Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 95 (6.12.1886)
- Date
- 1886-12-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Aus Oberl,essen. I. De,;. In bei» Dorfe Bellersheim (.Ureis Gießen) feierte in verflossener Woche ein israelitisches Ehepaar die „dkamautene Hochzeit." Seine (5che war mit 12 Lindern gesegnet von welchen 8 und gegen 50 Enkel und Urenkel noch am Leben sind. Das Fest wurde von dem noch rüstigen Jubelpaare im Kreise der Familie nnd vieler Bekannten recht fröhlich begangen. Berlin, 2. Dezember. Die von uns bcreirs seit einigen Wochen signalisirte A n t i - S ch ä ch t- Petition des „Verbandes der ThierschnL- Vereine des deutschen Reiches" ist nunmehr dem d e u t s ch c n R e i ch s l a g e z u g e g a n g e n. Die Petition deckt sich vollständig mit der in der vorigen Session cingereichten, nur das; die Hnmanitatsritter sich diesinal auch auf das famose Gutachten des famosen Oberrabbiucrs Wert heim er in Genf beziehen. Tie Thicrfchutzvereine wünschen ja nur, das; Schlachtthiere nur nach voransgegangener Betäubung durch Blntentziehnng getödtet werden sollen, während , wie es in der Petition heißt, „im (5anton Genf durch Reglement des Oberrabiuers Werrheimer festgesetzt worden ist, das; der Genickstich oder der Slirnschlag unmittelbar dem Schächtschnitt zu folgen hat." Tie deutschen Thierschutzvereine nnd Herr Oberrabbiner Wcrtheilner, Arm in Arm gegen das jüdische Rellgionsgesev gerüstet — ein prächtiges Genrebild! Bis gestern haben 55 Gemeinden ihre Gcgenpctitionen au den Reichstag gesandt: mögen alle anderen Gemeinden schleunig st unter. Betonung des religiösen Momentes dem oben angeführten Save gegenüber ebenfalls die G egen petit io u en ab senden, und die Vertretung des deutschen Volkes wird hoffentlich den Thierschützlern die nöthige Antwort ertheilen. Frankfurt a. M., 2. Tezbr. Berfloffenen Mittwoch fand die erste Mktglicderzusammenknnst des Vereins f ü r jndi s ch e 6» e s ch i ch t e n n d Literatur statt, in der u. A. Herr Dr. H. Heinemann einen Vortrag über die Es sä er hielt. Nachdem er den Bericht des Iosevhns über die Cyffacr kurz wltdcrgegcben, äußerte er seine eigene Anffchr über diese Sekte. Es sei gänzlich unhaltbar, die Enäcr mit den im Talmud erwähnten Bosckunäcrn in Beziehung zu bringen: denn während diese, ebenso, wie auch die Saddneäer. die Unsterblichkeit der Seele leugneten, sei ja gerade das bharakreristische der Effäer die ^'erittgfchäsnug der irdischen Welt und ihrer Gcuüne uru der icnseiligen willen. Gin theoretischer Gegenfas zwischen Enäcrn nnd Pharisäern ist überhaupt nicht zu constatiren; nicht ciumal die Ehelosigkeit der Essäer kann man alS solchen betrachten, denn einerseits gab es auch bei den Essücur eine Richtung, die die Ehe beibehielt, während an dererseits das Beispiel Bcn Asai's uns zeigt, daß auch der Talmud dk^ Ehelosigkeit, die durch die reine.Liebe zur Thorawissenschaft herbeigeführt wird, nicht unbedingt verwirft. Die Effäer scheinen in der Lehre durchaus auf dein Boden des traditionellen Indenthnms gestanden zu haben. Tic abgesonderte Lebensweise, die sie einfchlngen, rührte einerseits von dem Bestreben her, die Reiuhektsgeseve in ihrer vollen Strenge zu bewahren, (Frankel hat die Bernmttznng ausgestellt, daß die vier vor: Iosephns erwähnten Rangstufen des Ordens mir den in der Mlsthnah bhagkga ist> angeführten Reinheitsgraden identisch feien), anderseits aber mochte auch die Isolirung bewirkt worden fein durch die Verzweiflung, welche sich der Gemüthcr bemächtigte, als nach dem glorreichen Aufschwünge der Hasmonäerzcit die Hoffmrngen der religiösen nnd patriotischen Gemnrhcr sich so wenig erfüllten. Die hasmonäkscheu Fürsten zerfleischten das Land in blutigen Bürgerkriegen und zeigten sich znm Theil der Sache des wahren Indenthums feindlich. Der grausame Tyrann Herodes nahm den Thron Inda's in Besitz und erbaute, um beit Römern zu schmeicheln , selbst den heidnischen Göttern Tempel. t Die Hohepriester. durch die königliche Gunst zu ihrer Würde erhoben, waren sehr oft derselben nicht würdig, nnd selbst unter den Trägern der Geseeeslehre gab es nach dein eigenen Zengniß des Talmud Biele, die die heilige Lüche der Religion nur als Deckmantel des Egoismus benutzten. War es zu verwundern, daß unter diesen Untständen manche edle Naturen verzweifelnd sich in die Ginsamteit znrückzogen, um hier eine eigene Welt sich aufmbauen und in einem kleinen Kreise das Ideal zu verwirklichen, das km Leben des ganzen Volkes kcme Ausführung mehr finden konnte? Aber ein Glück war es deshalb, daß nicht alte die Edlen so dachten, daß die Pharisäer vielrnehr nach dem herrlichen Spruche ihres größten Vertreters: „Wenn ich nur für lnich bin, was bin ich dann?" den Mnth und die Kraft fanden, das Volk zu dnrchdringen mir dem Geiste des jüdischen Gesetzes und es dadurch zu stärken und zu kräftigen für die schwere Lcidenszeir, welche nach dem Falle des Tempels über Israel bcreinbraÄ. Lesung har. so führte Redner znm Schluffe aus. iu seinem „Nathan" zwei edle Charaktere gezeichnet, ans die die Unvollkommenheiten der Welt in entgegengesesrer Weffe eiuwirken. Tem Derwisch, der im Verdruß über all' die Euttäuschnngen in die Wüste stüchrer, um hier