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Der Israelit · 1904-07-28 · Heft 60 (28.7.1904) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 60 (28.7.1904)
Date
1904-07-28
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Wxtra-Mrilage M bl) 8es »Äsvaelil". krMK, Vertrauensseligkeit — oder Thal?’) Ein ernstes Wort an die Gesetzestreuen außerhalb u. Innerhalb des zionistischen Lagers« Die kritische Beleuchtung der Roth'scher. Broschüre über den Zionismus, die an dieser Stelle erschien, hat seiner Zeit bei Frtund - und Feind Aufsebcn errege. Man mag sich darüber entrüsten, daß ein Student es wagt, die aus ehrlicher Ueberzeugung fließenden Argumente des Papacr Oberrabbiners schonungslos zu zerpflücken, man mag in den ohne Wenn und Aber mit fast brutaler Schärfe herausgearbeiteten prinzipiellen Gegensätzen eine gute Dosis jugendlicher Verstiegenheit erblicken. ja den ganzen Ton der Darstellung als ungehörig verurtheilen — die Klarheit der Beweisführung und die ungezwungene sachliche Uebereinsiimmung mit den Grundsätzen des überlieferten Jud;nthums liegt dennoch für jeden Unbefangenen auf Seiten des jüngeren Gelehrten und nicht des Rabbiners. Ich glaube das vorausfchicken zu sollen, weil ich trotz prinzipieller Anerkennung der in den kritisch-n Artikeln vertretenen Prämissen zu anderen Folgerungen komme wie der Artikelschreiber selbst, und weil ich meine, daß aus seinen Aufstellungen mit innerer Nothwendigkeit eine Fortentwicklung des rein negativen Standpunktes folgen muß. Wenn wir das Verbältniß des überlieferten Jadenthums zur zionistischen Doktrin etwas genauer prüfen und nach der Einzelvergleichung — die mir y~r Genüge stattgefnnden zu haben scheint — schließlich uns bemühen, Differenzpunkte und Uebercinflimmendes in eine kurze Formel zu fassen, so ergibt sich meines Erachtens, daß die U e b e r e i n st i w m u n g in den concreten Zielen, das trennende Moment aber in dem geistigen Gehalt, dem inneren Sinne des Erstrebten liegt. Die Belebung des Nationalbcwußtseins. die Besiedelung des beiligen Landes, die Erweckung jüdischer Eigenart und jüdischer Sitte, jüdischer Sprache und Geifteskultur -- alles das sind Postulate, die in dieser allgemeinen Form dem Iudenihume und dem Zionismus gemeinsam sind. Das Bild wandelt sich aber sofort, wenn wir ebrlich und unbefangen mit der Analnse der Begriffe beginnen.. Dort, im Geiste des Zionismus, ist der Be yriss des Nationalen nach Form und I n - halt identisch mit dem allgemein gültigen, d. t der Inbegriff der nationalen Güter das schlechtweg B edingende ist Wohlfahrt und Entwicklung der Gesammtbeit. Ans ihr erwachsen gleich Wissenschaft, Kunst, Wirthschaftsleben. auch Religion und soziale *) Man orrgl. Artikel „Mainz" im Hanytblart. Redaktion Sittlichkeit, und ihr haben sie sich, wie Kinder einer Mutter zu unterorbnen. Hier dagegen, im alten Iudenthum die eigensinnige Lehre von einem vielseitigen, reich entwickelten Nationalleben, das lediglich als Mittel zur Verwirklichung des religiösen Gesetzes dienen soll. Das Gesetz das Bedingende, die Nation mit all ihrem Wollen und Werden das Bedingte und Abhängige. Ganz ebenso erscheint die Besiedlung des heiligen Landes dort als Ausfluß eines politischen Realismus, der mit den nun einmal historisch gewordenen idealen Triebkräften rechnet — hier ist das gleiche Streben wiederum von ganz anderen Motiven veranlaßt, ist einerseits die Erfüllung eines religiösen Gebotes, andererseits von dem Glauben an besonders geartete psychische Wirkungen der palästinensischen Lebensbedingungen eingegeben. Jüdische Sprache und Sitte sind dort Selbstzweck oder dienen höchstens zur Festigung der nationalen Eigenart, hier wird die Sprache geliebt, weil sie das Gefäß der Gottesgcdanken gewesen, die Sitte, weil sie ein Zaun ist um das Gesetz. So sehen wir auf der ganzen Linie U e b e r e i n st i m m u n g in den praktischen Zielen, eine gähnende Kluft in Gesinnung und Motiven, ja eine völlig verschieden geartete Auffassung gleichklingender Begriffe. Wie mir scheint, wird im Lichte dieser Feststellung ein Doppeltes begreiflich: die Zustimmung, die der Zionismus bei ernsten und zweifellos gesetzestreuen Männern gefunden, und die scharfe Zurückweisung, der derselbe Zionismus doch im orthodoxen Lager andererseits begegnet. Drei Kategorien von Beurlh.ckern werden aus Grund der äußerlichen Uebereinstimmung dem Zionisn:ns ohne weiteres ihr Placet geben: Die Oberflächlichen, die Weltfreniden und die diplomatisch Klugen. Die Ersten übersehen den inneren Gegensatz über der äußeren Analogie. Die Zweiten vergessen ihn in dem unbestimmten Gefühle, daß die Spuren des kommenden Messias aus der zionistischen „Rückkehr in's Vaterhaus" ihnen entaegenleuchten. Die Dritten endlich verhehlen sich die Gegensätze nicht, aber sie vertrauen ihrer eigenen Klugheit, die sie befähigen werde, gedeckt von der gemeinsamen nationalen Flagge, von der Woge der nationalen Begeisterung getragen, das Schifflein mit dem köstlichen Gute ihrer religiösen lleberzeugung ohne Fährniß in den Hofen zu steuern. Ob solches Vertrauen gerechtfertigt ist, und wenn nicht, ob es dennoch einen Weg gibt, auf dem nach vernünftigem menschlichen Ermessen die reichen Kräfte,

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