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Der Israelit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 37 des „Fsraslit". euilleton ver Scvutr. Novelle von S. Lust, Mannheim. (Schluß.) „O, sicher wird er jetzt alles tun, daß ich meinen Schutz bekomme, und dann werde ich die liebe Recha heiraten. Die Geschichte mit dem Hündchen war doch ein großes Glück, für das ich dankbar sein muß, Recha darf ich natürlich nichts sagen, aber Herrn Jsenstein darf ich meine Hoffnungen Mitteilen, vielleicht kann er noch etwas nachhelfen. Gott sei dank, endlich kommt das Glück" So ging er selig lächelnd und Luftschlösser bauend für sich dahin und freute sich auch darüber, daß er seinenr Herrn eine Nachricht mitbringen konnte, die Herrn Jsenstein gewiß so angenehm sein würde wie ihm selbst. Aber wie ward er enttäuscht. Beim Eintritt ins Haus sah er nur verstörte, verweinte Gesichter. Recha lag schwer verletzt zu Bette. Zwei durchgehende Pferde waren durch die Dorfstraße gejagt, und Recha war zugesprungen, um ein auf der Straße spielendes Kind fortzureißen. Es war ihr gelungen, das Kind rechtzeitig der drohenden Gefahr zu entziehen, aber sie selbst hatte, da die Pferde im rasenden Laufe um die scharfe Ecke am Kirchhofe rannten, von dem Hinterteil des Wagens einen Stoß erhalten, daß sie mit der Stirne gegen einen im Wege liegenden Stein geschleudert wurde. Sie blieb bewußtlos liegen und eine breite klaffende Wunde zeigte sich an der Stirn. Schlimmer als das war es, daß der herbeigerufene Arzt einen Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung feststellte. Eine Woche schon lag sie bewußtlos zu Bette, da machte der Arzt ein bedenkliches Gesicht und auch die jüdischen Frauen von Zippelmannshagen, die immer einzeln erschienen waren, um sich zu erkundigen, kamen alle zu gleicher Zeit und setzten sich mit bekümmerten Mienen und schweigend an das Bett, sie hatten die Ueberzeugung, daß der fiebernde Geist Rechas im Begriff sei den Körper zu verlassen, so hielten sie treue Wacht, um die Sterbegebete sagen zu können, wenn der gefürchtete Augenblick eintreten sollte. Jetzt saßen sie still und lasen die deutschen Gebete für eine Schwerkranke aus ihren kleinen Hausandachtsbüchlein. Daniel stand traurig im Garten, die Stirn an die Hauswand gelehnt, als Jsenstein ihm auf die Schulter klopfte und in leiser, zitternder Stimme zu ihm sagte: „Daniel komm mit ins Zimmer, Recha hat eben im Fieber Deinen Namen genannt, vielleicht will sie Dich sehen, aber rege sie nicht auf durch Weinen", setzte er hinzu, als Daniel sich umkehrte und ihm sein tränenüberströmtes Gesicht zeigte. Daniel schluchzte tränenlos bis die krampfhaften Zuckungen in seiner Brust aufgehört und dann ging er, von Jsenstein geführt, an das Bett. „Jetzt darfst Du sie noch einmal küssen, sic ist ganz bewußtlos", sagte Jsenstein gerührt und legte Daniel die Hand auf die Schulter. Daniel beugte sich nieder und küßte die fiebernde Wange. „Gott sende Dir volle Genesung", lispelte er und ging dann, seinen Schmerz niederkämpfend, hinaus in die Vorratskammer hinter dem Laden, wo er, ungehört von allen, seinem Schmerze in lautem Schluchzen Luft machen konnte. Da erschien der Ortspolizeidiener, der Daniel sofort zu sprechen wünschte. Daniel erhielt den Befehl, noch denselben Nachmittag auf dem Landratsamte zu erscheinen. Was gilt der Schmerz? Der Obrigkeit mußte er folgen und er machte sich auf den Weg nach der eine Stunde entfernten Kreisstadt. Ehe er fortging suchte er die Frau von Wolf Löwenstein noch einmal zu sprechen, die als die erfahrenste unter den jüdischen Frauen von Zippelmannshagen galt, in der Hoffnung, seine niederdrückenden Zweifel durch ein trostreiches Wort zu besiegen, aber Frau Löwenstein konnte ihm auch nur jenen billigen Halbtrost sagen, den das Mitleid mit den Angehörigen eingiedt: „So lange der Mensch atmet, ist Hoffnung", sagte sie, und fügte das zweite Wort hinzu, das man braucht, wenn man selbst hoffnungslos ist, das Wort: „Wenn unser Herrgott will, kann er helfen." Daniel las mehr aus den Mienen als aus den gutgemeinten Worten der Frau Löwenstein und vertiefte sich auf seinem Gange immer mehr in seine verzweiflungsvolle Sttmmung hinein, so daß er in seiner liebevollen Angst jede Hoffnung aufgab. Zu seiner Sttmmung stand das lächelnde Gesicht, womit ihn der Landrat empfing, im entschiedensten Gegensatz. „Ach, braver Bursche", rief er ihm zu, „ich habe ihm eine' gute Nachricht mitzuteilen." Daniel stand mit versteinerten Zügen ohne sich zu rühren oder zu antworten. „So freu er sich doch, er närrischer Bursche, und mach er nicht ein so langweiliges Gesicht. Ich habe ihm seinen Schutzbrief besorgt, er kann ihn gleich mitnehmen, die Gebühr lasse ich später erheben, ich wollte ihm nur die freudige Nachricht so rasch wie möglich und persönlich zukommen lassen." „Ich will keinen Schutz." „Was? was will er denn?" „Ich will nach Amerika." „Ist er närrisch geworden, er undankbarer Bursche, er will doch die Tochter seines Herrn heiraten." Da ging ein Zittern durch den Körper Daniels, mit krampfhaft geballten Fäusten stand er da und mit den Zähnen knirschend zischte er: „Die ist tot, Herr Landrat, ehe ich nach Hause komme." Der Landrat fühlte menschlich und war unangenehm betroffen, daß seine so gut gemeinte Ueberraschung so wenig freudig ausgenommen werden konnte, aber der Beamte behielt die Oberhand, er drückte Daniel die so schwer von der Regierung erlangte Urkunde in die Hand und schob ihn hinaus. Da schlich er nun heimwärts mit der so harterkämpften amtlichen Bescheinigung, daß er den stolzen Namen Schutzjude führen dürfe, eine Urkunde die den Aermsten zum glücklichsten Menschen gemacht hätte und die er jetzt für wertlos hielt, da er im Hause eine Tote zn finden erwartete. Ein gütiges Geschick wollte es anders, es war inzwischen eine plötzliche Wendung zum Bessern ein getreten. Als einige Monate später „Reb" Chaskel zum Neujahrsfeste sich wieder als Gast einstellte, war Recha schon wieder ganz hergestcllt und öffentlich Daniels Braut. Das jüdische Neujahrfest wird nicht mit dem Klang der Champagnerkelche in rauschender Freude begonnen, sondern wir geben uns in ernster Sammlung Rechenschaft über unsere Taten im vergangenen Jahre und bitten in bescheidener Demut um eine freundliche Zukunft, nicht als berechtigten Anspruch, sondern als freies Geschenk eines gütigen Vaters. Wohl nahm Herr Jsenstein, als man sich nach dem Abendgottesdienste zum Festmahl niederließ, den Weinkelch zur Hand, aber nur, um wie an jedem andern Sabbath- und Festtage den Segen über die edelste Gabe des Erdbodens zu sprechen. Auch beim Beginn des Essens bat man nochmals um „ein gutes, süßes Jahr" und aß als symbolischen Ausdruck dieser Bitte einen Schnitt Süßapfel in Honig getaucht. Chaskel fühlte sich, angeregt durch die Brautschaft der Haustochter, gedrängt, wieder eine Rede zu halten. Selbstverständlich begann er wieder: „Was haben wir heute für einen Tag"? und vernrinte bann, daß wir irgend einen Tag der Woche hätten, erklärte vielmehr, daß man einen Gedenktag hätte und das paßte diesmal sehr gut, da der erste Neujahrstag auf einen Sabbath fiel, an dem man aus Furcht vor einer möglichen Sabbathentweihung das gebotene Schofarblasen unterläßt und des Schofarblasens nur mit Worten im Gebete gedenkt. An diesen Begriff des Gedenktages knüpfte er dann die Erinnerung an und den Dank für die glückliche Errettung Rechas und die Erreichung des ersehnten Schutzes für ihren Bräutigam. Er fuhr im zweiten Teil seiner Rede wie bei allen Gelegenheiten mit der Frage fort: „Was sagt König David?" und pries den mächtigen Schutz des allgütigen Vaters als das allein erstrebenswerte Ziel. In seinem Dankgefühl für seine freundlichen Gastgeber begeisterte er sich so, daß er sich zu prophetischer Größe aufschwang und behauptete, er sähe die Zeit herannahen, wo alle Ungleichheit verschwunden sein werde, und wo auch der Jude ohne besonder» Schutzbrief der Regierung den Schutz der Gesetze genießen werde wie alle Bürger des Landes. Und diese Prophezeiung erfüllte sich; schon die nächste Generation kannte keine Schutzjuden mehr, schon die Kinder Daniels und Rechas waren vor dem Gesetz allen Landeskindern gleichgestellt. (Tie Juden in Kreta.) Die größte Judengemeinde auf der Insel Kreta befindet sich in Canea, sie zählt ungefähr 150 Familien. In Candia gibt es blos 15 jüdische Familien. Alle Juden in Canea sprechen griechisch und leben mit ihren griechischen und mohammedanischen Mitbürgern sehr gut. Tie Judengemeinde in Kreta besitzt zwei Synagogen und eine große Schule, deren Unterrichtssprache das Griechische ist. Die Auslagen der Gemeinde werden von einigen wenigen bemittelten Juden bestritten, die gerne diese Opfer bringen. Die Gebellah (Schächtgebühr) ist nicht eingeführt, da die jüdischen Schächter nicht nur für die Juden, sondern auch für die Mohammedaner und selbst für Griechen schlachten, welch' letztere das Fleisch von rituell geschlachteten Tieren einem anderen vorziehen. Der Grand Rabbia wird direkt von der Jnselregierung bezahlt. Die Haltung der Juden von Canea läßt nichts zu wünschen übrig, ihr Familienleben ist mustergiltig, als Beweis hiefür erzählte der Grand Rabbin, daß er während seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Grand Rabbin von Kreta im ganzen 5—6mal bei Ehescheidungen zn intervenieren hatte. Die jüdischen Bewohner der Insel sind durchwegs streng religiös. An den Vorgängen der letzten Wochen waren die Juden völlig unbeteiligt, sodaß keine Partei den Juden einen Vorwurf wegen ihrer Haltung machen konnte. 3 Mk Darr Herzl N. R. Adolf J. Rc 20 M je 15 mann N. N. Farn. 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