Fallissements einige Zahlen. Die Juden sollen nämlich, obzwar sie im Kaufmannsstande nunmehr die Minderheit bilden, einen größeren Prozentsatz Fallissements als die Christen liefern. Wie weit auch diese Zahlen auf Genauigkeit einen Anspruch erheben können, ist schwer zu sagen. Angenommen aber, sie wären richtig, so ließen sie sich ja sehr leicht dadurch erklären, daß die meisten jüdischen Kanfleute ihren Handel in der Moldau betreiben, wo die Bebölkeruno, nicht weil die Juden dort wohnen, sondern eher trotzdem sie dort wohnen, in erster Reibe aber wegen der Art der Bodenbearbeitung, die unter ganz anderen Bedingungen als in der Walachai stattsindet. sich in größerer Noth und Vedürfnißlosigkeit befindet, daß der Handel hier also öftere und größere Krisen durchzumachen hat. Statistische Zahlen könnten hier etwas beweisen, wenn nämlich aus ibnen zu ersehen wäre, welche' Summen bei diesen Fallissements in Betracht kämen, dann würde sich vielleicht ein Resultat ergeben, welches den jüdischen Kaufleuten nicht ungünstiaer sein würde, als den christlichen. Mehr auf dieses Werk einzugehen, ist hier nicht der Platz. Diese Ausführunaen mögen aber einen ungefähren Begriff geben von der neuen Arbeit der rumänischen Regierung über die Judenfrage. Verar meint, alle gebildeten Rumänen müßten aus den Gerichisakten jene Fälle herausschreiben, in denen Juden als Schwindler, Verbrecher u. s. w. fiauriren. Das sind Kindereien. Jede Volksklaste hat ihre Verbrecher und mit solchen Dokumenten gäbe es keine Nation, auch nicht die zivilistrteste. die nicht angefchwärzt werden konnte. Aber eines beweist dieses Buch doch, nämlich, daß die führenden Leute Rumäniens sich noch immer auf den Standpunkt versteifen, daß es den Juden in Rumänien noch zu außgehe, und daß man zu der langen Liste der argen dieselben gerichteten Gesetze noch neue hinzufugen müßte. Endlich, daß die vielen vernünftigen Stimmen, die selbst unter den Rumänen sich zu Gunsten der Juden erhoben haben, kein Gehör finden, sondern daß man in den geübten Prinzipien, die dem Lande ebenso I schädlich sind wie den Juden, sortwirken will. (F. Ztg.)