Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1887-05-12 · Heft 37 (12.5.1887) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 37 (12.5.1887)
Date
1887-05-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449697-2449734--26415-2516236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

647 „Liebes Fräulein, ich habe meine Haarschleife verloren und nun fallen mir die Locken immer in's Gesicht. Alex hat gesagt, ich soll Sie bitten, mir die dummen Haare zurückzusiccken." Marina entsprach diesem Verlangen, mit flüchtigem Dank eilte die 5;leine wieder zurück; in ihrem Iv'ifer vergaß sie die Derbindungsthür zu schließen und unwillkürlich ward Marina Zeugin des Unterrichtes. Gabriele schien eine Frage an den Bruder gestellt zu haben, Alexander antwortete: „Nicht doch, Kind, Vielgötterei ist nicht nur Irrthum. denn dann wäre sic ein einfacher Wiffcnsschler. Aber sobald wir ein Wesen oder eine Kraft, oder auch nur ein gedachtes Wesen Gott gleich anerkennen, sobald leugnen wir den alleinigen Gott. Aber nur die höchste Verirrung des menschlichen Geistes kann sich vor einem Bilde beugen. Gr ist kaum faßlich dieser Wahn, Werk von Menschenhand, Gott gleich zu verehren." Marina lauschte mit angchaltenem Arhem. Was da drinnen gesprochen ward, ihr war, als hätte sie es längst gcdaüit und dennoch war cS ihr neu. Aber je länger Alcrauder sprach, desto leichter, desto höher hob sich ihre Brust, dort hörte sie Wahrheit, nach der sie sich so lange gesehnt.— Und alle ihre Zweifel, die, namentlich in jüngster Zeit die Brust ihr oft zu sprengen gedroht, sic waren nicht einmal Zweifel mehr. Eine hohe unaussprechliche Freude erfüllte ihr Herz, und als ihre Schülerinnen nach beendetem Unterricht zu ihr kamen, staunten sie ob ihres Aussehens. „Was haben Sie gemacht, Fräulein'/" fragte Ioscfine. „Sie sehen heute noch viel schöner aus als sonst." „Sie sehen wie verklärt aus," fügte Gabriele hinzu. „Weil mir die Wahrheit klar geworden^ ist," emiederte Marina, ohne zu bedenken, daß sic zu den Kindern sprach. „Was ist Ihnen klar geworden?" fragten diese verwundert. „Daß Ihr mir die Liebsten seid aus der ganzen Welt." Die Kinder umschlangen sie und begaben sich mit ihr in das Speisezimmer. „Sie haben Ihre Pathc, die Frau Gräfin Walewska, schon sehr lange nicht besucht, Fräulein," sprach Frau von Lilienfeld während des Essens zu ihrer Gouvernante, „ich glaube, seit wir von O.... zurück sind nur eio eiuzigeS Mal. Wenn Sic vielleicht den heutigen Nachmittag zu einem Besuche benützen wollten, die Kinder könnten bei mir sein." „Gnädige Frau sind sehr gütig," entgegnete die Gouvernante erröthcnd, „aber —" „Ist die Frau Gräfin vielleicht verreist?" Marina zuckte die Achseln. „Ich weiß eS nicht." „Entschuldigen Sie, liebes Fräulein, ich möchte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten drängen, aber ich fühle mich der Frau Gräfin aufrichtig ver- Vstichtct: nur durch ihre gütige Vermittelung erfreuen sich meine Töchter Ihres ausgezeichneten Unterrichtes, da wäre cs mir unangenehm, wenn die Frau Gräfin glauben könnte, daß wir Ihnen nicht einmal so viel Zeit gönnen, Ihre Frau Pathe zu besuchen." „Die Fra» Gräfin erwartet meinen Besuch nicht," entgegnete das junge Mädchen ausweichend. „Wie können Sie das wissen? Die Frau (Gräfin hat mir ausdrücklich gesagt, daß sie Werth darauf lege, Sic, so oft cS Ihre Zeit erlaubt, bei sich zu sehen." Alexander warf der Mutter einen beschwichtigenden Blick zu; diese aber ließ nicht nach mit ihrem Drängen, sie wünschte allzusehr durch die Gouvernante die Beziehungen zn der hocharistokratischcn Dame aufrecht zu halten. Marina schien das zn erkennen. „Verzeihung, gnädige Frau," sprach sie endlich, „ich weiß es mit Bestimmtheit, die Frau Gräfin kann meinen Besuch nicht erwarten." „Sie haben sich doch um Gotteswillen nicht brü^kirt mit Ihrer Frau Pathc?" Tie Gluth in Marina's Wangen stieg. „Ich schulde der Frau Gräfin Tank," sprach sie mit niedergeschlagenen Blicken, „sie hat jedoch ei» Verlangen an mich gestellt, das — dein ich nicht entsprechen durfte, trotz des Dankes, den ich ihr schulde." „Und darum hat sie mit Ihnen oder haben Sie mit ihr gebrochen?" ries Frau von Lilienfeld, „aber ich bitte Sie —" „Liebe Mama," fiel Alexander ein, „ich erlaube mir. Dich an jenen Brief zu erinnern, den Du vor drei Wochen erhalten hast — sein Inhalt dürfte Fräulein Svobada viettckchl interressiren." Frau von Lilienfeld blickte ihn betroffen au. „Meinst Tu? — Kommen Sie nach Tische einen Augenblick mit hinüber in mein Zimmer, Fräulein." Marina entsprach dieser Aufforderung. Alexander hatte recht, das Schreiben, das Frau von Lilienfeld ihr zum Durchlcscn übergab, interessirte sic in der Thal. Erkannte sie doch daraus, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.