Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 84-85 (27.10.1902)
- Date
- 1902-10-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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43« Jahrgang. * 4* Zu üd Wlslhkii EÄeiittllvtMilWtii. Auf dem Rabbinertag in Frankfurt a. M. war Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher - Berlin in seinem Referate auch auf die jüdischen Studentenverbindungen eingegangen und bei Beleuchtung derselben zu dem Ergebniß gekommen, „daß es Sache ber a 6 biner sei, Zwecks Unterstützung dieser jüdischen. Studentenverbindungen ihren Einfluß geltend zu machen." Indem wir wissen, daß der Sohn des Herrn Rabb. Dr. Eschelbacher, Herr Dr. Mar Eschelbacher, Mitglied des Berliner „V. I. St." (Verein jüdischer Studenten) ist, ist es wohl berechtigt, anzunehmen, daß hier in erster Linie die „Vereine jüdischer Studenten," wie solche in Berlin, Charlottenburg, Breslau, München und Würzburg existiren, gemeint sind, die von der deutschen Judenschaft materiell und ideell zu unterstützen wären. Es ist ein erfreuliches Zeichen des geistigen Fortschritts der deutschen Juden, daß diese Anschauung mehr und mehr an Terrain gewinnt, und es ist nicht nur bei Worten geblieben, denn der Berliner „V. I. St." ist durch namhafte Geldbeiträgeseitens" der "Berkiner^Kuliusgemeinde' unterstützt worden. Infolge dieser Unterstützung war es ihm auch möglich, s. Zt. bei den Lesehallenwahlen für die jüdische Sache so erfolgreich eintreten zu können. Tempora mutantur! Es gab Zeiten, in denen man den „V. I. St.", diesen neuesten Schöpfungen des jüdischen Lebensgeistes innerhalb der Studenschaft, die Existenzberechtigung streitig zu machen suchte und ihnen einen rühmlosen Untergang prophezeite. Doch derjenige, dem man den Tod prophezeit, pflegt gewöhnlich recht lange zu leben. Dies hat sich auch hier bewahrheitet: heute stehen die „V. I. St." mächtig da und bedeuten einen nicht unwichtigen Faktor, nicht nur für die jüdische Studentenschaft, sondern für die Judenheit überhaupt, die zu jeder Zeit bereit, für ihr Judenthum einzutreten. Stetig schreitet die „V. I. St."-Jdee vorwärts und. erobert sich die Herzen all' derer, die Gefühl für das Judenthum besitzen. Die „V. I. St."-Jdee ist die Idee, die da kommen mußte. Sie mußte kommen,, weil die Zeit es so wollte. Sie ist aus den Umständen, aus der Zeit gleichsam herausgeboren worden. Sie will nicht nur ihre Anhänger zu wahren,, echten Juden erziehen und sie mit geistigem und körperlichem Rüstzeug für den Kämpf um's Dasein versehen, sie will auch. eine. Rückwirkung in ihrem'Sinne auf die „ganze Judenheit" ausüben/ sie will den in schreckenerregender Weise überhandnehmenden Jndifferentismus im Judenthum bekämpfen. Den „V. I. St." gegenüber (vereinigt zürn Hunh Jüdischer Corporationen — V. I. C.) steht der sog. „K.-C." (Kartell-Convent), dem die jüdischen Verbindungen Sprevia Berlin, Licaria München, Rheno Si-/' lesia Bonn, Friburgia Freiburg, angehören. ., Der „K.-C." sieht sein erstrebenswerthestes Ziel darin, seiüe . Mitglieder sich erstens „studentisch ausleben und .dann , kräftig auf antisemitische Beleidigungen reagiren. zu lasten." Es sind dies also Verbindungen mit unbe-, dingter Satisfaktion. Sie sind entstanden durch den Umstand, daß christliche Verbindungen Juden in ihre Reihen nicht mehr äufnehmen; „sie verlieren ihre Existenzberechtigung auch sofort, sobald die christliche; Studentenschaft ihre Pforten den jüdischen Studenten; wieder öffnen sollten." ' ';/// ’ Der moderne Antisemitismus kämpft nun aber nicht mit Knütteln und Steinen. Er ist eine-Lehre, eine Idee, die sich durch moderne Mittel, durch , die. Presse und Agitation weiter verbreitet. / „Gegen eine' Idee kämpft nur eine Idee!" Und was sehen wir? Hunderte jüdischer Jünglinge stehen da. und kämpfen gegen den täglich mehr und mehr anwachsenden und . immer' weitere Kreise verseuchenden Antisemitismus, indem sie die Hände in den Schoß legen und warten, bis ein christlicher Kommilitone sich vielleicht herabläßt, einen der Ihrigen „S... jud" zu nennen. Rach- ' dem dann die obligaten Kämpfe ausgesuchten, - glaubt man seine Pflicht dem Jndenthume gegenüber' erfüllt zu haben. Bei aller Anerkennung dieses Auf- ' tretens ist aber für das Judenthum noch nichts gethan. - Dies allein genügt nicht. Ist das der Weg, beizutragen zur Kräftigung des Judenthüms? - Ist man noch immer nicht so weit, einzusehen, daß von innen heraus der Kampf beginnen muß, und daß nur unsere eigene jüdische Erziehung den Anbruch; einer neuen besseren Zeit bezeichnen kann? „Die Hebung des. jüdischen Selbstbewußtseins^ das . Vertrautmachen der Jugend mit unserer Geschichte-und / Litteratur," diese Faktoren dürften der Beginn einer ' Gesundung sein." '/ - - / / v; v/: Die heutige Zeit und der heutige Stand der südischeu Frage brauchen eine andere Taktik, als diejenige, " die der K.-C." befolgt. Sie .bedürfen der „V.J7 St.-Jdeen, selbstbewußtes, furchtloses Auftreten als^ Jude, „z i e l b e w u ß t es j ü d i s ch es Streben" und.zum Letzten nicht, „Liebe, innige Liebe/, zum I u d en th u m e," ' -