Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1902)
- Date
- 1902-12-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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2059 dische Wohlthätigkeit hat im Falle Bobruisk einmal gründliche Arbeit gethan. - . A m e r i t a. Newyork. (Die Juden in Amerika.) Die antisemitische Presse hat der Note des Staatssekretärs der Vereinigten Staaten, Mr. Hay, über die Judenverfolgungen in Rumänien die Deutung geben wollen, als handle es sich bei der Union nur darum, die Einwanderung der Juden abzuwehren. Daß diese Presse vermöge des Tiefstandes ihrer ethischen Anschauungen nicht im Stande ist, einen anderen als den „Geschäftsstandpunkt" zu begreifen, ist wohl jedem edelveranlagten Menschen von vornherein klar. Ebensowenig ist sie befähigt, sich von der liberalen Presse eines Besseren belehren zu lassen. Allerdings muß man dann auch bezweifeln, daß sie einer unzweifelhaft unparteiischen Stimme, der eines demokratischen, unabhängigen, amerikanischen Journals, Gehör schenken werde. Aber selbst auf die Gefahr hin, daß sie auch dieses vollständig jeder spezifischen Judenfreundlichkeit unverdächtige Blatt mit ihrem Geifer besudeln werde, muß der Wahrheit die Ehre gegeben und dem Urtheil dieses Journals, es ist das „Newyork American and Journal", über „Die Zukunft der Juden in Amerika" auch in europäischen Blättern Verbreitung geboten werden. .Das Blatt schreibt: . , „Die Sociologen machen . die Note des Staatssekretärs Hay über die Judenverfolgung in Rumänien zum Gegenstand von Untersuchungen über die Juden in Amerika. Die Zukunft der Juden in Amerika ist die: Amerikaner zu sein. In unserer mannigfaltigen Bevölkerung ist kein Element geneigter und enthusiastischer gesinnt, sich mit der demokratischen Umgebung, zu assimiliren, als das jüdische. . Die Juden fühlen sich hier glücklich und Jeder, der zu beurtheilen weiß, was dem Lande frommt, ist zufrieden, daß sie im Lande sind, denn sie sind ein nüchternes, fleißiges, intelligentes und' die Gesetze achtendes Volk. Die Thatsache, daß eine große Menge von Juden in Newyork zusammengedrängt lebt, bietet dem wahren Sociologen keine „Frage". Nur die falschen, sich mit Lärm ankündigenden Sociologen werden durch örtlich auftaüchende Verhältnisse in Aufregung versetzt. Armuth zwingt die Juden, wie jeden Anderen, sich an die Scholle zu binden und den Kampf um's tägliche Vrod zu führen. Da nun Newyork der Haupthafenplatz der europäischen Einwanderung ist, sammeln sich in dieser Stadt so viele Juden, deren Geburtsstätte in der Fremde liegt, an. Welchen Schaden stiften sie denn hier? So wie die Mittel zunehmen, suchen sie sich selbst andere Gebiete, wo sie bessere Erwerbsgelegenheit finden. Ihre Kinder werden in unseren .öffentlichen Schulen erzogen und verbreiten sich dann über das ganze Land, ganz so, wie die Kinder anderer Einwanderer. Und diese Kinder werden dann ebenso dürch und . durch Amerikaner, als wenn sie von alt-amerikanischer! Abstammung wären. Das ist eben der Ruhm der Re-- publik. Sie macht Alle, die zu ihr kommen^ zu freien;- sich selbst achtenden Männern, wenn sie nur in sich die Fähigkeit besitzen und den Wunsch hegen, - frei zusein und sich selbst zu achten." - Es ist diesem glänzenden Plaidoyer für die Lösung dessen, was man fälschlich „die Judenfrage" nennt, nur Weniges hinzuzufügen. Dort, wo wahre Freiheit herrscht, gibt es keine Judenfrage. In den Vereinigten Staaten ist der Glaube kein Gegenstand der Staatspolitik, und schon hieraus allein resultirt, daß die kon- ' fessionelle Frage weder dem Juden, noch dem Katholiken gegenüber auftauchen kann. Dort ist es thatsäch-' lich Jedem freigestellt, nach seiner Facon selig zu werden, und es ist nur selbstverständlich, daß er für seine Religion ebensowenig ein Sonderrecht beanspruchen darf, als er etwa geneigt sein möchte, es einem Andern zuzugestehen. Die wahre Republik kennt aber auch keine Rassenfrage. Die Gesetze gegen die Einwanderung der' Chinesen haben mit den Chinesen als Rasse gar nichts zu thun. Es leben Japaner, Polynesier und Kamtschadalen in den Vereinigten Staaten, ohne daß gegen ihre' Anwesenheit aus Rücksicht auf ihre Rasse eine Einwendüng erhoben wurde. Dort, wo wahre Freiheit herrscht, gilt der Mensch als solcher,, und nur seine menschlichen kulturellen Eigenschaften, nicht sein Glaube oder seine Abstammung kommen in Betracht, . Die beschränkenden Einwanderungsgesetze sind daher nicht zum Zwecke konfessioneller oder nationaler Prohibition oder Proscription ersonnen und erlassen,' sondern ausschließlich sozialer Natur, bestimmt, den Standard of life nicht herabdrücken zu lassen, den Werth der Arbeitskraft nicht zu vermindern. Von ben: Juden ist dies speziell in Amerika am allernothwendigsten zu befürchten. '; , Die Freiheit verträgt sich mit jedem Glauben, jeder Nationalität -7wenn diese keine Uebergriffe auf das Terrain der Freiheit sich herausnehmen, und. daß dies von den Juden geschehen würde, ., glaubt in Amerika, ganz gewiß Niemand! In einem wahrhaft freien Lande kann es also keine Judenfrage geben und gibt es' keine, und wo eine „Judenfrage" in die Erscheinung tritt, ist diese Thatsache allein hinlänglicher Beweis:^ daß in diesem Lande nur Knechtung herrscht, selbstwenn sie sich, mit Konstitutionalismus oder Parlament tarismus ausstasfirt... : ‘ Ci.*-' Brauchte es hierfür noch eines'Beweises, so köüntZ man auf zwei europäische Länder Hinweisen, -Engländ und Italien. ' In London wurde Heuer' zstm sechstens male .ein Jude' z'üm Lordmäyo'r tzeWahlt'Md, in'Italien' fungirt ein Jude als Kriegsminister.' ' Es' wird' keinein' Menschen in den beiden Ländern einfallen, auch nur den leisesten Zweifel zu hegen, daß der Eine ein Eng-