Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1903)
- Date
- 1903-02-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Amt^ oder wird mir auch Zeit bleiben für geistige Ve^ schäftigung und Thaurohstudium? Und wenn er im Leben auf etwas stößt, was in irgend einer Beziehung mit dem Höchsten und Heiligsten, mit seiner Thauroh kollidirt, dann geht er diesem gefährlichen Ding lieber vorsichtig aus dem Wege, um sich überflüssigen Kampf zu ersparen. Und da ist es ganz gleichgiltig, in welcher sozialen und materiellen Lage er sich befindet, ob sein Geldbeutel gefüllt oder leer, ob er niedrig steht oder' hoch. Da ist ein armer, kranker Mann — zu Hause sitzt ihm ein hungerndes. Weib, und hungernde Kinder jammern nach Brod. Es ist Schabos. -Er hat Aussicht, heute auf irgend eine mit dem Schabos kollidirende Weise ein vermögender Mann zu werden, und so für immer mit einem Schlage sich und seine darbende Familie aus Noth und Elend zu befreien. Läßt er den Schabos ungenutzt vorüberstreichen, verliert er auch die günstige Gelegenheit hierzu. Darf er den Schabos entweihen? Nein, sagt die Orthodoxie, erst die Religion, dann der Magen'— lieber Bettler und gesetzestreu, als Fürst und abtrünnig — nein, sagt die Orthodoxie, bleibe Bettler, bleibe arm, und hättest Du niemals Aussicht, vom Elend befreit zu werden, bewahre die am Sinai beschworene Treue Deinem Gotte, der Dir das Elend schickt. — Und dieses „Nein" der Orthodoxie, dieses halsstarrige unerbittliche „Nein" — es hat das Judenthum erhalten bis auf den heutigen Tag, trotz Kerker, Folter und Scheiterhaufen, trotz Judenblut und Judenthränen. So denken wir. Da taucht nun eine Bewegung auf. Sie will nicht ein Individuum befreien, sondern ein ganzes Volk. Dieses Volk leidet furchtbar. Es gibt eine geistige und eine materielle Judennoth. Man will diese Noth aus der Welt schaffen, oder doch zum wenigsten, so weit es möglich ist, lindern. Nicht mit Hilfe des Almosens, des Bettelpfennigs. Nein, das nützt ebensowenig, als wenn man ein gelöchertes Faß füllen wollte. Radikale Hilfe wird erstrebt durch Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte für leidende Juden. Allgemeine Judenflucht vor Hunger und Haß ist das nebelhafte, verschwommene Zukunftsbild der zionistischen Bewegung. Hunger und Haß — sie. haben den Zionismus geboren. Das jüdische Massenelend in Rußland und Rumänien, der gesammt-europäische Judenhaß, das sind die beiden Pole, um die sich der Zionsgedanke bewegt. Man ist irre geworden an der Assimilationsfähigkeit des jüdischen Stammes, darum hat man den Gedanken der vollkommenen und allgemeinen Judenverschmelzung fallen gelassen, und nach einem anderen, , besseren Mittel gesucht, die Judenfrage zu lösen. Man glaubt nun jetzt, dieses Mittel in dem Zionismus gefunden zu haben. Findet irgend ein unbekanntes Genie morgen oder übermorgen ein besseres Heilmittel für die Judenkrankheit — dann wird der Zionismus übermorgen mit deinselben Unmuth fallen 214 gelassen werden,. wie der Assinnlationsgedanke vorgestern ad akta gelegt worden ist, und so fort in iuiinitiim. Jedoch alle diese Medikamente, die in der Zukunft — vielleicht — noch zusammen gebraut werden von unklar schwärmenden Utopisten oder eigennützig auacksalbernden Charlatanen, werden bei der chemischen Untersuchung unter ihren Bestandtheilen stets den Gedanken der nur als Privatsache Werth und Giltigkeit habenden Religion aufweisen. Warum? Ist es doch dieser Gedanke allein, der die Arznei für jeden genießbar macht. Man fürchtet — vielleicht nicht mit Unrecht — daß sich die Religion wie ein zentnerschweres Bleigewicht an die Bewegung heften wird, daß sie mit ihrem naseweisen und vorlauten, vieltausendjährigen Protest gegen tollkühn menschliches Selbstvertrauen das ruhige Gleichgewicht, die harmonische Entwicklung stören könnte. So spielt die Religion auch im Zionismus die Rolle der alten Witzblatt-Schwiegermutter, die man achten, ja, liebenswürdig behandeln muß, die man aber in mißmuthigen Augenblicken am liebsten — todtschla gen möchte. . „Nun sag, wie hast du's mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub', du hältst nicht viel davon." (Fortsetzung folgt.) Zeitrmgsnachrichte« und Corresponvenzen. D e u t f ch l a n d. Berlin, 1. Febr. Wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft hatten sich gestern, nachdem der Prozeß mehrfach vertagt worden war, der Redakteur Dr. Böckler (Staatsbürgerzeitung) und der Schriftsteller Paul Koch wieder vor der 1l. Strafkammer des Landgerichts k, unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Opitz zu verantworten. Die Anklage vertritt Staatsanwaltschaftsrath Schmidt. Die Vertheidigung führen die R.-A. Simons und Dr. Jüngst. Seitens der Staatsanwaltschaft war Professor Dr. Strack als Sachverständiger geladen, die Vertheidiger hatten den Professor Eduard König-Bonn, Pfarrer Krösell und Professor Smend-Göttingen geladen, von denen nur der letztgenannte erschienen war. Beide Angeklagte wurden wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschast zur Verantwortung gezogen. Die „Staatsbürgerzeitung" hatte eine Umfrage über „Blutmord" veranstaltet, und in ihrer Nummer vom 22. September 1901 einen Artikel des Angeklagten Paul Koch veröffentlicht, in welchem ausgeführt wurde, daß die Juden sich vergeblich gegen die Behauptung, daß sie „Ritualmorde" begehen, wehren. —- Angekl. Dr.