Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1885)
- Date
- 1885-08-31
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Zweite Beilage zu Nr. 69 des Zsrnelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. _ Berlin, 26. Aug. Die Ausweisungen unserer Glaubensgenossen aus den östlichen Provinzen nehmen mit jedem Tage einen ernsteren Charakter all und mehren sich in geradezu erschreckender Steigerung. Wie der „Israelit" bereits mittheilte, sind aus dem Kreise Jnowraclaw eine große Anzahl Juden russisch-polnischer Nationalität ausgewiesen worden. Inzwischen hat das Ausweisungsdekret in Kennen 47 jüdische Familien mit 280 Seelen betroffen; aus anderen Städten der Provinz Posen treffen ähnliche Meldungen ein. Das Elend der Unglücklichen spottet jeder Beschreibung. Die Ausgewiesenen sind meist ehrsame Handwerker oder Handelsleute; sie alle müssen ihr Geschäft aufgeben, ihre geringen Habseligkeiten verkaufen und sehen einer trostlosen Zukunft entgegen. Uebcr die Gründe dieser mit unerbittlicher Strenge durchgeführten Ausweisungsmaßregel vermag kein Mensch eine begründete Antwort zu ertheilen, ausgenommen vielleicht der Herr Minister des Innern und dieser — schweigt. Die Polen werden ausgewiesen, angeblich um ihrer deutschfeindlichen Propaganda den Boden zu entziehen und um die östlichen Provinzen von jenen dem Staate gefährlichen Oppositionselementen zu säubern. „Warum aber in aller Welt," so fragen wir mit der Pos. Ztg., „weist man tausende unschuldiger jüdischer Mitbürger aus, die froh sind, wenn sie in Ruhe gelassen werden?" Oder glaubt vielleicht die hohe Staatsregier u n g, daß jene Handwerker und Handelsleute gegen Deutschlands Einheit im Geheimen wühlten? Glaubt etwa die hohe Staats reg ierun g, daß ein ruffisch-polnischer Cantor in Königsberg sozialistische Gesäuge anftimmcn oder daß ein österreichischer Rabbiner in Schildberg die Revolution predigen wird? Oder sollte die hohe Staatsregierung wirklich glauben, daß das Vaterland in Gefahr schwebe und der Bestand des Reiches gefährdet sei, wenn in Kempen oder in Jnowraclaw oder anderswo ein jüdischer Handelsmann sich den Tag über redlich quält, um seine Familie zu ernähren und wenn er müde und matt den Abend im Kreise der Seinen verplaudert oder in der Lektüre heiliger Glaubensschriften seine Erholung sucht? Ist das revolutionär? Ist das verderblich? Ist das strafwürdig? Jüngst beehrte, wie bereits mitgetheilt, ein Mitarbeiter der russischen „Nowoja Wremja" unsere Residenz mit seinem Besuch und interviewte bei diesen Gelegenheiten mehrere bekannte Persönlichkeiten betreffs der Ausweisung. Ein Rath im Ministerium des Innern erzählte ihm, daß die Ausgewiescncn meist Landstreicher seien, die ohne Paß überall wohnten, keinen Pfennig Stenern bezahlten und nur lästig fielen. Man müsse Gott danken für das kraftvolle Eingreifen des Herrn v. Puttkamer gegen diese Gesellschaft. Unbefriedigt ging der Correspondent in das russische Gesandtschaftshotel zum Baron Budberg, welcher erklärte, daß er noch keine Gelegenheit zur Intervention gefunden, weil noch nicht ein einziger Ausgcwicsencr sich beschwerdeführend an die Gesandtschaft gewandt hätte (!). Noch inehr nach „Wahrheit" dürstend wanderte unser Correspondent zu einem „sehr großen Bankier", der es ihm nun endlich sagte, daß sämmtliche Ausweisungen nur Anstiftungen der deutschen Juden seien, welche ihre polnische Glaubensgenossen gern vom Halse hätten!! Nun hatte der Correspondent genug erfahren, um einen „Bericht" über die Gründe der Ausweisungen abfassen zu können, dessen Haltlosigkeit bereits von anderer Seite nachgewiesen ist. Der wahre Grund liegt ganz anderswo — und wir werden uns sorgsam hüten, ihn auszusprechen. Diese Lamentationen vermögen aber nicht über den Ernst des Augenblicks hinwegzuhelfen: es ist vielmehr dringende Pflicht der deutschen Juden hier die vielgcrühmtc jüdische Solidarität zu bethätigen und helfend den Glanbensbrüdern zur Seite zu stehen. Die Polen haben bereits Comitcs an verschiedenen Orten gebildet, um die Ausgewiesenen mit Reisegeld u. s. w. zu unterstützen; auch einer ganzen jüdischen Familie in Neustadt an der Warthe ist vom polnischen Comite ausreichende Hülfe zu Theil geworden. Doch dem letzteren stehen selbst nur geringe Mittel zur Verfügung, die natürlich meist zur Linderung der Noth ihrer Stammesgcnossen Verwendung finden. Von einer Deputation polnischer Edelleute, die nächste Woche nach Berlin kommt, um de» M i n ifter event. den Kaiser um Aufhebung oder um Milderung des Ausweisungsrescriptes zu bitten, verspricht man sich wenig Erfolg; doch will man nichts unversucht lassen. Es muß daher nnge-