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Der Israelit · 1887-01-06 · Heft 2 (6.1.1887) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
28 (1887)
Issue
Heft 2 (6.1.1887)
Date
1887-01-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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27 Lippen kräuselnd, „unb überdies wäre es möglich, daß sie zur bestimmten Zeit nicht von dem Kranken abkommen konnte." Pater Anselmo zuckte die Achseln, indcnl er sich rcsignirt auf die Holzbank niederließ. „Müsseu's abwarten — das ist das Einzige, was wir thun können." «Tie halbe Nacht kann darauf gehend murrte die Bertram verdrießlich. Pater Anselmo zuckte abermals die Achseln, geduldig fugte er sich in das Unvermeidliche; Han. dcltc es sich doch um dasjenige, was ihm als ein Heiliges galt. Eine Viertelstunde mochte verstrichen fein, die ftcmntcrfrau trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den eichenen Tisch; der Priester mahnte salbungsvoll zur Geduld, als die Thür aufgiug und eine ärutlid) gekleidete Frau mit einem Kinde an der Hand, in das Zimmer trat. TaS kleine Mädchen war von geradezu wunderbarer Schönheit, die selbst durch den abgetragenen, unklcidsamen Anzug keinen Eintrag erlitt. „34 muß sehr um Verzeihung bitten," sprach die Frau, scheu um sich blickend, „ich fürchte, ich habe die Herrschaften warten lasten — aber mein armer Mann" — sic fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen, „ihm ist gar so schlecht — ich habe nicht früher abkommen können." „Das haben wir uns gedacht," cntgcgncte der Geistliche freundlich, während die Kammerfrau mit unverhohlenem Erstaunen daS schöne Kind betrachtete. „Das ist Ihr Kind?" fragte sie. „Das ist mein herziges Goldkind," erwiderte die Frau, indem sie den Kopf der Kleinen zärtlich an sich drückte. Das Kind blickte verwundert zu ihr auf, es war offenbar a» derartige Liebkosungen ihrerseits nicht gewöhnt. „Es scheint ein braves Kind zu sein," sagte der Priester, die rosigen Wangen des KindeS streichelnd, „gelt ftlcinc, Du bist brav?" Sie nickte dem freundlichen Manne, der sich zu ihr neigte, lächelnd zu. „Ter Batet sagt immer, daß ich brav bin," flüsterte sie. „Ich denke auch, daß Du immer brav sein wirst," sagte die Kammerfrau, indem sie ein Packet, das sie vor sich auf dem Tische liegen hatte, öffnete und einen riesigen Pfeffcrkuchenmann hcrvorzog. „Schau, was ich Dir mitgebracht habe." Die Kleine blickte verlangend auf die süße Prachtfigur, aber sie streckte die Hand nicht danach aus. „Willst Du ihn nicht 7" „Darf ich?" fragte das Kind, zu der Mutter emporblickend. „Nimm's nur," versetzte diese-, indem sie sie sanft zu der Kammerfrau hinschob; „was die gute Dame Dir gibt, das darfst Dü uehmen." Während die Kammerfrau dem Kinde den Pfefferkuchen übergab und einige Fragen an dasselbe richtete, zog der Geistliche die Mutter bei Seite und zählte ihr die vereinbarte Summe tu die Hand. „Hier, nehmen Sie und entfernen Sie sich schleunigst, am besten, ohne daß die Kleine es merkt." „Aber," sagte die Frau zögernd, indem sie die empfangenen Banknoten sorgfältig in ei» Täschchen barg, „dürfte ich nicht um den Namen bitten — damit ich weiß, bei wem mein Kind —" „Nein." versetzte der Priester kurz, „der Na-»e kümmert Sie nicht, und das Kind gleichfalls nicht. — Machen Sie uns keine Verlegenheiten und entfernen Sie sich." Aber die Frau stand noch immer da und blickte mit seltsamem Ausdruck auf das Kiud; ob ihr Gewissen sich regte? — ihr vorhin bleiches Antlitz war jetzt dunkelroth — oder war es die Freude über das gewonnene Kapital? — „Gehen Sie, gehen Sie," drängte der Priester. Sic neigte sich, um die Hand zu küssen, die ihr da? Blutgcld übergeben, dann wollte sie sich entfernen. Aber das Kind hatte ihre Absicht errathcn, mit einem Satz war es bei ihr und ergriff ihre Hand. „Ich will zum Vater," flüsterte es. Die Frau suchte ihm die Hand zu entziehen. „Du mußt schön brav sein — der Vater hat gesagt, Du sollst mit der guten Dame gehen, die Dir den schönen Pfefferkuchen gegeben hat, und die Dir noch viele gute Sachen geben wird, Aepfel und Nüffe »nd Mandeln und —" „Ich will zum Vater," wiederholte die Kleine, mit mühsam verhaltenem Weinen, und versuchte, die Muner mit sich zur Thür zu ziehen. „Sei brav, Kind," sprach der Priester freundlich, „Dein lieber Vater hat gesagt, daß Du mit der guten Damen gehen sollst." Aber die Kleine schüttelte heftig das Köpfchen. Da hob die Murtcr sie empor, flüsterte einige Worte ihr in das Ohr und setzte sie möglichst unsanft auf den eichenen Tisch. Leise schluchzend blickte das Kind der TavoneUenden nach.

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