Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 67 (21.8.1884)
- Date
- 1884-08-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXV. Jahrgang.' Iwrlle Seilage zu Nr. 67 des Israelit. Leitender Artikel. Aeöer Hleligion und rekigiösen Sinn der Weuzett. Von Dr. H.Sänger. VI. Religion will man haben, dem Judenthum will man angehören, das behaupten die Meisten, die sich aus Religion und Judenthum außerordentlich.wenig machen, ja, die der jüdischen Religion nicht nur gleichgiltig, sondern feindlich gegenüberstehen. Ist es nicht traurig, daß man heute dem Juden gegenüber die Berechtigung der jüdischen Religion erst beweisen muß, daß man sie gegen seine Angriffe zu vertheidigen gezwungen ist! Wir brauchen aber im Grunde genommen unsere Religion gar nicht so ernstlich zu vertheidigen, denn jene modernen Juden sind nicht so ernst zu nehmen, sie sind in ihrer Mehrzahl nicht durch die Wissenschaft, auch nicht durch eigenes Nachdenken dazu gekommen, sich mit ihren Behauptungen und mit ihrem Leben fort und fort in Widerspruch zu setzen, indem sie auf der einen. Seite den Juden betonen, andererseits dem Judentum feindlich gegenübertreten, da die Religion verspotten und dort sich brüsten, auch religiös zu sein; es handelt sich, wie schon angedeutet, um weiter nichts, als um eine feige Schwäche vor der christlichen Welt, in deren Mitte wir leben, als Jude, als gesetzestteuerJude zu erscheinen und möglicherweise seiner Religion wegen verspottet zu werden. Im Großen und Ganzen sind es doch nur sehr wenige Christen, die den Juden, wenn er als solcher sich zeigt, wenn er gesetzestreu lebt, seiner Religion wegen geringer schätzen. Die christliche Welt, die ja so viele specifisch christlich religiöse Gebräuche hat, weiß es sehr wohl, daß auch die Mische Religion specifisch jüdisch religiöser Gebräuche öenöthigt. Ja, wir können fest behaupten, daß auch die heutige christliche Welt in dem Juden immer noch lieber den echten, gesetzestteuen Juden sieht, als den, welcher sich über seine Religion lustig macht, oder sich ihrer schämt. Denn ein solcher denkt auch über jede Religion leichtfertig, verliert in den Augen jedes religiösen Menschen an moralischem Werthe. Nebst dieser feigen Furcht verlacht zu werden, welcher Gefahr aber derjenige, der streng nach den großen, erhabenen Lehren unserer Religion lebt, sehr selten ausgesetzt sein wird, kommt dann ein anderer Vorwand, ein rein persönlicher Vorwand, daß die jüdischen Gesetze nicht mehr paffen. Dem Einen paßt der Sabbat nicht mit seiner Enthaltsamkeit von jeder Arbeit; dem Andern sind die vielen Feiertage nicht recht und bedeutungslos; dem Dritten ist das Speisegesetz unbequem und deßhalb veraltet; der Vierte hält die Beschneidung für ein Sanitätsgcsetz, das von der heurigen Wissenschaft als lächerlich hingestellt wird; der Fünfte spricht dem Judenthum das Recht ab, eine nach jüdischem Gesetze zu vollziehende Ehe zu verlangen, seitdem die Civilehe staatliche Forderung ist. Ein Sechster findet unser Moralgesetz zu streng und übertrieben; kurz, ein Jeder spricht sich das Recht zu, nach seiner persönlichen Neigung und Laune dem jüd. Gesetze Berechtigung abzuerkennen. Wollte man nach dieser Weise auf anderen Gebieten verfahren, welche Willkür, welche Verwirrung würde.da Platz greifen, wie unhaltbar wären da alle Verhältnisse und Zustände. Unbequem sind z. B. gar viele staatliche Einrichtungen und. Gesetze. Manches Gesetz ist für den Einen eine Beschränkung, behagt nicht seiner persönlichen Neigung, befriedigt nicht seine persönlichen Wünsche. Aber er fügt sich doch der Nothwendigkeit und wird im Ganzen ein gesichertes, organisirtes Staatsleben doch vorziehen. Das Allgemeinwohl steht und muß ihm höher stehen als persönliche kleinliche Rücksichten. ' Der jüdische Sabbat und die jüdischen Feiertage haben jedenfalls ihre Berechtigung, auch wenn sie, nach persönlicher Ansicht, für den Einen oder Andern keine Bedeutung haben sollten. Wenn der Jude den Sonntag des Christen oder den Freitag des Muselmanns mitfeiert, so stellt er sich damit auf den speciell christlich oder muselmännisch religiösen Standpunkt und nicht auf den kosmopslitischen, den der moderne Jude ostentativ zur Schau zu. ttagen beliebt, obgleich von diesem Kosmopolitismus auf dem Gebiete der Religion fast Niemand was wissen will. Wir glauben, daß weniger diese großherzigen, kosmopolitischen Grundsätze der Verleugnung des Sabbat zu Grunde liegen, als viel-