Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1885)
- Date
- 1885-05-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXVI. Jahrgang. Zweite Beilage zu Nr. 39 5- 40 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 17. Mai. Vor einigen Tagen hatten wir abermals einer Lügenstrafnng zu gedenken, die Herr Stöcker wegen seiner Aenßerungen über den Eid der Juden sich von dem protestantischen Professor der Theologie Tr. Hermann L. Strack in den Spalten der „Krenzzeutung" gefallen lassen muhte. Herr Stöcker hatte sich darauf einen „gelehrten" Vertheidiger von etwas anrüchiger Vergangenheit bestellt, einen Vertheidiger, der mit wenig Witz und viel Behagen die Behauptungen des antisemitischen Agitators wipenschastlich aufrecht zu erhalten versuchte. Herr Professor Dr. Strack sendet der „Krcnzzeitung" nun abermals eine Berichtigung zu, der wir das Folgende entnehmen: „Manche fragen, ob es denn erforderlich, ja auch nur zu rechtfertigen sei, daß ein christlicher Theologe die Juden verthcidige gegen einen christlichen Geistlichen, welcher, ganz abgesehen von seiner Behandlung der „Judcnfragc", wegen seiner Bekämpfung der Socialdemokratie so vielen Angriffen ausgesetzt sei und der sich doch auch auf dem Gebiete der Stadtmission unleugbare Vedienstc erworben habe. Die Juden könnten sich ja selbst vertheidigen. Daraufhin habe ich zu erwidern: Ich habe Jahre hindurch im Privatverkehr, in Berlin und in Jerusalem, gegenüber Inden und gegenüber Christen, Herrn Hospredigcr Stöcker warm gegen alle ungerechten Angriffe nach Möglichkeit geschildert. Es handelte sich um eine Anklage, die gegen ein Stück der orthodox-jüdischen Gottcsdienftorduung gerichtet war, um eine Anklage, welche beunruhigend zu wirken geeignet war. Gern nehme ich Akt davon, daß Herr Hospredigcr Stöcker am 8. Mai erklärt hat : „Ich habe keine Schlußfolgerungen daran geknüpft, habe nicht gesagt, man solle dem Judeneid nicht mehr trauen." Gut; aber lag es nicht für die über den Ursprung der Formel und die offiziellen Erklärungen der jüdischen Autoritäten nicht unterrichteten Hörer und Leser sehr nahe, solche Schlüsse zu ziehen? Eine von Inden ausgehende Antwort wäre von den „Antisemiten"-Blättern für unglaubwürdig erklärt und mit der Frage: „warum sprechen keine kundigen Christen für Euch?" — zurückgewiesen worden. In Berlin aber bin ich wohl der einzige geborene Christ, welcher das Jndenthum und die einschlägige jüdische Literatur so weit kennt, daß er mit Fug über diese Frage ein Urtheil zum Drucke geben dsrf. Anklagen, die etwa über Wucher, Fälschungen und dergleichen, als in der Gegenwart geschehende Versündigungen, mit Gründen vorgebracht werden, zu erörtern, würde ich mich nur in ganz besonderen Fällen entschließen. Auf diesen Gebieten können andere, soweit cs erforderlich oder möglich ist, besser als Vertheidiger auftretcn, Inden wie Christen. In dem vorliegenden Falle hatte ich als sachverständiger christlicher Theologe die Pflicht, zu reden, und ich hätte auch durch Schweigen gegen mein Gewissen verfehlt." So hat sich denn der christlich-soziale Demagoge abermals eine Abfertigung zngezogen, die zur Vermehrung seiner Autorität und Glaubwürdigkeit nicht beitragen dürfte. Berlin, l->. Mai. Am vergangenen Sonntag haben wir eine Frau zu Grabe getragen, die durch eine seltene Charaktergröße, durch ihren Seelenadel, wie durch ihren Wohlthätigkeitssinn in den weitesten Kreisen sich eines trefflichen Rufes erfreute. Es war dies Frau Henriette London, die Gemahlin des ebenfalls rühmlichst bekannten, Herrn Hermann London, Vorsteher der Adaß-Jsroel-Gemeinde, des Sprosses einer Familie, der viele Träger berühmter jüdischer Namen entstammten. Von der Verehrung, die die Verblichene unter Reich und Arm genoß, legte die Beerdigung ein beredtes Zeugnis; ab. Nachdem im Trauerhause Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer gesprochen, hielt ein Neffe der Frau London, Herr Rittergutsbesitzer Felix London, eine tieferschütternde, von heiligem Schmerze durchzitterte Ansprache. Am.«, imposanten Leichenznge nahmen auch die Schüler und Schülerinnen der Religionsschule der Gemeinde Adas; Jisrocl, in dessen Vorstand Herr London sitzt, in unabsehbarem Zuge Theil. Mögen die Hinterbliebenen in dem erhebenden Bewußtsein Trost finden, daß die Verstorbene durch ihre Thatcn sich in den Herzen Vieler ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.