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Der Israelit · 1885-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1885) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1885)
Date
1885-05-18
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Marmor ausgchauene Büste der Verstorbenen!!! Wir glunben kaum, das; auf dem weiten Erdenrunde so etwas sich wiederfindet. Von dem neben der Wormser Synagoge belegcnen Beth Hamidrasch unseres großen Lehrers Rasch! wollen wir in einem folgenden Artikel berichten. Hs gibt Keinen Zufall. Die Familie des Kaufmanns S .... saß am Vorabend de« Sabbats am Tische in traulicher Unterhaltung. Ter älteste Sohn war erst vor wenigen Stunden von einer größeren Reise znrückgekehrt und erzählte von seinen Erlebnissen. — „Es war ein merkwürdiger Zufall," so schloß er seinen Bericht, „daß ich dem Eommcrzicnrath L .... auf der Straße begegnete". - „Zufall V sagte der Vater, „es gibt keinen Zufall. Alles, was wir so nennen, ist eine Fügung des allwissende:: und allmächtigen Gottes. Gerade in Bezug auf diesen Eommerzienrath L.... kann ich Euch ein merkwürdige« Erlebnis; erzählen. Es sind länger als NO Jahre her; da reiste ich nach H., um dort Einkäufe zu besorgen. Als ich daselbst einen Besuch in einer befreundeten Familie machen wollte, ging ich in einen Laden, um für die Kinder des Hanfes einige Kleinigkeiten zu kaufen. 'Wie jubelten die Kleinen, als ich ihnen da« Mitgebrachte vertheilte; ich halte meine rechte Freude daran. Plötzlich gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß ich meine Brieftasche nicht mehr hatte; ich mußte sie indem Laden, in welchem ich die Einkäufe gemacht, haben liegen lassen. Eilig verließ ich das Haus, um die verlorene zu suchen. Ich kannte weder den Namen des Geschäftes, noch die Straße, in der cs belegen. Ziemlich unbekannt in der großen Stadt, lief ich von Straße zu Straße, ging in 4—5 derartiger Geschäfte, ohne da« rechte gefunden zu haben. Da gelobte ich mir, den zehnten Theil der in der Brieftasche erhaltenen Baarschaft zu einem guten Ztvecke zu verwerthen. Ich gewann sofort meine Ruhe wieder, sah mich sorgfältig um, prüfte genau und fand den gesuchten Laden. Als ich eintrat, überreichte mir der Besitzer desselben sofort die verlorene Brieftasche, in der sich etwa taufcub Thalcr in E affenscheinen befanden. Den ganzen Tag hatte ich in H. zu thun und hatte im Trubel der Geschäfte mein kleines Erlebniß fast vergessen. Abends besuchte ich in dem benachbarten A... einen Jugendfreund, einen Lehrer, der Pensionäre hielt. Ich traf ihn nicht zu Haufe; die jungen Leute waren im Speisefaale versammelt, um das 'Abendessen zu sich zu nehmen. Während ich mich nach dem Befinden meines Freundes erkundigte, kam ein junger Mann und stellte das Ersuchen, daß einer der erwachsenen Knaben mit ihm gehe, da in einem Trauerhause für das Abendgebet zum Minjan ein Mann fehle. Keiner der hungrigen jungen Leute wollte sein Abendessen aufschieben: sie hatten Alle schon Maariw gebetet. — Ich gehe mit Ihnen, sagte ich, unter der Bedingung, daß Sie mich nachher an die Haltestelle der Omnibusse führen, da ich heute Abend noch nach H... zurückkchren will. Er versprach es und hielt sein Versprechen. Während wir auf die Ankunft des Omnibus warteten, schilderte mir der junge Mann seine traurige Lage. Er war mit einem armen Mädchen verlobt und konnte nicht heirathen; er hatte eine alte, kranke Mutter zu ernähren, und es fehlte ihm an Geld, um sein Geschäftchen genügend zu betreiben. — Ja, sagte er, wenn ich hundert Thaler hätte, ich wäre ein gemachter Mann! Schweigend zog ich meine Brieftasche hervor, nahm einen Hundertthalerschein heraus und überreichte ihn dem vor freudigem Schreck fast Erstarrenden. Ich mußte ihn zurückhalten, sonst wäre er vor mir niedergesnnken und hätte meine Füße geküßt. In diesem Augenblicke kam der Omnibus herbei, den ich eiligst erstieg. Der von mir Beschenkte rief mir noch nach: Ich werde Sie nie vergessen, und Sie werden von mir hören! Mein Name ist L.... Der Omnibus rollte dahin, und ich wußte jetzt, daß es kein Zufall war, als ich meine Brieftasche verlor. Ich hatte sie verlieren und wieder finden müssen, damit L.... die hundert Thaler erhalte, deren er so sehr bedurfte. Dieser L. ist jetzt ein geachteter, wohlhabender Kaufmann; unlängst hat ihm der Großherzog von W. den Titel eines Eommerzien- Rathes verliehen. In seiner Fabrik sind 800 Arbeiter beschäftigt. Vielleicht hätte er durch sein Talent und seine Begabung sich auch ohne meine hundert Thaler emporgeschwungen. Dann aber hätte der allgütige Gott andere Mittel gesendet, ihn andere Wege geführt. Einen Zufall aber gibt es nicht. Wir erkennen nicht immer die Wege des Allweisen und betrachten sie nur zu häufig als Ausgeburten des blinden Zufalls, während alle aus Seinen erhabenen Plänen hervorgehen." Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Expedition große Bleiche Nr. 45. Druck und Verlag von Oscar Lehmann in Mainz.

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