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Der Israelit · 1902-06-26 · Heft 51 (26.6.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 51 (26.6.1902)
Date
1902-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43* Jtchrgang. Ae MtmOlgWts w Z«mell. (Rumänische Delegirte Lu Budapest.) Der 1. September b. I. wird für die Israeliten Rumäniens ein kritischer Tag allererster Ordnung werden. An diesem Tage tritt das neugeschaffene Handwerkergesetz in's Leben. Artikels dieses Gesetzes enthält für die Fremden (d. h. Israeliten) drakonische Bestimmungen. Es dürfen in den Fabriken blos zehn Prozent fremder Arbeiter beschäftigt sein. In den staatlichen Schulen werden ebenfalls blos zehn Prozent' israelitische Kinder ausgenommen, und da laut dem Gcwerbegesetz das Gehilfen-, resp. Meisterdiplom blos absolvirten Schülern der Staatsanstalten und keinesfalls konfessioneller Schulen ausgefolgt wird, ist das Gros der in Rumänien domizilirenden Juden von der Ausübung eines Gewerbes ausgeschlossen. Die ohnehin nicht rosigen Zustände, welche in dem Moldaureiche seit langer Zeit bestehen, nehmen eine geradezu trostlose und verzweifelte Gestalt an. . - Seit zehn Jahren, seitdem die von ihren Agitationen unter den ungarländischen Rumänen sattsam bekannte ultrachauvinistische rumänische Liga energischer in Aktion tritt, sind für die Israeliten Rumäniens Tage der Verzweiflung und Entbehrung herangebrochen. Die gegen die Ausländer in Verkehr gebrachten nationalistischen Schlagworte richten sich ausschließlich gegen die Juden, von denen die Mehrzahl in Rumänien geboren wurden und Nachweisen kann, daß seit hundert Jahren ihre Vorfahren in dem genannten Balkanstaate ihren Bürgerpflichten ehrlich und opferwillig nachgekommen sind. Der Kampf der rumänischen Machthaber gegen. die Juden ist wirthschaftlichen Ursprungs; man will sich einer gefährlichen Konkurrenz entledigen. Von dieser Idee geleitet, wurde auch das erwähnte Handwerkergesetz geschaffen. Während vor zwei Jahren, als 30,000 rumänische Juden ihr Vaterland verließen, keinerlei gesetzlicher Zwang vorlag, welcher die Maffenauswanderung veranlaßt hätte — die Juden flüchteten damals, da sie in Folge der behördlichen Chikanen auf den Bettelstab gebracht wurden.— tritt nunmehr durch das erwähnte Gesetz die harte Nothwendigkeit ein, entweder zu verhungern oder anderswo Brod zu suchen. Die Rückwirkung dieses barbarischen Gesetzes ist bereits jetzt fühlbar; schon jetzt wird es bei den staatlichen Verkehrsunternehmungen, in Anwendung gebracht. Viele Hunderte Eisenbahnbeamte und Arbeiter, von denen Viele schon seit 20—30 Jahren in. Eisenbandiensten stehen, noch von dieser Zeit an, , als.; diese Verkehrslinien Eigenthum einer österreichischen ^Gesellschaft bildeten, sind über Nacht erwerbslos geworden. Schon jetzt wird> scharf bewacht, daß in den . Fabriksetablissements, wo. früher zumindest 60. Prozent der Arbeiter Juden waren, der vom 1.. September angefangen kommandMe" Arbeiter-Prozentsatz' eingehalten werde. Behördlich wird suggeriri, die Einkäufe keinesfalls bei Fremden zu besorgen und jüdische Prozeßgegner können sicher sein, den Kürzeren zu ziehem . , Obendrein sind Ausschreitungen, Tumulte gegen Juden auf der Tagesordnung. Die Juden werden ohne jedeUrsache thätlich insültirt, und wiederholt kommt. es vokj daß der Pöbel hierzu von Polizeiorganen Haranguirt wird. Die erwähnten Exceffe sind bekannt, aber von der Schärfe und Heftigkeit wie heute waren sie früher nicht.. „Der Jude ist in Rumänien vogelfrei." Er zahlt Steuern, leistet Militärdienst, seine Rechte sind aber gleich Null, und in Rumänien ist es um die Juden viel ärger bestellt, als im Mittelalter. Damals konnten sie zwar keinen Boden erwerben, Geschäfte jedoch , soviel sie nur konnten abwickeln. „Heute ist den Juden in Rumänien jede Existenzbasis entzogen." - .. -. Unter derartigen Verhältnissen wollen heute' von' den 300,000 rumänischen Juden zumindest hunderttau-' send auswandern. Vorläufig werden den Auswanderungslustigen Schwierigkeiten entgegengesetzt. Die rumänische Regierung, welche den Abschluß einer 170 Millionen Francs-Anleihe beabsichtigt, kann es derzeit im Interesse ihrer Kreditfähigkeit nicht dulden, daß dem Lande horrende Steuerkräfte entzogen werden. Sobald die Anleihe zu Stande gebracht wirb, können die Juden sicher sein, nicht allein Auslandspässe zu erhalten, sondern davongejagt zu Werden. .Die Furcht vor der Austreibung aus Rumänien lastet auf den Gemüthern der dortigen Israeliten.^ Und - bevor dies geschieht, wird ihrerseits die Auswanderung in' Massen organisirt. Es haben sich in allen jenen Städten, wo Juden in größerer Anzahl wohnen, Lokalkomitees gebildet, welche anstreben, rechtzeitig die zur Auswanderung nothwendigen Geldmittel herbeizuschaffen. Die „Jewish Col. Associat." hat bereits zugesagt, jeden Auswanderer mit einer größeren Summe zu unterstützen; der Rest der pro Kopf 160 Francs betragenden Auswanderungsspesen nach Argentinien müsse, von den Kultusgemeinden der größeren Städte und reichen Glaubensgenossen herbeigeschafst werden.' Eines dieser Lokalkomitees, eine dreigliederige Deputation aus der 10,000 jüdische Seelen zählenden Stadt Roman, befindet sich seit einigen Tagen hier in Budapest. Aus der genannten Stadt wollen in Bälde

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