Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVI. Jahrgang. Erste Beilage zu Ur. 68 des Israelit. Leitender Artikel. Amerikanische Briefe. XU. □ New-Jort, 9. August. Wenn ich heute meiner Pflicht als Korrespondent Nachkomme, so ist dies um so schwerer, als der Stoff, der mir für meinen heutigen Brief zur Verfügung steht, ein ziemlich magerer ist. Die sogenannte bessere Klaffe befindet fich auch hier zu Lande in der Sommerfrische und daß der größere Theil der Rabbis sich ebenfalls von den Strapazen der Arbeitslast Erholung vergönnt, ist nicht mehr als recht und billig. Die Thätigkeit eines großen Theils der Herren „Seelsorger" ist eine so anstrengende, daß man ihnen gerne die nöthige Ruhe gönnt, und ist nur das Eine dabei bedauerlich, daß sich diese Ruhe bei vielen nicht auf eine lange unbestimmte Zeit ausdehnt. Einem der vielen unbekannten Rabbinergrößen in unsrer Metropole, den: Reverend, oder wie er sich selbst mit Vorliebe heißt, „Rabbi" Browne scheint die Abwesenheit der Köhler, Gottheil und Konsorten wieder frischen Muth gegeben zn haben. Der „Israelit" hatte im vorigen Jahre anläßlich der Reise dieses kleinen „Gernegroß" demselben eine etwas ausführlichere Würdigung zu Theil werden lassen und derselbe ist daher den Lesern dieses Blattes nicht frenid. Browne, Rabbiner einer kleinen Reformgemeinde, möchte immer gerne den Konservativen spielen; seine Religiosität ist aber nicht viel weiter her als diejenigen seiner Herren Concurrenten. Seine Kollegen ignoriren nun diesen Mann, und da er doch gerne groß dastehen möchte, so bleibt ihm nichts übrig als selbst die Trommel für sich zu rühren. Wenn diese Marktschreierei und dies Hervordrängen nicht den nöthigcn Erfolg hat, so liegt dies sicher nicht an dem Doktor, sondern vielmehr an dem Publikum, das, wie so oft im Leben,' auch hier das wahre Verdienst nicht nach Gebühr belohnt. In meiner alten Heimath kannte ich einen Geschäftsmann, dem wegen seiner Zudringlichkeit einmal die Thüre gewiesen wurde; drei Tage hernach erschien der biedere Mann wieder in demselben Hause, von wo man ihn all die Luft gesetzt hatte und entschuldigte sich wegen des Austritts, bemerkend, er sei etwas heftig getvesen. Ein zur Thüre Hinausgeworfener sich selbst entschuldigend ob seiner Heftigkeit; kannst Du inehr verlangen, lieber Leser? Run, ein Seitenstnck zu diesem höflichen Geschäftsmann bildet Rabbi Browne. Während die jüdische Geistlichkeit in richtigem Takte sich stets vorn politischen Kampfe ferngehalten hatte, glaubte Browne im vorigen Jahre anläßlich der Präsidentenwahl von sich hören lassen zn müffen. Bei einem Besuche bei dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten zog er weidlich über den demokratischen Gegner los und sagte unter Anderem unter Anspielung auf die von republikanischer Seite in Umlauf gesetzten lügnerischen Berichte, betreffs des ledigen demokratischen Kandidaten: Wir Juden wünschen nicht, daß das weiße Haus (Sitz des Präsidenten) eine Junggeselleilhalle werde." Das unverschämte Auftreten B's. fand allenthalben umsomehr die entschiedenste Rüge, als die Majorität der Juden für den demokratischen Kandidaten stimmte, der, trotz der Gebete Browne's für seinen Gegner, den Sieg davontrug. Die damalige Blamage rief selbst den Unwillen seiner kleinen Gemeinde gegen ihn wach, und dies mochte ihn wohl veranlaßt haben, für einige Zeit seine Marktschreicrei einzustellen. Anläßlich des Auftretens Kohuts versuchte er ebenfalls gegen Köhler und Konsorten aufzutreten, allein da ihm jeder Anhang außerhalb seiner Gemeinde fehlte und zudem von dem Konservatismus B's. wenig außerhalb seiner Reden zu merken ist, fanden seine Worte wenig Beachtung, und erst der Tod des großen Generals und ehemaligen Präsidenten Grant sah ihn wieder mit fliegender Fahne auf den Wällen. Die langwierige Krankheit dieses hervorragenden Generals hatte allenthalben das größte Beileid hervorgerufen und gar Viele haben den tapsern Mann und Heros seines Vaterlandes stille in ihr Gebet eingeschlossen. Rabbi Browne gab von seinen Gebeten der Familie und besonders dem Freund und geistlichen Berather der Familie Kunde, und so kam es, daß nach dem Tode Grants Herr Browne als Vertteter des Judenthums zu den Leicheufeierlichkeiten eingeladen wurde. Die Leichenfeierlichkeiten am letzten roty waren die großartigsten, die je in Amerika gesehen wurden, allein obwohl Browne des rot? wegen imZug neben der Chaise einher ging, hat man ihn doch wenig beachtet. Auch in Montefiore-Cultus arbeitet B. und hat er ein konnte znsammengebracht, dem er /