Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 28 (1887)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXVHL Jahrgang. Zweite Beilage zu Nr. 22 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzcu. Mittel-Asien. Bokhara im Februar. Auch bei uns im finstern Mittelasien, wo bisher der furchtbarste Fanansmus und der schrecklichste Glaubenshaß geherrscht haben, bcginm cs nun mit der Hülfe Gottes zu ragen. Wir iind nämlich seit einigen Tagen der europäischen Kultur- und Ewilisationssonne neuerdings um etliche Hunden Li eilen näher gerückt. Am vergangenen 22. Dezember (vxs rw ~~) wurde die ncugcbaule Bahnstrecke Merw-Tfchardschui dem Verkehre übergeben. Tschardschui ist ein bockbarcsisches Grcnzstädrchen, am linken Ufer des Amu- Tarja gelegen und hinter dem Rücken dieses Städtchens beginnt sogleich die große Sandwnstc, welche Bokhara von Persien und Merw trennt. Durch diele Sandwüste haben die Runen' nun eine Eisenbahn gebaut und so eine Lchicncnvcrbindnng zwischen dem kaspischen Meere und dem Amu-Tarja hcrgcücllt. Im AHeritzuuie hätte man gewiß den Bau dieser Bahn zu den Hcrkulcsarbeiten gerechnet, in unserem Jahrhundert dagegen, das den Luc;-, den Panama-, den ftorimhkanal, die Nebcrbrücknng großer Meerengen, das Legen von submarinen >rabeln zwilchen den verschiedenen Welnheilcn, thcils schon ennchen lab, iheils erst entstehen sicht, schenken die Tagcsbläuer den Erbauern einer solchen Bahn blos einige Anerkennungs-Artikel und die Lache ist damit adgclhan. Tie Eulrur, die Hnnramtäl und die Eivilisario» werden jedoch den Runen ewig dankbar dalür bleiben, daß sie ihnen eiserne Pfade bis in das Herz Asiens gebaut haben. In Tschardschui leben wenig Juden, dagegen bcnndct sich in der zwcitnächstcn Ltanon Kara- M u 1 <Schwarzscn>, das schon diesseits des Amu- Tarja liegt, eine kleine jüdische Gemeinde mir einem llbacham. Als nun die Nachricht nach ft ar cf ul und den bcnachbarrcn Ortschaften kam. daß in den nächsten Tagen schon der »Atcschl 5lraba" iFcucrwagen) nach Tschardschui kommen werde, da eilten von weil und brcil Moslims und Juden nach dem rtvtgenannren Städtchen, um dorr der Ankunft des neuen Wunderdinges airzuwohnen. Auch der Ehacharn von «ara-ftul hatte diese günstige Gelegenheit bcnüxt,?urzugleich auch einigen Freunden und Bekannten m Tschar-Tschlli einen Besuch abzustattcn. Als nun die Rauchwolke der Lokomotive in der Ferne sichtbar ward, da rief die neugierig harrende Menge voller Jubel: Atescht Araba! Arescht Araba! während der Ehacham von ftara-ftul, Rabbi Joschua, die Hände erhob und mit lauter Stimme den Segensspruch sagte: Gelobt seiest Tu unser Gott, ftönig des Weltalls, der Du uns erleben liesest und erhalten hast bis zu dieser »Zeit", worauf sich ein weithin schallendes Amen aus dem Rdrnde der umherstehenden Juden vernehuren ließ. General Annckow, der Ehcf-Jngcnicur und Erbauer dieser Wellbahn, entstieg nun in voller Gala-Hnisorut seinem Eoupv und lud den anwesenden Gouverneur und die Honoratioren von Tschardschui ein, in die Waggons zu steigen und dieselben zu besichtigen. Auch Ehacham Joschua und seine Begleiter begaben sich nun in einen Waggon, um denselben in Augenschein zu nehmen. Ti'che! Tschc! (Schani Schau!) riefen nun die Lokharescn voller Erstaunen, als sie die schönen, neuen und reinlichen Waggons, die mit niedlichen Bänken und den kleinen Glassenstern versehen sind, betraten. Tie Waggons sind eine wahre Prachlarbeit und ganz so gebaut, wie die Orientalen sie wünschen. Tie Bänke, welche an den vier Wänden der Waggons stehen, sind ungemein niedrig, dafür aber sehr breit, so daß die Bokharesen auf denselben mit mucrgcschlagencn Füßen si^cn und dabei gemürhlich ihre Nargilah (Wasierpfeife) rauchen können. Für die Frauen sind besondere Waggons mit vergincrren Fenstern eingcfühn, so daß kein Fremder die Insassen schauen kann. Auch steht bei der Wagcmhüre eine Schildwache, um jeden Eindringling energisch zurückznweisen. General Annckow erklärte, daß die Waggons für Ehristcri. Moslims und Juden zugleich bestimmt sind und daß jede Jnsnltirung eines Ehristen oder Juden in den: Waggon strenge geahndet werden würde, worüber die fanatischen Bokharesen lange Gesichter machten. Zur Ucbcrfahn über den Anm-Tarja nach Tschardschui hatte die russische Regierung zwei kleine Tampfschistc „Alcrander" und »Peter" zur Verfügung gestellt, welche auch in Zukunft den Personenverkehr aus dem Finne besorgen werden. Der Amu-Taria wird nämlich nicht übcrbröckt und wird eine Tampffähne die Lokomotive mit den Waggons von einem Ufer an das andere bringen. Im kommenden November wird dann rrvbfe Bahn schon bis Bokhara, Samarkand und Taschkand hcrgcstclll sein. Wir werden dann binnen zehn Tagen nach Odessa oder ftonftantinopel ge-