Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-10-06 · Heft 80 (6.10.1902) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 80 (6.10.1902)
Date
1902-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449869--56801-2519506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

43* Jahrgang. .1 80. OenLrak-Hrgan für das orthodoxe Zuden^Arm. Begründet von Dr. ITelfrmsitttt in Utaitt}. SRotttas, d«« 6 Drtover 190,«.. Rückkehr und Oersöhnung. (Zur Teschüboh-Woche.) - Mainz, 5. Oktober. Unter Rückkehr (Teschuba) versteht man das Sich- Selbstbekennen und Bereuen eines begangenen Unrechts, verbunden mit dem Vorsatz, es wieder gutzu- , machen und für alle'Zukunft nicht mehr in dasselbe zu ' verfallen. Diese Pflicht, der Rückkehr zur Pflicht, sobald wir sie verlassen haben, ist göttliches Gesetz, das an vielen Stellen der Thoraniedergelegt ist. Sie ist an keine Zeit und keinen Ort geknüpft, sondern tritt immer und überall ein, wo der schwache, fehlende, irrende Sterbliche, der Leidenschaft und Sinnlichkeit nachgebend, von dem geraden, gottgewiesenen Lebenswege abgewichen ist. Aber weil, der sorgende, genießende, von der Strömung des Lebens fortgerissene Mensch, mitten im Leben und Streben nur selten die Ruhe und Besinnung findet, stille zu stehen und sein Unrecht zu erkennen oder zu bekennen und reuig zurückzukehren zur vernachlässigten Pflicht, deßhalb hat in Seiner Gnadenfülle Gottes Wille besondere Tage gestiftet, die am Ausgang des scheidenden und an der Schwelle des neuen Jahres uns zum Jnnehalten, zur Sammlung und Besinnung rufen. Es sind das die Selichoth-Tage. die zum Rosch-Haschono, und die Teschubatage, die zum Jom Kippur führen. Diese einfachen, , klaren Begriffe sind heutzutage bei vielen getrübt und erfahren daher nicht die rechte Würdigung und Beachtung. Obwohl die hier skizzirte Rückkehr nichts mit irgend einem Rückschritt gemeinsam, hat. sondern in Wirklichheit den höchsten Fortschritt1 bedeutet, dessen Menschen überhaupt fähig sind, so ge-' nügt doch die bloße oberflächliche Lautverwandtschaft, um sie der Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit unserer Zeit als verdächtig und jedenfalls als nicht sympathisch erscheinen zu lassen. Die Bezeichnung ^Rückwärts", „Zurück", „Rückkehr" und „Rückschritt", haben es diesen Fanatikern des Fortschritts angethan und sie verhalten sich, ohne Prüfung, ablehnend, wo sie auch immer Aeußerungen dieser Art begegnen.. Der Muthige, der einen Schritt zurück weicht, gilt ihnen als Feigling. Wenn ein solcher Mann des Fortschritts, der unbesehen jeden Schritt zurück als. Rückschritt entrüstet von sich weist, einmal von A.^nach. B. fahren wollte, sich aber irriger Weise in einen Eisen-, bahnzug setzte,' der in der entgegengesetzten Richtung nach C. fährt, so würde ihn, wenn er seiner Prinzipienreiterei treu bleibt, diese Fortfchrittsmanie zu ergötzlichen Konsequenzen führen. Wenn ihn der Schaffner beim Coupiren des Villets aufmerksam macht, daß er in dieser Richtung niemals nach B. komme, daß er, um sein Ziel zu erreichen, zurück nach A. müsse, und der Reisende ihm erwiederte: „Was zurück? Rückschritt. Rückkehr gibts bei mir nicht, ich huldige dem Fortschritt!", so würde man mit Recht an der Zurechnungsfähigkeit eines solchen Menschen zweifeln. Er sieht durch seine Fortschrittsmanie nicht, was jedes Kind weiß, daß jeder Schritt, den er auf dem falschen Weg weiter fährt, ihn von seinem wahren Ziele zurückbringt, und daß jeder Schritt, den er auf dem falschen Wege rückwärts geht, ihn in Wirklichkeit vorwärts, seinem eigentlichen Ziele näher bringt. Es kommt im Leben der Reise wie auf der Reise des Lebens eben nur' darauf an, ob die Richtung, die wir eingeschlagen haben, die rechte oder falsche ist. Ist sie die rechte, dann führt allerdings der rüstige Fort-, schritt am leichtesten zum Ziele, ist sie die falsche, dann ist der Rückschritt, die Rückkehr zum rechten Wege, die erste, unerläßliche Bedingung eines jeden Fortschritts zum Ziele. : ....... Es gehört aber eine große Selbstüberhebung und ein dünkelhafter Größenwahn dazu, zu sagen: Ich irre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.