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Der Israelit · 1885-10-05 · Heft 77 (5.10.1885) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 77 (5.10.1885)
Date
1885-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M 77, Lim E i n GenLrat - Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Herausgcgcben von Llr. Lehmann in Mainz. Montag, den 5. Oktober 5S4« (1885). Leitend er A rtikel. Die Schöpfung. Mainz, 4. October. Wir haben am verflossenen Sabbat auf's Neue begonnen, die Thora in der Synagoge vorzulesen. Die ersten Worte derselben belehren uns darüber, daß der allmächtige Gott'die Welt erschaffen, das heißt, siel'aus ^Nichts in's Daseins gerufen. Die Lehre von der Schöpfung, daß nämlich die Wett nicht von ewig her besteht, sondern auf den Werderus des einzigen, allmächtigen Goites erstanden, ist eine der Grundlehren des Judenthums. Durch sie unterscheidet sich unsere heilige Religion von allen heidnischen Religionen und von allen philosophischen Systemen des Alterthums und den meisten des Mittelalters und der Gegenwart. Der höchste und wichtigste aller sittlichen Begriffe, der Begriff der Freiheit, ist nur auf Grundlage dieser Lehre denkbar. In allen heidnischen Religionen und in den meisten philosophischen Systenien waltet das unerbittliche Fatum, die Naturnothwendigkeit, als das Höchstgebietende. Dem Fatum sind Götter und Menschen unterthan, müssen ihm gehorchen, unwiderruflich, unabänderlich. Von ] einer sittlich freien That kann unter einer solchen zwingenden Herrschaft nicht die Rede sei». Der Held vollbringt die Heldenthat nicht, weil er will, sondern weil er muß; der ". Tugendhafte übt Werke der Liebe und Barmherzigkeit nicht nach eigenem Ermessen, sondern einem unwiderstehlichen Drange folgend; der Lasterhafte muß dem Laster stöhnen und der Verbrecher kann nicht anders, als den Dolch mitjdem Herzblute des unschuldig Verfolgten färben. Es ist bei einer solchen Auffassung der Dinge nicht wahrzunehmen, woher die menschliche Gesellschaft das Recht nimmt, den Verbrecher zu bestrafen. Soll er eine That büßen, die er, der Naturnothwendigkeit folgend, hat vollbringen müssen? Oder soll die Strafe als Abschreckung dienen, zur Verhütung von Schandthaten, die durch die Naturnothwendigkeit hervorgerufen, gar nicht unterbleiben können? Ebensowenig haben wir nach dieser Auffassung der Dinge das Recht, die Großthaten der Helden und Wohlthäter der Menschheit zu belohnen oder auch nur anzuerkennen. Folgen ja auch diese lediglich der Nothwendigkeit und haben gar nicht anders handeln können. Wenn die Welt sich nach bestimmten unabänderlichen Gesetzen herausgebildet hat, sei es aus dem Urschleim, sei es aus Atomen, die sich zusammensetzten, so hat in ihr die Freiheit keinen Raum. Woher sollte sie kommen, woher sollte sie stammen? Die mechanischen Gewalten, den dem Stffe innewohnenden Gesetzen folgend, haben keinen freien Willen und können ihn den aus ihnen entstandenen oder den durch sie hervorgebrachten Gebilden nicht verleihen. Ganz anders gestaltet sich das Wesen des Menschen und seine sittliche Bedeutung durch die Lehre von der Schöpfung des Weltalls durch den einzigen, allmächtigen Gott. Wir wollen nicht erörtern, was war, ehe die Welt erschaffen wurde; das liegt außer dem Bereiche des menschlichen Wissens und Erkennens. Wir wollen uns nur an die Lehre der Thora halten: „Im Anfänge erschuf Gott den Hiinmel und die Erde,"^Gott, der einzige, allmächtige Gott, hat nach freiem Ermessen, als es Seiner Weisheit angemessen erschien, die Welt aus Nichts erschaffen und aus dem erschaffenen Stoffe die organischen Wesen gebildet; dem Menschen aber hat Er Geist von Seinem Geist eingehaucht, und ihm zugleich die Freiheit des Willens verliehen. Dem entsprechend hat Gott dem ersten Menschen etwas zu thun verbieten können.

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