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Der Israelit · 1885-06-22 · Heft 49 (22.6.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 49 (22.6.1885)
Date
1885-06-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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817 „Und welch ein prächtiger Shylock war das heute," fuhr der Geistliche fort. „Jeder Zoll ein finsterer, rachedürstender und geiziger Jude. Ich glaube, der Dichter hat in dieser Gestalt den innersten Charakter des Juden in vollster Wahrheit getroffen." „Das wage ich zu bezweifeln," sagte der junge Mann, und eine tiefe, jähe Rothe überflog sein Gesicht. „Sie glauben also, Shakespeare habe Unrecht?" „Wenn es seine Absicht gewesen, den Juden zu charakterisiren, ja; aber seien Sie überzeugt, der große Dritte dachte nicht daran. Er wollte, wie in neuester Zeit ein bedeutender Literarhistoriker bemerkt, seinem Publikum eine Concession machen, denn er war Theater-Director und wollte als solcher volle Hauser erzielen, und deshalb gab er ihm eine Art Knecht Ruprecht zum Besten, in der Gestalt des Juden Shylock, weil der Pöbel sich daran ergötzt, den Juden in mißlicher Gestalt vorzeführt und verhöhnt zu sehen." „Aber Shakespeare hat seinen Kaufmann von Venedig nach einem vorhandenen Stoffe geschaffen, dem eine wahre Begebenheit zu Grunde liegen soll." „Das wird von Vielen bestritten; die Sache soll umgekehrt gewesen sein; doch mag es sein! Kann die menschliche Natur nicht auch beim Juden irre gehen, so gut wie beim Christen?" „Wie beim Christen? Die Seele des wahren Christen geht niemals irre, mein Freund," sagte der Missionär zurechtweisend. „Unser Herr Dessau ist heute Abend nicht guter Laune," sagte die ältere Dame in einem freundlichen Tone. „Und wenn ich nicht irre, ist es das morgen Abend beginnende Versöhnungsfest, das ihn verstimmt. Ich sage mit einer Variante aus Göthe's Faust: „Dir steckt der Jude noch im Leib!" „Allerdings, ich kann nicht leugnen, daß die Erinnerung an diesen Tag mich verstimmt, besonders das Andenken an meine alten Großeltern. Doch trotzdem ist mein Urtheil durchaus nicht befangen, und Herr Doctor Scharf darf es als ganz objectiv gedacht betrachten, wenn , ich ihm erwidere, daß der wahre Christ nicht minder irre gehen kann, als jeder Mensch überhaupt." „Beweise, mein Lieber, Beweise! Doch lassen wir für heute das Gespräch fallen, ich bemerke, daß unsere junge Freundin sich zu langweilen beginnt, obschon ihre Bescheidenheit das nicht eingestehen will, nicht wahr, liebe Marie?" „Ei, ei, Herr Doctor!" lachte Moritz. „Sie bringen das Fräulein da in eine arge Verlegenheit." „Wieso?" fragte der Doctor hastig. „Nun, Sie zwingen das Fräulein entweder unbescheiden gegen uns zu sein, indem sie ihre Langweile bei unserm Disput eingesteht, oder unbescheiden überhaupt, wenn sie gesteht, daß die Bescheidenheit es ihr verbiete, unser» Streit als langweilig zu bezeichnen." Marke lachte bei diesen Worten hell auf, und während der Doctor mit einem Stirnrnnzeln die Lippen zusammenkniff, lehnte sich die ältere Dame mit einem bitterbösen Gesicht in die Ecke des Wagens zurück. Sie war erzürnt über Moritz, daß er dem Doctor eine Schlappe beigebracht, und über Marie, daß sie darüber lachte. Der Wagen hielt bald vor einem großen Hause still. Doctor Scharf stieg aus und war dann der älteren Dame behnlflich aus dem Wagen zu steigen, während Moritz Marie seinen Arm zur Stütze bot. Dann verabschiedeten sich die Herren von den Damen. Der Doctor bot Moritz einen Sitz in seinem Wagen an, aber dieser lehnte dankend ab, indem er vorgab, einen Freund besuchen zu müffen, der ganz in der Nähe wohnte. Als Marie mit ihrer Mutter allein war, sagte diese: „Es war recht unschicklich von Dir, meine Tochter, in Gegenwart des Doctors über Herrn Dessau's Scherze zu lachen. Ich glaube, er hat es Dir übel gedeutet." „Nun, Mama, er wird gewiß wieder gut werden, und wenn nicht, nun läßt eres eben bleiben," sagte Marie mit einem leichtsinnigen Achselzucken und einer Miene, in der eine unverkennbare Geringschätzung lag. „Kind, Kind!" warnte die Mutter, „er ist ein Mann nach dem Herzen Gottes." „Mama!" sagte das Mädchen mit einem zurechtweisenden Stirnrunzeln. „Nun, Du hegst gegen Doctor Scharf etwa doch keinen Zweifel?" „Lassen wir das, Mama. Aufrichtig gesagt, es reut mich, Moritz in meine Netze gelockt zu haben." „In Deine Netze gelockt! Kind, welch ein Ausdruck für ein Weib, das seine Schönheit dazu anwendet, Männern anderen Glaubens zur ewigen Seligkeit zu verhelfen." „Der Zweck wird in meinem Falle so selten erreicht. Oder nennst Du etwa den Juden Hirschfeld eine Errungenschaft der Gesellschaft? Er nahm Geld, ließ sich taufen und ging am Abend desselben Tages nach der Synagoge; und so geht es mit allen, die Ihr zu Renegaten macht!" „Geht etwa Doctor Scharf auch zur Synagoge?"

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