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Der Israelit · 1903-11-19 · Heft 92 (19.11.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 92 (19.11.1903)
Date
1903-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. Klage z« M 92 des «Israelit«. „Hasset Eure Freunde!" Nur selten, in Fällen wie Kischinew und Homel, wenn menschliche Bestien sich daran ergötzen, wie Frauen und Mädchen geschändet. Kinder vom zweiten Stockwerke der Häuser auf die Straße geschleudert werden, erfährt der westeuropäische Zeitungsleser von der Existenz einer Judenfrage in Rußland, die wie ein Stück Mittelalter sich in der Geschichte der modernen Welt ausnimmt. Und doch ist die Lage der russischen Juden derartig, daß sie, bei näherer Bekanntschaft mit ihr, das Rechtsbewußtsein jedes Menschen mit Entsetzen erfüllt. In einem Schreiben an den Zionistenführer Dr. Theodor Herzl meinte Minister von Plehwe: „Ich halte es für nöthig, hinzuzufügen, daß die russische Negierung in der Judenfräge niemals von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist." Der große deutsche Mann, Theodor Mommsen, der soeben aus dem Leben schied, bezeichnet die Lage der Juden in Rußland — in seinem Vorwort zu dem vor kurzem in zweiter Auflage erschienenen Werke des Brüsseler Professors Leo Errera: „Die russischen Juden, Vernichtung oder Befreiung", als den „dunkelsten Flecken unseres Jahrhunderts". Daß von Plehwe, als der höchste Vertreter der russischen Regierung, niemals von den „großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist," wird kaum jemand bezweifeln. Daß aber manchmal auch Mommsen recht haben kann, wenn er der Ueberzcugung von Plchwe's widerspricht, wollen wir durch einige Beispiele aus der russischen „Gesetzgebung" über die Juden zu illustriren versuchen. Wer die sog. „Ansiedelungsrayons", die einzelnen Gouvernements, in denen sich die Juden aushalten dürfen, nicht aus persönlicher Anschauung kennt, kann sich kaum eine Vorstellung machen von all dem Elend, von all dem namenlosen Leiden, dem die unglücklichen Bewohner dieser Provinzen unterworfen sind. Wer nicht Hunger .und Gram aus den Augen dieser Märtyrer des zwanzigsten Jahrhunderts hat herausstieren sehen, der weiß nicht, was für eine stumme Tragödie von Menschenmillionen sich in diesem Staate abspielt, der geographisch zu Europa gehört. Man müßte Bände schreiben, wollte man die kasuistischen und raffinirten Gesetzeseinschränkungen, durch die das Leben der russischen Juden in eine Hölle auf Erden verwandelt wird, annähernd charakterisiren. Nur einige Gesetzesbestimmungen sind hier am Platze, die ein bezeichnendes Licht auf die russische Regierung werfen, die „nie von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist." Prof. Errera fragt nach Aufzählung unendlicher Beschränkungen, in seinem Eingangs erwähnten Buche: „Soll man es schließlich sagen? Das Recht der Niederlassung in den Städten des ganzen Rußland ist . den öffentlichen Mädchen gewährt, zu welchem Zwecke man sie mit einer gelben Karte versieht. Diese ehrenrührige Karte ist schon von ehrbaren Jüdinnen, die in gewisse,.ihnen fast verschlossene Großstädte gelangen wollten, .nachgesucht worden. Anatole Leoroy-Beaulieu hatdie seitdem oft wiederbolte Geschichte eines jungen^ Mädchens erzählt, das nach Moskau gekommen war, um die Stenographie zu erlernen, sich als. öffentliche. .Dirne einschreiben ließ und die gelbe Karte erbat, die. sie erhielt und bei sich tragen mußte. Nach - einiger Zeit wurde sie von der Polizei ausgewiesen, weil man.mittlerweile durch die Ueberwachung des jungen Mädchens die Ueberzeugung erlangt hatte, daß sie ihr Gewerbe — nicht ausübe. Ist die russische Negierung jemals von „den großen Grundsätzen der Moral und. Menschlichkeit abgewichen?" Oder: Ist es etwa nicht unmenschliche von „den großen Grundsätzen der Moral" nicht abweichend, .wenn man in Rußland die Aufnahme von Krankenin die Hospitäler verweigert, wenn sie Juden sind, trotzdem diese alle Steuer zahlen und in der Armee dienen? Trotzdem sie der Armee verhältnißmäßig viel mehr Soldaten als die übrige Bevölkerung liefern? Professor Errara erinnert daran, daß. der Genfer Vertrag vorschreibt.. allen Kranken und Verwundeten ohne Unterschied Hilfe und ärztliche Pflege zu gewähren. Die russische Negierung aber — schreiht.Professor Errara — bietet ihren jüdischen Unterthanen. die . in Rußland geboren sind und die in ihrer Armee. gedient haben, was eine zivilisirte Nation selbst in Kriegszeiten ihren Feinden nicht bieten würde. . Sie huldigt also dem Grundsätze: „Hasset Eure Freunde!"- . Wenn man das tapfere, ehrliche Buch des Brüsseler Professors liest, der sich nur an die Thatsachen hält, begreift man den Ausruf: „Ich möchte lieber behandelt sein wie ein Betrüger, ein Fälscher oder ein .gemeiner Mörder, als wie ein ehrlicher, russischer Jude!" Der von den „großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit" nicht abweichende Herr von Plehwe ist verantwortlich für die Judenkrawalle von Kischinew und Homel, die in Szene gesetzt wurden; damit für die Unzufriedenheit des Volkes ein Ableitungskanal geschaffen würde durch dw Aufhetzung der Massen gegen die Juden. Vergebens! - Das russische Volk ist erwacht. Es hat seine Unterdrücker durchschaut.. Schon, tauchen am Horizont des großen Reiches dunkle Wolken auf. die nicht eher schwinden werden, bis ein furchtbares

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