Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 15-16 (26.2.1903)
- Date
- 1903-02-26
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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354 worden^ sondern stets rächte er sich mit unersättlicher Rachgier. Der Verstand, der in ihm vorherrschte, hemmte gefährliche Ausbrüche der Leidenschaft. Schon das erste Jahr meines Aufenthaltes in der Hauptstadt ließ mich diese Welt erkennen, als eine ungemein künstliche, aus tausend verschiedenen Rädern zusammengesetzte Maschine, als ein Spiel mit Menschen, Interessen, Leidenschaften, Schwächen, Gelüsten, Ehrgeiz und Spekulation, aus der man sich geschickt herauswickeln muß, um nicht zermalmt zu werden. Täglich überzeugte ich mich, daß ich nicht geschaffen sei für dieses künstliche Leben, in dem man, nach den Warnungen meines Verwandten, unaufhörlich Komödie spielen muß. Ich wählte mir einen anderen Weg, nahm mir vor. auch mit dem „Durchschlage" zu gehen, aber offen und frei heraus. Leute, die immer von sich auf Andere schließen, fanden auch darin eine Art von Komödie oder Berechnung. Man schrieb mir also Verstand und Raffinirtheit zu, und das hielt man nicht für allzu schlimm. Ich kann nicht darüber klagen, daß es mir mit meiner Einfalt schlecht erging. Aber in dieser Welt des Schwindels galt ich mit meiner Wahrhaftigkeit, Offenheit, meinem Ueberzeugungsmuthe, wie ich später erfuhr, für einen geschickteren Schwindler, für eine Art von Barnum, der nur jenen ungewöhnlichen Charakter angenommen, um desto größeren Eindruck zu machen. Anders konnte es nicht sein. Tief überzeugt, aufrichtig redend, und für meine Grundsätze kämpfend, erlangte ich nur den Ruhm eines vielversprechenden Komödianten. Es ging ihr nicht in den Kopf, daß Jemand Ueberzeugungen und Grundsätze haben und in deren Namen den geraden Weg gehen solle. Dies empörte mich, aber es gab mir einen Maßstab für die Menschen und die Zeit, in der Nichts weiter gilt, als der Spruch, auf dem Alles beruht: .,Äluncku8 viMdeeipi. ergo decipiatur V‘ Mein einziger Trost in diesen schweren Tagen der Ruhe und des Zweifels war Tikda. Schon mehr als zuviel erzählte ich Ihnen, wie heiß ich sie liebte, und was diese unsere Liebe war: Eine stille Bliithe, verborgen im grünen Laube! Mit ihr wenigstens konnte ich, ohne Verdacht zu erregen, aufrichtig sein. Ihr Gefühl, treffender als alles Vernünfteln, gab ihr den Glauben an mich und meine Worte. Wir sprachen von Allem, was sonst nicht Gegenstand einer Unterhaltung zwischen einem jungen Mann und einer jungen Dame zu sein pflegt. Aber Tilda war auch weit höher und ernster gebildet, als Mädchen ihres Alters und Standes gewöhnlich sind. Ich weiß nicht, durch welch' ein Wunder Unterricht, Nachdenken und Forschen in ihr das Herz weder berührt, noch abgekühlt hatten. Manche Dinge jedoch konnte ich nicht mit ihr besprechen. Denn bei ihrer nüchternen Würdigung konnte sie leicht meine Meinung über ihren Vater erkathen, für den auch ich. trotz alledem, Hochachtung hatte. Auch ihre Liebe zu ihm mochte ich nicht gern abschwächen. Ich fühlte jedoch aus zufälligen Erwähnungen heraus, daß sie, obgleich sie ihn liebte, doch überaus betrübt über ihn war. Seine Lebensweise vermuthete sie mehr, als sie sie kannte. Denn er verstand es, sie so einzurichten, dass er mit der Befriedigung jeder Leidenschaft den Anstand und das strengste Decorum vereinte. Nach einem Jahre Stillschweigens brachte mein Vormund, ich weiss nicht, ob zufällig oder absichtlich, das Gespräch wieder auf Glaubenssachen. Sichtlich wollte er erforschen, welchen Eindruck der längere Aufenthalt in der Hauptstadt auf mich gemacht. Er hoffte wohl, mich , gleichgültiger zu finden, und wunderte sich nicht' wenig, als er mich noch exaltirter sah. Kaum merkte er, daß er eine Saite berührt, die für ihn einen falschen Klang gab, so gab er sofort die begonnene Forschung auf. Einige Tage später empfahl er mir Häuser, die ich, wie er wünschte, besuchen sollte, nachdem er berechnet, daß diese Gesellschaft auf mich einwirken könne. Eines dieser Häuser, und in der That ein merkwürdiges, war das einer sehr vermögenden, israelitischen Familie, vom Stamme Levy, deren zahlreiche Mitglieder in vollkommener Eintracht lebten, obgleich das Eine Israelit geblieben, das Andere zum Protestantismus übergetreten war, und ein Drittes den Katholizismus angenommen hätte. Mein Verwandter stellte sie mir als ein Beispiel und Vorbild vcn Gleichgiltigkeit in Glaubenssachen hin, welche Eigenschaft ihm als ein Vorzug, mir dagegen als eine räthselhafte, erniedrigende und unverzeihliche Seltsamkeit erschien. Bei der Berührung mit. diesen Herren überzeugte ich mich, daß sie m der. That absolut gar keine Religion besaßen. Ein trockener, nicht einmal sehr logischer Rationalismus, der vor Allem auf weittragendere Fragen sich niemals tiefer einließ, ersetzte ihnen Alles. Oft berührte ich im Gespräche mit ihnen unsere Traditionen, und fand entweder erstaunliche Unkenntniß derselben, oder gleichgültiges Verläugnen, oder skeptische Auslegungen. Ich mußte mich zu ihrem Schutze aufstellen. Aber damals, als ich mich anschickte, heiß zu kämpfen, beliebte es nicht einmal Jemanden, mit mir in die Schranken zu treten, solch' ein Aergerniß war es sogar, zu israelitischen Grundsätzen sich zu bekennen. Den Kummer, welcher in Tildas Seele herrschte, fand ich fast in der ganzen weiblichen Gesellschaft. Sie theilte sich nur in zwei große Lager: in leichtlebige, nicht denkende Frauen, ohne alle Grundsätze, und in Solche, die zwar edlen Instinkt besitzen, sich aber nicht bethätigen können aus Mangel an Fonds, und da sie auch nicht verstehen, sich zu rechtfertigen, in stetem Kampf und Leid, in Ahnungen und Sehnsucht, kurz, unglücklich leben. Das eben fehlt ihnen immer, was der Mensch aus der Vergangenheit seines Stammes und seines Volkes schöpft, und um dessentwillen er, wenn er sich freiwillig davon lossagt, traurig und voll Kummer herumirrt. Keine dieser Damen wagte es. sich offen als Jüdin zu bekennen. Alle wollten sie zur neuen Welt gehören, ober in dieser Welt wissen sie nicht, wo sie Schutz suchen sollten. Ich wunderte mich nicht über sie, als sie sich mit sehnsuchtsbangem, verwüstetem Herzen insgeheim Eurem Glauben zuwandten; einen eigenen hatten sie nicht, und den erforderte doch ihre Seelennoth." (Fortsetzung folgt.)