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Der Israelit · 1885-01-29 · Heft 8 (29.1.1885) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 8 (29.1.1885)
Date
1885-01-29
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Aua einem Schreiben des Herrn Dr. Herz b erg, Direetor des israelitischen Waisenhauses in Jerusalem. Verehrter Freund! Jerusalem, 29. Kislew 5645. .. Die Idee unserem Jöbl. Vorstandes, die Schule des Waisenhauses auch anderen Kindern zu öffnen, hat unter den Aschkenasim grossen Anklang gefunden, und wir haben zu unseren 16 Waisen Tagesschüler ausgenommen. Das Schulmaterial muss man ihnen natürlich liefern, und es wäre eine sehr grosse Wohlthat, wenn wir diesen Kindern, die meist sehr arm sind, das Mittagmahl gewähren könnten. Diese Kinder essen ihr Stückchen trocknes Brod mit einer Zwiebel während sich die Unseren zu Tische setzen; verschweigen will ich Ihnen nicht, dass ich drei der Aermsten, die zu gleicher Zeit Waisen sind, an unserem Mahle theilnehmen lasse, natürlich auf meine Kosten. Allen diese Wohlthat zu gewähren, würde 7—800 Frcs. p. a. kosten. Die Anforderungen an mich sind gross, und es ist mir zuwider solche Dinge an die grosse Glocke zu hängen. So habe ich kürzlich einen Knaben, Mosche Feilenhauer zu seinem Vater nach Alexandrien gesandt, damit er hier nicht verloren gehe. Das hat mich ca. 30 Frcs. gekostet. Einen anderen, Abraham Kossek habe ich nolens volens auf meine Kosten zunehmen müssen. Das Kind lag Nächte hindurch an unserer Schwelle auf den kalten Steinen, weil der grausame Stiefvater es selbst Nachts aus dem Hause jagte, wenn das Kiuu sich sehen liess. Das Ungeheuer hat den Jungen bereits an verschiedene Missionsanstalten abgegeben, von wo ihn brave Juden wieder befreiten.—Jetzt geht der Mensch, ein rumänischer Emigrant, mit seiner Frau und einem anderen Kinde nach Egypten, und so bedenklich es auch ist, sich eine solche Last dauernd aufzuladen, kann ich doch das Kind nicht auf die Strasse stossen. Ich werde den intelligenten Knaben sehr bald zu einem Meister in die Lehre geben, dabei wird er die ersten Tagesstunden an unserer Schule Theil nehmen. Der Verein "C'rni mit dem ich mich seinethalben in Verbindung gesetzt, hat mir 75 Frcs. p. a. für ihn bewilligt. — Eine grosse Frende hatte ich, als mir kürzlich von unserem wackeren Verwaltungsraths- Mitgliede Herrn L. H. 47'/z Fr. und von einem unbekannten Gönner aus Berlin 5 Fr. zur bestmöglichen Verwendung zugesandt wurden. Mit einem kleinen Zuschuss konnte ich vier der ärmsten Tagesschüler, die in dieser rauhen Witterung mit Lumpen bekleidet einhergingen, mit neuen warmen Gewändern versehen. Es war herzerfreuend und rührend, das Glück und den Stolz dieser braven Kinder zu sehen, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben so gut ausgestattet waren. Sie sehen, verehrter Freund, dass wenn unsere Arbeit schwer ist, wir doch auch der Freuden nicht entbehren. Ueber die erfreuliche Entwickelung unserer Schule werden Sie Näheres in meinem Berichte finden. Hier will ich nur die ausgezeichneten Fortschritte hervorheben, welche die Kinder unter der Leitung eines amerikanischen Herrn in der englischen Sprache machen. In dem Sohne dieses Herrn ist es mir neuerdings gelungen einen gediegenen Zeichenlehrer zu gewinnen. .Der Oesterr.- Ungar. Gonsul, Ritter v. Strauss, besuchte vor einigen Wochen unsere Anstalt, nahm alle Einrichtungen in Augenschein, prüfte selbst die Kinder während mehrerer Stunden und äusserte sich schliesslich recht befriedigt. Unter unseren Tagesschülem befinden sich vier russische Emigrantenkinder. Mit herzlichem Grosse, ' Ihr Dr. W. Herzberg. Druck von David Loui» Wolff in Ra-drdurz.

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