Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1884)
- Date
- 1884-02-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXVI ahrgang. Zweite Geilage;n Ar. ll -cs Israelit. ZeiLungSnachrichter: nnd Correspondenzen, j Ocst.-Nngar. Monarchie. i Budapefi, 4. Febr. Ans den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses theile ich Ihnen im Nüchstehenden einen Auszug aus der Rede des berühmten Dichters Moriz Jokai mit: - - Bei Aufrufung feines Namens entstand lebhafte Bewegung im Saale.. Die Abgeordneten strömten aus den Couloirs in den Saal. Unter tiefer Stille begann Jokai: Wir waren daran gewöhnt, daß die radicalen Redner auch zu anderen Zeiten im Abgeordnetenhause kühne Ideen lancirten, aber dieselben bezogen sich auf die Reform der herrschenden Religion. Auch diese begegneten großen Schwierigkeiten, aber sie waren in ihrer Kühnheit würdig, Enunciationen der radicalen Partei zu sein. Gegenwärtig will die radicale Partei Ungarns die unterdrückteste, verfolgteste Confession des Landes, die Inden rcformiren. Nicht blos Mts dem Partcimanifest, sondern auch j aus der Rede des Abgeordneten Herman ist zu ent-! nehmen, daß man von Juden ihr Bekenntniß fordert. Man sagt, sie sollen ihren Katechismus herausgeben, und doch ist derselbe in den fünf Büchern Mosis zu finden. Was dessen Grundlage bildet, ist nichts Anderes, als die auf dem Berge Sinai offenbarten zehn Gebote, dieselben zehn Gebote, die auch die Grundlage der christlichen Religion bilden. Einst fragte ein englischer Lord den Sir Moses Montefiore: „Wenn die Gebote der christlichen und der jüdischen Religion dieselben sind, worin liegt dann eigentlich der Unterschied?" worauf Montefiore erwiderte: „Daß wir die Gebote auch befolgen." Dieselben sind also kein Geheimniß. Uebrigens sind solche jüdische Katechismen bereits vielfach der Oeffei-tlichkeit übergeben. Die Juden besitzen aber auch ein anderes, ihre Religion illustrircndcs Werk, den sogenannten Schulchan Aruch. Auch dieses ist kein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch, sondern ist durch jede Buchhandlung in wortgetreuer deutscher' Uebersetzung zu beziehen; ich habe cs auch durchgelesen und kann aus voller Seele sagen, daß ich darin nichts gefunden habe, was, sei es mit dem Staatsgedanken, sei es mit der christlichen Religion oder der gesellschaftlichen Ordnung in Widerspruch stünde. Der Unterschied zwischen orthodoxen und Reformjuden besteht eben darin, daß Erstere die Cercmonicn i des Schulchan in deren Gänze erhalten wollen, wäh-! rend Letztere über einige derselben zur Tagesordnung; übergehen. Ich kann keinen Grund finden, weßhalb! der Staat sich in diese Dinge einmeugen soll. (Zustimmung rechts.) Was geht es den Staat an, wenn der orthodoxe Jude strenge an der sogenannteir' „Chalize" festhält, damit Niemand genöthigt sei, die Wittwe seines verstorbenen Bruders zu heirathen? Uebrigens ist das kein Buch, das man für Elementarschulen herausgeben kann; wenigstens die Hälftdesselbcn ist ausgefüllt mit den Ceremonien der Ehee schließung, und die Hälfte dieser Hälfte beschäftigt sich mit einer sehr delwaten Erörterung, nämlich mit jenem unwiederbringlichen Gute der Frauen, das sie nach der Ehe verlieren. Das kann man in den Elementarschulen nicht lehren. Der Abg. Hermann sagte auch, die Inden sollen von ihren alten Gewohnheiten ablaffeu und Jerusalem nicht mehr betrauern. Also, wir Christen be- , weinen Jerusalem nicht? Begießen wir nicht wähi rend der Charwoche die Gassen Jerusalems vom i Oelberge bis Golgatha mit unseren Thränen? Und jenes heilige Land, welches mit dem Blute von anderthalb Millionen Christen gedüngt wurde, ist nur uns heilig? Nur wir dürfen es beweinen, und die Inden,derenHcimat csgewesen, dürfen seiner nichtgedenkcn? Ich finde ebensowenig etwas Scandalöscs darin, wenn die Juden Jerusalem betrauern, als wenn die Katholiken Rom für das Oberhaupt ihrer Kirche halten. Einer ist dazu ebenso berechtigt wie der Andere, und das geht den Staat absolut nichts an. Aus der Rede des Abg. Hermann leuchtet der Rath hervor, die Juden mögen aufhören, Juden zu sein. Das sei eine so einfache Sache. Sollen sie sich taufen lassen? (Widerspruch auf der äußersten Linken.) Ja, damit , würden die Juden vielleicht ihn und seine Gesinnungsgenossen befriedigen, nicht aber den Antisemitismus entwaffnen; die Antisemiten wollen die Taufe der Juden nicht, ihr Programm ist klar und bündig, sie wollen bei den Wahlen billig durchkommen, denn sie bedürfen für ihr Programm nicht als ein bischen Drohung. Die Einlösung eines Versprechens kostet immer ein Opfer, die Einlösung einer Drohung nichts, höchstens etwas Schläge. (Lebhafte Heiterkeit.) _,