Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1886)
- Date
- 1886-07-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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_ TT vu. Jahrgang. — Zweite Beilage ja IIr. fiO des Zsrarlit. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Thiengen, (Kreis Konstanz), 18. Juli. So selten wird in Ihrem geschabten Blatte von unserer Gegend, die doch einen der größten isr. Kultusdezirke vom bad. Oberlande inne hat, außergewöhnlicher Vorkommnise Erwähnung gethan; deßhalb gestatten Sie mir in Ihrer w. Zeitschrift einen Raum, um von einer kleinen Festlichkeit berichten zu können. Die isr. Gemeinde hier feierte gestern Abend in den Räumen der Guggenheim'schen Wirthschaft den Abschied ihres verehrt. Vorstehers L. Lernhcim, welcher dieser Tage nach Karlsruhe übersiedelt, und wenn ich, wie oben, von einer kleinen Feier rede, so müßte ich mich der Unwahrheit selbst beschuldigen, denn die kleme-Feier gestaltete sich zu einer Festlichkeit, , wie solche unter der hiesigen israel. Bevölkerung noch nicht vorgekommen ist. Se'tt beinahe lu Jahrhundert (von 1863 bis heute) (also volle 23 Jahre) wirkte Herr Bernheim als Vorsteher der Gemeinde, und wie dieser Herr in. dieser langen Zeit die Angelegenheiten der hiesigen Kultusgemeiude leitete, ist nur dem zur Genüge bekannt, der die früheren Verhältnisse in der Gemeinde mit den jetzigen Einrichtungen vergleicht, und müßte ich entschieden zu viel Raum beanspruchen, wenn ich nur einen Theil seines verdienstvollen Wirkens anführen würde! Herr Vernheim bekleidete sein Amt als Vorsteher mit einer Energie und Eharakterfestigkeit, die nicht genug betont werden rann, und wenn es galt der Gemeinde Verbesserungen und Ansehen zu verschallen, scheute Herr Bernheim weder Mühe noch Privatauslagen, und nicht nur auf die inneren Berhältnisie richtete Herr Vernheim fein Augenmerk, - sondern wenn von auswärts Anttäge über Verbesserungen für das allgemeine Judenrhum angeregt wurden, war Herr Vernheim ein thariges Mitglied, bei WohlthärigkeitZsachen stets als erster und großer Geber bei der Hand. Wie sehr der scheidende Vorsteher bei Richrjlldcn beliebt war, davon gibt die gestrige Feier Len bestes Aufschluß! Vor Beginn der Festlichkeit wurde ihm von der hiesigen Sradrmufik mir Fackelzng ein Ständchen gebracht und bei dem Bankette betheiligte sich der ganze Sladrrarh und viele Bürger, und wurde zunächst von einem Svnagogcnrathsmitglied, Herrn M. I. Guggenheim, in einer wohldurchdachren Ansprache die Verdienste des Scheidenden betont; die Gemeinde verliere einen Vorsteher, der durch sein verdienstvolles Wirken stets bei den Mitgliedern im Andenken bleiben wird. Als kleine Anerkennung und Dankbarkeit übergab der Redner von der Gemeinde Herrn Bernheim einen silbcrvergoldeten . Pokal mir entsprechender Inschrift. Hierauf sprach Herr Bürgermeister Maier von hier sein großes Bedauern über den Wegzug des Herrn Vorstehers und seiner Familie ans, und hob der Redner in kräftigen Worten hervor, daß sich der Scheidende nicht nur allein die großen Verdienste in der Kultusgemeinde erworben habe, sondern auch die politische Gemeinde, in der er lange Jahre die Stelle eines Sradtrathes bekleidete, habe jederzeit einen charaktervollen Bürger und Rathgeber an dem scheidenden gehabt, denn durch seine kerngesunden Anschauungen. .sei manches Unternehmen gefördert worden. Der Redner erwähnte auch, daß der Herr Vorsteher jederzeit in Gesellschaft ein gcrngesehener Gast war und stets von auswärts Rath bei ihm geholt wurde, den er bereitwillig Jedermann erthcilt har. Schließlich wünschte der Redner dem Scheidenden und seiner Familie kn ihrem neue» Domicile alles Eure und Erfreuliche. Dieser Rede folgten noch mehrere vom Herrn Lehrer Rülf rc. rc., immer wieder die Verdienste und Bedauern über den Wegzug des Scheidenden erwähnend; dann folgten Toaste und Gesang bis zur. späten Abendstunde, und der Scheidende war durch den Verlauf des Bankettes so ergriffen, daß er feine Rede, mir der er beginnen wollte, unmöglich vollenden konnte und den Tank und seine Gefühle durch feinen Bruder, Kaufmann Bernheim, in kurzen Worten bekunden ließ. Tie Teilnehmer au dieser Abschiedsfeier werden diesen Abend nicht vergeben. Wir werden unfern langjährigen Vorsteher stets in Andenken behalten, und sind die Mitglieder der Gemeinde fest überzeugt, daß wenn auch Herr Bl seinen künftigen Wohnsitz in Karlsruhe hat, er doch seine Heimathsgemeinde Thiengen, wo er so viel Gutes geleistet ha:, nicht vergenen wird. W.